DLF: Arbeitsleben und psychische Probleme / Welche Rolle der Job bei einer Depression spielt
Verfasst: Di 16. Nov 2021, 21:50
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kann ich unterschreiben. Dazu sind Mensch und Umwelt viel zu komplex, um irgendwo zwangskausale Zusammenhänge zu konstruieren - erst recht nicht in der Psychologie. Aber Folgendes verstehe ich als Leugnungshaltung, die fern jeder Praxis ist:Was das Problem ist, ist die naive Vorstellung, dass Stress und Ärger automatisch zu depressiven Erkrankungen führen. Eine depressive Stimmung, sich gestresst fühlen, das kann auch eine ganz gesunde menschliche Reaktion auf schwierige Lebensumstände sein, und nicht Ausdruck einer Erkrankung. Leider wird das oft vermengt.
Die Kliniken sind voller Menschen mit einer F32.x / F33.x-Diagnose, die überwiegend arbeitsbedingt umgekippt sind. Nicht nur wegen Stress. Neben Notärzten, die das ewige Sterben nicht mehr mit ansehen können oder Leuten, die sich mit Posten überladen und überfordert haben, füllen Menschen die Therapierunden, die systematisch gemobbt, ausgegrenzt und kaputt gespielt worden sind. Das Modewort "Burnout" trifft auf diese nicht zu, sondern es handelt sich gem. Diagnose um eine waschechte Depression. Doch der Herr Professor entkoppelt die Erkrankung vollständig vom Lebensumfeld, so als ob die Leute in einem Vakuum existieren würden:Dass ein ungünstiges Klima am Arbeitsplatz unsere Lebensqualität verhagelt, das ist ja völlig klar, aber deswegen wird man auch nicht depressiv erkranken.
Die Theorie, dass Depressionen genetisch veranlagt und damit vererbbar sind, ist noch recht neu und wird von den mir bekannten Psychiatern sehr vorsichtig gehandelt. Vor allem ist es schwierig, "das Gen" für die Anfälligkeit herauszufiltern. Eine weitere Rolle spielt die Resilienz, die ebenfalls zu einem gewissen Teil "angeboren" ist.Aber Depressionen sind viel eigenständigere Erkrankungen. Und die meisten Menschen in der Arbeit, die eine Depression kriegen, werden nicht wegen der Arbeit depressiv, die waren oft auch schon bevor sie gearbeitet haben in der Depression. Und viele erkranken dann oft auch erneut, wenn sie vielleicht Rentner sind, denn das Entscheidende ist die Veranlagung. Und wenn man das Pech hat und so eine Veranlagung mitbekommen hat, dann rutscht man immer wieder in diesen ganz speziellen Zustand Depression, selbst wenn es einem, von außen betrachtet, eigentlich relativ gut geht. Das zu verstehen, ist nicht einfach, denn wenn ich jetzt in eine Depression rutsche, dann schaut die Depression sozusagen rum, was gibt es Negatives in meinem Leben — und die findet immer etwas, bei jedem von uns. Und wenn man arbeitet, ist das halt oft die Arbeit — und dieses Problem wird dann vergrößert und ins Zentrum gerückt. Dann meint man, das ist die Ursache. Das zu verstehen, ist sehr schwer.
Unterhaltsam ist es zudem, sich anzuschauen, wie integer der damalige Klinikdirektor war: https://www.sueddeutsche.de/wissen/muen ... -1.4545039Arbeit ist kein besonderer Risikofaktor für psychische Erkrankungen
will er offenbar durchsetzen, dass Psychiater und Psychologen auf dem Auge "Arbeitsumfeld" blind diagnostizieren. Würden alle seinem Beispiel folgen, verschwände vielleicht jedes Jahr eine Großstadt durch Suizid ...Das müssen Sie sich vorstellen, das ist jedes Jahr eine Kleinstadt, die durch Suizid verschwindet.