Helga hat geschrieben: Do 28. Apr 2022, 22:25
"Wenn ihr Spaß daran habt euch gelegentlich mal gegengeschlechtlich zu kleiden, zu fühlen und vielleicht auch vorstellen könnt eine Zeitlang so zu leben, dann behaltet diese Neigung unbedingt für euch und lebt sie heimlich aus, denn sonst wird eine Herrscharr von Helfersyndrom- gesteuerten Gutmenschen über euch herfallen und euch traumatisierende Therapien, Pubertätsblocker, Hormontherapien, Operationen und vieles Weiteres angedeihen wollen, was den Rest eures Lebens völlig verändern wird, obwohl ihr es wirklich nicht benötigt!"
Hallo,
eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob es richtig ist, hier nochmals zu schreiben. Dieser Konflikt führt schon so oft zu Eskalation und seitenlangen Diskussionen, die nur Energie kosten und doch nichts bringen.
Meist versuchen wir die eigene Sichtweise zu verteidigen und verkaufen eigene Meinungen als objektives Wissen.
Das ist für Bereiche, in denen wir für oder über uns Selbst schreiben auch die richtige Vorgehensweise. Bei Sachverhalten, deren Komplexität wir uns bestenfalls annähern können, aber eigentlich nur eigene irgendwie ähnliche Erfahrungen ins Spiel bringen, kann das der Diskussion eine vollkommen andere Richtung geben und am Problem vorbei, hin zu den eigenen Themen führen, um die es vorher gar nicht ging.
Mir wird bei Äußerungen wie "eine Heerschar von helfersyndromgesteuerten Gutmenschen" immer sehr mulmig zumute, diskreditiert diese Ausdrucksweise doch die Haltung der anderen (den so Bezeichneten) als falsch, im besten Fall gut gemeint, aber das Gegenteil bewirkend.
Die eigene Position scheint die richtige zu sein und deshalb besteht die Legitimation, Ratschläge geben zu dürfen, von einer Minderheit (im Unterschied zu der Heerschar) aufrichtiger Menschen (keine Gutmenschen) , die sich trauen das Offensichtliche zu sagen und das natürlich nicht aufgrund des Umstands, dass sie helfen möchten um des Helfens Willen (also keine Helfersyndrom), sondern nur deshalb, weil das Offensichtliche ja mal gesagt werden muss, um andere, oft unerfahrene Hilfsbedürftige (?) vor zu schnell gemachten Fehlern zu bewahren.
Ich kenne aus dem Bereich der von mir beschriebenen Fachmenschen mit Beratungserfahrung keine Person, die sich zu den hier aufgeführten Ratschlägen bezüglich körperlich verändernder Maßnahmen einfache so hinreisen lassen würde. Gerade bei Jugendlichen wird das Thema Geschlecht oft vollkommen anders aufgefasst und die beschriebene Binarität spielt eine wesentlich geringere Rolle, als in den erwähnten 80er Jahren des für Jugendliche gefühlten letzten Jahrhunderts oder Jahrtausends.
Die Bereitschaft sich Auszuprobieren und keiner genormten geschlechtlichen Auffassungen entsprechen zu wollen, ist sehr groß. Bei jüngeren Kindern scheint das Bedürfnis, den gängigen Mustern entsprechen zu wollen, hingegen noch sehr groß. Hier bedarf es aber meist keiner verändernden Maßnahme, um diesem Wunsch entsprechen zu können.
Mit dem Beginn der Pubertät ändert sich das und das verlangt von allen die beschriebene Sensibilität. Aussagen wie"du darfst sein wie du willst" helfen nichts, wenn das Bedürfnis des körperlichen Ausdrucks von den gegebenen Features abweicht. Zu dieser Aussage gehört dann irgendwann auch, dass die Bedürfnisse wirklich ernst genommen werden und mit den oben beschriebenen medizinischen Maßnahmen begonnen werde kann. Die Hürden für dieser Art Maßnahmen sind aber noch immer sehr hoch und für keinen Menschen wird sich nach dem Outing eine Welt eröffnen, in der sich alle Bedürftigen ohne Einschränkungen jeder Maßnahme nur zu bedienen brauchen, ähnlich einem Selbstbedienungsladen ... aber auch das wurde hier schon mehrfach und ausführlich beschrieben.
