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Helgas Thesen

Verfasst: Mi 15. Sep 2021, 22:19
von Helga
Dieses Forum ist unbezahlbar. Ein einzelnes Individuum kann am Erfahrungsschatz und an der Gefühls- und Gedankenwelt Hunderter teilhaben, sich mit diesen vergleichen, sich von diesen abgrenzen und Lücken in der eigenen Selbsterkenntnis mit den Erfahrungen Anderer auffüllen. Dabei ergeben sich oftmals Verknüpfungen, die ein einzelner Kopf nicht herstellen könnte und Ideen, die gleichzeitig banal und völlig abgehoben wirken. In meinem Kopf führt dies zu Ansichten, die sich nicht immer mit der klassischen Lehrmeinung decken. Eine Freundin fragte mich kürzlich "Denkst du dass du klüger bist als die Fachmenschen?" Klüger bin ich natürlich nicht. Ich habe weder Psychologie noch Medizin noch irgendetwas artverwandtes studiert, aber ich habe (wir haben) den Fachmenschen einen wichtigen Vorteil voraus: Ich kann mich in die Gefühls- und Gedankenwelt eines TransX- Menschen hineinversetzen, weil ich selbst auch (zumindest ein Stück weit) so fühle und denke. Mein bestes Studienobjekt bin ich selber. Die meisten Fachmenschen sind auf Hörensagen angewiesen, nämlich auf sehr genaues Zuhören des gesagten, nicht nur des gesprochenen Wortes. Leider ist das, was gesprochen wird, nicht immer das was gedacht wurde und was gedacht wurde deckt sich nicht immer mit dem, was die Gefühlswelt hergibt. Wenn das Gesprochene dann auch noch verschriftlicht wird, ist Vieles schon verloren gegangen. Unwichtiges aber auch Wichtiges. Deswegen sollten wir immer wieder mit uns selbst in Zwiesprache gehen um Gefühle und Gedanken zu überprüfen und zu synchronisieren.
Es kommt nicht immer gut an, wenn ich meine Ansichten in fremden Threads poste. Deswegen lege ich hierfür einfach mal ein neues Thema an, in dem es definitiv nicht um Shoppen, Schminken oder Schuhe geht.
Wer Lust hat zu bestätigen oder zu widerlegen ist gerne eingeladen sich zu äußern. Gerne auch neue Denkansätze oder eigene Thesen oder Antithesen.

Helgas Thesen - Menschen sind von Natur aus genderfluide Wesen

Verfasst: Mi 15. Sep 2021, 22:33
von Helga
Ich möchte ganz gerne einen Gedanken weiterspinnen und zitiere mich mal selbst:
Helga hat geschrieben: Di 31. Aug 2021, 23:46 Ganz klar: Ich bin eine Frau. Und ich bin ein Mann. Und alles was sich dazwischen abspielt. Hier im Forum ist oft vom "wahren Ich" die Rede. Aber dieses wahre ich kann sehr trügerisch sein, insbesondere wenn es uns so süß anlächelt. Mein wahres "Ich" ist nicht auf dem biometrischen Foto in meinem männlichen Personalausweis abgebildet und auch nicht auf meinem Avatar, auch wenn mir Letzteres wesentlich besser gefällt. Mein wahres "Ich" entzieht sich leider der Abbild- Fähigkeit, da es das gesamte Spektrum abdeckt. Es war ein riesen Fehler die weiblichen Bestandteile meiner Persönlichkeit so lange zu unterdrücken. Ich habe mich selbst eingeschränkt, konnte mich nicht entfalten, es war sehr schmerzhaft. Würde ich aber jetzt vor lauter Euphorie über neu entdeckte Weiblichkeit die männlichen Bestandteile meiner Persönlichkeit unterdrücken, wäre dies ein genauso großer Fehler. Ob ich will oder nicht. In den gut 50 Jahren, die ich nur als Mann verbracht habe, hat meine Persönlichkeit auch deutliche männliche Wesenszüge entwickelt. Die Harmonie kommt dadurch zustande, dass ich beide zulasse, beiden ihren Raum gebe. Das hat durchaus praktische Vorteile. Ich kann mich deutlich besser in mein Gegenüber hineindenken. Egal, ob es männlich oder weiblich ist. Ich nutze bei meinen Entscheidungen "männliche" Analythik und "weibliches" Bauchgefühl und fahre damit sehr gut. Ich kann einfühlsam zuhören und trotzdem als stringenter Entscheider auftreten.
(Liebe Melanie, bitte entschuldige, dass ich dir deinen Thread vollgespammt habe. Der Gedanken- Überdruck hat sich einfach ein Ventil gesucht)

