Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 5. Jun 2023, 13:03
Ist der letzte Satz nicht interessant ?
Nur durch Differenzierung gelingt es, sich von den gezielten rechten Umdeutungen und Rebiologisierungen abzugrenzen. Nur so lässt sich verhindern, dass wir glauben, Identitäten könnten "echt" und ein unabänderliches Schicksal sein.
Wer von uns ist nicht der Meinung, dass unser Schicksal im Weiblichen unabänderlich ist ? Selbst wenn ich noch so sehr differenziere, in einem bin ich mir sicher, das Prinzip Weiblichkeit in mir ist unabänderlich...
D.h. das Zitat impliziert, dass man sich von seiner Identität lösen kann. Oder überspitzt gesagt: Es ist "heilbar".
Auch nicht gerade der wahre Jakob oder habe ich etwas falsch verstanden ?
Ich denke, das steht im Absatz drüber. Ich versuche es mal in meinen Worten: Bestimmte Identitätsaspekte werden durch gesellschaftliche Strukturen gemacht und mit Erwartungen, Privilegien und Repressionen verknüpft. Zum Beispiel Weiblich, Schwarz, Behindert, "Ausländer". Es gibt aber auch Merkmale, die identitätsbestimmend für eine Person sein können, aber keine (siginfikanten) politischen Folgen haben. Blond zum Beispiel, RettungsdienstMensch, Metal Fan, usw.
Es ist sinnvoll, sagt der Absatz darüber nach meiner Lesart, die politisch relevanten ID-Aspekte herauszuarbeiten und als verbindendes Element im Kampf gegen die damit verbundenen gesellschaftlichen Nachteile zu verwenden - auch wenn jede Einzelperson noch viele andere Aspekte hat. Und das so lange, bis die Nachteile dieses Merkmals beseitigt sind und zB der Aspekt Weiblich ebensowenig Nachteile bringt wie Blond. Danach wird er nicht mehr gebraucht, kann aber immer noch für Personen wesentliches Merkmal ihres Selbstbildes sein.
Der von Dir zitierte Part wendet sich deshalb ausdrücklich dagegen, zum Beispiel "weiblich" mit Biologie zu verknüpfen, wie rechte Kräfte es tun, aber auch einige essenzialistische Feminist*innen. Darin steckt eine mehrfache Falle: Wenn du diese Art Körper hast, bist du quasi durch Naturzwang auf das eine Rollenbild verpflichtet. In der Regel submissiv, dienend, Kinder/Küche/Kirche, Mutterschaft, spirituell, usw. Du kommst aus dem Rollenbild nicht raus, andere (anderer Körper) nicht rein. Einzelne Eigenschaften dürfen nicht zwischen (biologischen) Geschlechtern vermischt werden. Und wenn dein naturgegebener Körper seine Rolle nicht erfüllen kann gibt es (soziale) Repressionen.
Das "echt" bezieht sich also darauf, aus Chromosomen bzw Körper eine unabänderliche gesellschaftliche Struktur zu konstruieren, insbesondere Machtverhältnisse, also "Du bist als Frau halt biologisch ungeeignet für männliche Eigenschaften" - naja und umgekehrt desgleichen, womit ja auch regelmässig Transgeschlechtlichkeit "wegdefiniert" wird. Das ist dann das verbindende Element von rechtsradikal/rechtsextremen, ultra-religiösen und einigen Alt-Feministinnen. Nennt sich biologischer Essenzialismus.
In einer Gesellschaft, die dies überwunden hat, kann jedes Wesen gemäss seiner inneren Natur leben[1]. Wenn du deine inneren Anteile mit einem Prinzip Weiblichkeit verbindest, wie immer das auch beschrieben sein mag, dann ist das fein, egal welchen Körper du entwickelt hast. "Weiblich" ist dann der Begriff, der dich am besten beschreibt, aber kein Zwang von aussen. Es ist dann nicht mehr nötig, zum Beispiel für das Recht zu kämpfen, deine weiblichen Aspekte leben zu können. Sie sind "echt", weil du sie in die findest und so am leidensärmsten leben kannst, nicht weil irgendwer dir etwas (anderes) aufgrund von Chromosomen oder körperlichen Features zuschreibt.
[1] solange das nicht nicht-konsensuell gewaltvoll gegenüber anderen ist.