Gegen eine bedarfsgerechte therapeutische Rückversicherung, eine gute Beratung, die Zusammenarbeit mit den Eltern und dem sozialen Umfeld spricht überhaupt nichts und ist von allen gewollt, empfohlen und soweit möglich auch unbedingt notwendig. Das Ausprobierten und die Akzeptanz sind Grundlagen für alles Weitere.
Oft liegt das Problem aber nicht darin, dass diese Erkenntnis fehlen würde und die jungen Menschen mit den erwähnten Fachmenschen keine Bereitschaft zu einer solchen Zusammenarbeit hätten, sondern dass sie ihnen wegen der Ängste des Umfelds vor Veränderungen, die außerhalb des Vorstellbaren liegen, verwehrt wird. Viele Ärzt:innen und Therapeut:innen scheuen das Risiko und die Verantwortung, den meisten fehlt die Erfahrung und in der Ausbildung spielte diese so sensible Thematik bisher kaum eine Rolle (hier wage ich Aussagen, die ich gerade nicht belegen kann, da ich die Quellen hierzu nicht mehr weiß, verweisen kann ich aber auf den von Jaddy hier verlinkten Podcast
https://lila-podcast.de/trans-sein-und- ... ah-oswald/ und all die Veröffentlichungen, die es in der letzten Zeit zum Thema trans* Gesundheit gegeben hat).
Das Problem stellt also nicht die allzu leichtfertige Anwendung der hier negativ beschriebenen medizinischen Maßnahmen dar, sondern dass das nicht alle Register gezogen werden können und nach der Zeit des Ausprobierens, der Akzeptanz ... und dem dann immer noch vorhandenen Bedürfnis nach körperlichen Veränderungen bei den Betroffenen, die Hürden hierzu sehr hoch, oft unüberwindlich bleiben. Aber auch das wurde schon sehr breit ausgeführt.
Ich schreibe hier nicht bezüglich der Erfahrungen meiner eigenen Transition oder des Leids in meiner Jugend. Das liegt alles längst hinter mir und bringt die Diskussion überhaupt nicht weiter. Ich schreibe hier als selbst betroffenes Elternteil. Ich kenne ansatzweise die Problematik, den Spagat, das Spannungsfeld des Jugendlichen, die eigenen Ressentiments, die unseres Umfelds ..., die Angst vor Fehlern und das ganz vorsichtige Vorangehen. Ich kenne die Verzweiflung vieler Eltern, deren Ängste um ihr Kind und kenne Kinder und Jugendliche, die behutsam ihre Transition machen, so weit es ihrem Bedürfnis entspricht, und die endlich die eigentlichen Probleme, die oft nur Folge der vorher empfundenen Zwänge waren, losgeworden sind. Aber auch dafür gibt es keine Garantie, deshalb die behutsame Vorgehensweise.
Zu diesen guten und nachvollziehbaren Entscheidungen des behutsamen Vorgehens, des Ermöglichens vieler Schritte, die reversibel sind, gehört auch die unkompliziert zu gestaltende Wahl der Zugehörigkeit zu einer oder zu keiner der Gruppen, die wir geschlechtlich labeln (in vielen hier erwähnten Texten wird ja beschrieben, wie die geschlechtliche Zuordnung auf vielen verschiedenen Ebenen stattfindet bzw. ihren Ausdruck findet. Der Personenstand ist eben nur ein Teil davon).
Jetzt noch einmal zum eigentliche Thema:
Der Ansatz, den Ausdruck des eigenen Selbst darin zu finden, was der eigene Körper aus sich selbst heraus anbietet, halte ich für richtig und wenn es so ist, dann prima.
Wenn es allerdings nicht funktioniert, dann sollte sehr sensibel mit dem Menschen, der sich so äußert, umgegangen, die genannten Bedürfnisse ernst genommen und Hilfe ohne gesellschaftliche Ressentiments ermöglicht werden.
Und all das natürlich ohne Helfersyndrom, Gutmenschen und Ratschlägen von außen bzw. von Menschen, die zwar eine Meinung haben, aber eben keine objektive, die nicht um Rat gefragt wurden und die meist keine fundierte Ausbildung für eine Beratung haben. In so weit sind wir ja alle einer Meinung, nur sehe ich im Zugang zu den erwähnten medizinischen Maßnahmen eher eine Chance als ein Problem für die Menschen, die wir als Patinet:innen bezeichnen.
Na dann, allen ein schönes Wochenende und natürlich lieb Gruß
Alexandra