Annette hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 07:14
Nur hätte ich mich sehr viel früher outen sollen, nicht auszudenken was ich vor 20 oder 30 Jahren bereits gewonnen hätte
Liebe Anette,
Gedanken der Art: "hätte ich doch nur!" oder "was wäre wenn?" treiben uns ständig in sämtlichen Bereichen des Daseins um und machen uns das Leben teilweise sehr schwer.
Aber ist es wirklich so, dass eine Entscheidung, die wir heute für uns als richtig erkannt haben auch vor 20 oder 30 Jahren für uns richtig gewesen wäre?
Ich weiß nicht so genau wie dein Leben verlaufen ist und natürlich weiß ich erst recht nicht, wie es verlaufen wäre.
Aber ich weiß, wie mein Leben verlaufen ist und habe das "was wäre wenn?" für mich durchgespielt:
Vor 30 Jahren, zum Studium endlich weg von Zuhause, mit der ersten eigenen Bude, hatte ich eine sehr intensive Zeit als Stubentranse. Mindestens einmal in der Woche habe ich mich zurechtgemacht und Stunden alleine im Frauenmodus in meinem 15qm Appartement verbracht. Oftmals habe ich an der Tür gestanden, mich dann aber doch nicht getraut rauszugehen.
Heute weiß ich, dass es viel schöner und erfüllender ist sich unter Menschen zu begeben und vielleicht auch mit Gleichgesinnten zu treffen.
Was wäre wenn ich damals rausgegangen wäre? Ohne das Wissen, welches ich heute habe und vor allem auch ohne die Selbstreflexion und Selbstverortung, über die ich heute verfüge. Die jungfräuliche Transe vom Lande auf der Suche nach sich selbst wäre ein dankbares Opfer für Helfersyndrom- gesteuerte Gutmenschen geworden, die mich sicherlich schnell über mich selbst aufgeklärt hätten. Wir erleben es noch heute, dass diese Gutmenschen bei allen, die Unsicherheiten in Ihrer "Rolle" zeigen, sehr schnell eine Transsexualität diagnostizieren und eine schnelle Transition empfehlen statt ernsthafte Unterstützung bei einer langsamen Selbstfindung zu geben.
Womöglich wäre ich in die Transition gegangen. Wäre das schlimm gewesen? Zunächst einmal nicht. Aber wie wäre mein Leben dann verlaufen?
Ich befand mich damals in einem schwierigen Ingenieurstudium mit hoher Abbrecherquote. Hätte ich dieses Studium unter der psychischen Belastung einer Transition zuende gebracht? Vielleicht ja. Aber dann? In der zweiten Hälfte der 1990er hatten die Babyboomer den Arbeitsmarkt für Akademiker völlig überschwemmt. Auch als cis- Mann brauchte es 70 Bewerbungen bis zur ersten Anstellung. Welcher Arbeitgeber hätte 1998 bei rechhaltigem Bewerberfeld eine Transfrau eingestellt. Hätte ich alternativ wieder in meinem gelernten Handwerksberuf arbeiten können? Zu der Zeit waren die Handwerksbetriebe noch sehr Old- School- mäßig unterwegs. Die meisten stellten nicht einmal cis- Frauen ein. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es mir damals als Transfrau auf einer Baustelle ergangen wäre. Sicherlich hätte ich irgendwann irgendwo eine Anstellung gefunden um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Zweifel aber deutlich unterhalb meiner Qualifikationen. Mit Sicherheit wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.
Arbeit ist natürlich nicht das ganze Leben und wird erfahrungsgemäß deutlich überbewertet. Also wie wäre es mir im Privatleben ergangen? Hätte ich die Frau kennengelernt, mit der ich jetzt seit über 20 Jahren zusammen bin? Wahrscheinlich nicht und wenn wären wir vermutlich kein Paar geworden. Mit Sicherheit hätten wir aber nicht die Kinder bekommen, die wir jetzt haben. Wie auch beim alten TSG mit Sterilisationszwang. Alleine diese beiden Menschen, die mir neben meiner Frau alles bedeuten, verbieten eigentlich jedes "was wäre wenn?" Gedankenspielchen.
Langer Rede kurzer Sinn: Wir wissen nicht, wie es uns mit "was wäre wenn?" ergangen wäre. Aber wir wissen wie es uns jetzt geht. Mir, und wie ich aus den anderen Posts sehe, auch dir geht es gut. Daher ist alles genau so richtig, wie es nunmal gelaufen ist! Sämtliche Gedanken daran, was wir vielleicht hätten besser machen können sind völlig unnötige Selbstquälereien.
Ich wünsche dir weiter eine gute Zeit!
Liebe Grüße
Helga