Julia CD hat geschrieben: Mi 9. Aug 2023, 22:31
Ich sehe das nicht so, dass wir in Deutschland "nichts" tun. Allerdings werden wir Deutschen den Planeten allein nicht retten können. Ich halte es richtig und wichtig den Klimaschutz zu fördern aber mal ehrlich wie viele Entbehrungen und Einschnitte sollen wir mit unseren 0.24% der Weltweiten Landmasse noch hinnehmen während die wirklich großen Nationen wie USA, China, Russland etc. auf den Klimaschutz nen dicken Haufen setzen.
Ich bin Bereit meinen Teil beizutragen indem ich nur mit dem Auto fahre wenn es wirklich sein muss und auch meinen Fleischkonsum mittlerweile reduziere. Wenn ich mir aber die Preisentwicklungen bei der Energieversorgung ansehe weil wir hier alles auf erneuerbar umstellen wollen und den fehlenden Strom teuer im Ausland einkaufen hört mein Verständnis auf. Ich zahle einen haufen Steuern wodurch mir von meinem Gehalt schon echt wenig bleibt und soll dann noch dafür zahlen die Welt zu retten, was völlig unmöglich ist wenn nicht ALLE Länder an diesem Strang ziehen.
Okay, das gehört nicht zum Ursprungsthema, aber da hier eh das große gesellschaftspolitische Fass aufgemacht wird, möchte ich ein paar Mythen aufklären:
Wenn es richtig gemacht wird, geht es nicht um Einschnitte, sondern um anders besser machen. Es wird nur von "interessierter Seite" - denen, die uns die Fossilien verkaufen bzw für sie lobbyieren - als Verzicht und Entbehrung verkauft.
"China" hat zur Summe des gobalen CO2 Budget ähnlich wenig beigetragen wie Indien oder Afrika. D.h. die Misere nicht verschuldet. Das haben Europa und die USA und danach Russland. "China" bzw ganz Asien tut es immer noch nicht so nennenswert wie wir. Hier mal kumulativ, d.h. die Summen seit 1850:
Bildschirmfoto 2023-08-10 um 11.30.44.png
(
Quelle)
Kurzer Exkurs: Die Klimaveränderung ist - bis zu den Kipppunkten - ziemlich proportional zur Gesamtmenge der Klimagase in der Atmosphäre. Seit Beginn der industriellen Revolution ~1880 ist die CO2 Konzentration in der Atmosphäre von ~277ppm auf ~420ppm gestiegen. Das entspricht ~2455 Milliarden Tonnen CO2 (Gt). Aktuell kommen jedes Jahr ca 40Gt hinzu. Das Restbudget, um die 1,5-°C zu halten beträgt noch ca 350 GT. Den Grossteil der 2455 Gt haben wir, Europa und USA seit 1880 verschuldet. Unser Wohlstandzuwachs seit 1880 beruht darauf. Und tut es noch. Auch der aktuell Pro-Kopf-Anteil ist in EU/USA mehrfach so hoch wie in China.
Ourworldindata hat dazu die Zahlen und auf
https://globalcarbonbudget.org gibt es die Budgetrechnung.
Cumulative anthropogenic CO2 emissions for 1850—2021 totalled [...]2455 -± 240 GtCO2, of which 70% occurred since 1960 and 33 % since 2000. Total anthropogenic emissions more than doubled over the last 60 years, from 4.5 -± 0.7 GtC yr−1 for the decade of the 1960s to an average of 10.8 -± 0.8 GtC yr−1 during 2012—2021, and reaching 40.0 -± 3.3 GtCO2 in 2021. For 2022, we project global total anthropogenic CO2 emissions from fossil and land-use changes to be also around 40.5 GtCO2.
(
Global Carbon Budget 2022)
Es ist etwas billig, zuerst jahrelang den Stadtpark vollzuscheissen und dann die Neuankömmlinge wegen ihres Bonbonpapiers zu beschuldigen. Vor allem ist das kein Grund, den eigenen Müll der Vergangenheit nicht zu beseitigen.
Die meisten Solarpanele und Windräder werden übrigens aktuell in China installiert. Weil es billiger ist, als auf fossile Energie zu setzen.
Deutschland kauft keinen "fehlenden Strom teuer aus dem Ausland". Es fehlt nämlich kein Strom. Deutschland ist nach wie vor Strom-Netto-Exportland und zwar mit regenerativen Strom. Der ist nämlich billiger als fossiler oder gar nuklearer. Gekauft wird aus dem Ausland, wenn der Strom dort billiger ist als unser Kohlestrom. Die gestiegenen Stromkosten sind nicht den Erneuerbaren geschuldet, sondern gestiegenen Rohstoffpreisen für Kohle, Gas und Öl, gestiegenen Netzentgelten (die Stromkonzerne lassen sich die Durchleitung einfach mal teurer bezahlen) und jahrzehntelang hinausgezögerten Kosten für die Netzinfrastruktur. Das Stromnetz wurde nämlich seit Kohls Zeiten auf Verbrauch gefahren.
Wäre in D statt Kohle, Kernenergie und Gas/Öl die regenerative Energie plus modernes Netz dermassen gefördert worden, hätten wir seit vielen Jahren deutlich geringere Preise. Zitat: "Die Subventionen für fossile Energieträger in Deutschland sind laut IWF bezogen auf die Wirtschaftsleistung mit 1,9 Prozent — das entspricht 70 Milliarden Euro pro Jahr — noch immer sehr hoch. Allein der Preis für Kohle müsste in Deutschland viermal höher sein, als er derzeit ist. Man kann sich vorstellen, was ein fairer Preis für Kohle bedeuten würde: Diskussionen über einen "vorzeitigen" Kohleausstieg vor 2038 würden sich von selbst erledigen und die gigantischen Subventionen von 40 Milliarden Euro für den Kohleausstieg könnte sich der Staat, und damit die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, sparen." (
Marcel Fratscher, DIW, 2021)
Eigener Verzicht ist... nett aber relativ sinnlos. Das soll keine Entschuldigung für mehrere Langstreckenflüge pro Jahr, SUVs oder Regenwald-Soja gefüttertes Nackensteak sein. Jede positive Veränderung zählt. Aber das wird nicht viel retten, solange die fossilen Profitsysteme nicht grundlegend ersetzt werden. Das geht nur über Politik, auch hier in D. Beginnend tatsächlich kommunal, zB mit besserem ÖPNV und Radwegen, lokaler Vermarktung, usw. Aber letztlich mindestens Deutschland- und Europaweit.
Fazit: "Wir" im reichen globalen Norden tragen sowohl die historische, wie die aktuelle Verantwortung für die Krise. "Wir" in D hätten mit einer anderen Politik seit Jahrzehnten eine bessere Richtung einschlagen können. Uns wurde seit 1995 versprochen, dass sich gekümmert wird, aber tatsächlich ist viel zu wenig passiert. Siehe Altmaiers Vernichtungsfeldzug gegen Erneuerbare 2011 und die andauernden Fossilsubventionen. Auf ein paar Leute auf der Strasse zu schimpfen, die lediglich die EInhaltung der Versprechen bzw Verträge fordern, ist aus meiner Sicht eine völlig durchsichtige Ablenkung. Genauso wie die Mythen über "aber China" und "fehlender Strom in D". Die tatsächlichen Probleme tragen Anzug und Kravatte und sitzen weit oberhalb der Strassen.