Kriminalstatistik ist eine äusserst knifflige Sache. Sowohl die offiziellen Zahlen, wie auch das persönliche Bauchgefühl. Gibt es eine Verrohung der Gesellschaft? Oder sind wir aufmerksamer und registrieren Fälle, die früher als Bagatelle abgetan worden wären? Queerfeindliche Taten werden werden überhaupt erst seit kurzer Zeit erfasst. Die Meldequote steigt, seit die Betroffenen mehr Vertrauen in die Polizei setzen können und Kampagnen offensiv dazu auffordern. Nunja, wenigstens bei Queers, die nicht aus anderen Gründen häufig zurecht wenig Vertrauen in Polizei haben.
Ich kenne viele Jüngere, nicht nur Queers, die keine Anzeige erstatten würden. Weil sie zum Beispiel Rassismus und andere Gewalt durch Polizei erleben. Sobald eins nicht (mehr) im weissen, relativ wohlhabenden, bürgerlichen Umfeld verankert ist, tritt häufig eine Desillusionierung ein, die jede Kontaktvermeidung mit Staat und System besser erscheinen lässt. Das ist aber auch seit Jahrzehnten so.
Die Zahl der gemeldeten Gewaltdelikte geht seit 3 Jahrzehnten eher zurück, auch wenn Bild und andere Springer-Produkte konstant etwas anderes suggerieren. Wo Initiativen gestartet werden, gehen die Zahlen hoch, z.B. bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, aber offenbar nicht die Taten selber.
Kleine Anekdote: Ende 90er gab es nach Medienberichten in "Bremen die höchste Vergewaltigungsquote Deutschlands!" (also pro Kopf). Von den Zahlen der angezeigten Vergewaltigungen stimmte das. Und gleichzeitig war Bremen damals das einzige Bundesland, das eine integrierte Initiative hatte aus geschulter Polizei (Polizistinnen!), Ärztys, Staatsanwaltschaft, Beratung, Betreuung, etc. Hier trauten sich die Betroffenen die Anzeigen, weil sie sorgsam aufgenommen wurden, statt durch die Mühle gedreht zu werden. Ach guck, wie das wohl in Bayern, Hessen, Berlin ausgesehen hätte? Vermutlich ähnlich.
Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Bremen lediglich mehr vorheriges Dunkelfeld aufgerollt hat. Dunkelfeldanalyse selbst ist auch wieder knifflig. Wer befragt welche Menschen wie, mit welchen Fragen, in welchem Kontext. Welche Merkmalsgruppen sind abgebildet bei Befragten und Befragenden? Werden die Menschen in ihrem Kontext angesprochen durch Methode, Sprache, usw.?
Es liegt noch viel im argen und manches wird auch nicht besser. Ich wünsche mir tatsächlich mehr Polizei. Aber eine bessere. Nicht militärischer, hochgerüsteter, sondern geschulter, auch sortierter. Mehr Deeskalationstraining. Ausbildung in
psychologischer Ersthilfe. Stabile, kompetente, souveräne, achtsame - und diverse Menschen, die vor allem hilfreich sein wollen. Dann sind mir die Zahlen eher egal.