Fast alles, was wir heute als Unterschied zwischen Mann und Frau betrachten ist unnatürlich, menschengemacht und größtenteils innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne der letzten ca. 10.000 Jahre entstanden in der die Menschheit Städte, Gesellschaftsformen und Kulturen entwickelt hat.
Um uns nicht unnötig durch zivilisatorische Errungenschaften und gesellschaftliche Zwänge ablenken zu lassen, blicken wir zurück in die archaischen Zeiten des frühen Homo- Sapiens, dessen Tagesinhalt wohl nur darin bestand das Überleben der eigenen Person und weniger anderer ihm nahestehenden Menschen für die nächsten Tage zu sichern. Es gibt keine Kleidung, keine Behausung, keine Fortbewegungsmittel, abgesehen von einigen Steinen kein Werkzeug und keine Gebrauchsgegenstände. Gegessen wird nur, was selbst erlegt, oder selbst gesammelt wurde. Abgesehen vom nackten Körper gibt es nichts, was irgendwie als gesellschaftliches oder geschlechtliches Statussymbol herhalten konnte.

Die Natur hat beim Design dieser nackten Körper neben unterschiedlichen Ausprägungen gleicher Anlagen eigentlich nur einen wesentlichen Unterschied entworfen, der mit der Fortpflanzung zusammenhängt und für diese essentiell ist: Ein Geschlecht gibt die Samenzelle für die Nachkommen, das andere stellt die Eizelle zur Verfügung und behält die Frucht solange bei sich, bis diese einen gewissen Grad der Überlebensfähigkeit erreicht hat und das Licht der Welt erblicken kann.
Bis hierher ist die natürliche Geschlechter- (Aufgaben-) Trennung klar und eindeutig. Aber bereits mit der Geburt des Nachwuchses verwischt die Aufgabentrennung oder wird sogar aufgehoben. Das gebärende Geschlecht übernimmt zwar in der Regel für eine gewisse Zeit die Aufgabe den Nachwuchs mittels geschlechtsspezifischer Ausprägungen zu ernähren, sprich zu stillen, wir wissen aber, dass auch das andere Geschlecht in der Lage ist in Notfallsituationen diese Ausprägungen zu entwickeln. Auch Männer können theoretisch stillen. Dass Frauen nach Verlust des Samengebers genauso gut und erfolgreich auf die Jagd gehen konnten wie Männer, haben sie gerade in kriegerischen Zeiten immer wieder bewiesen.
Für den Erhalt der Art ist es unabdingbar, dass ein Geschlecht die "Rolle" des anderen übernehmen kann.

Beim Stillen sind Frauen aber erwiesenermaßen deutlich besser und leistungsfähiger weshalb sie sich mit dem Nachwuchs an einen möglichst sichereren Ort zurückziehen, um das Kind vor wilden Tieren zu schützen, was eine ebenso wichtige Aufgabe wie die Jagd darstellt. Wenn sie nicht stillen sind sie meistens schwanger, wodurch sie für die Jagd zu unbeweglich werden und lieber Früchte, Beeren, Wurzeln und ähnliches sammeln.
Damit hat sich vor ganz pragmatischem Hintergrund die erste gesellschaftlich bedingte Rollenverteilung der Menschheitsgeschichte entwickelt.

Als der Mensch sich in kühlere Regionen ausbreitet entsteht die Notwendigkeit Kleidung zu entwickeln. Die Frau, die durch Schwangerschaften periodisch an Leibesfülle zu- und wieder abnimmt, bevorzugt weite Gewänder, die dies zulassen und den Bauch nicht einschnüren. Gerne bodenlang, um die Kälte nicht zu sehr an den Leib zu lassen. Auf der Jagd, die über Stock und Stein geht und den Jäger manches Mal zwingt schnell einen Baum zu erklimmen um nicht selbst zur Beute zu werden, sind lange, weite Gewänder eher hinderlich. Der Jäger trägt kürzere Gewänder und gegebenenfalls separate "Beinkleider"
So dürfte sich stark vereinfacht dargestellt der Unterschied in der Bekleidung zwischen Mann und Frau herausgebildet haben. Eigentlich auch pragmatisch.

Diese pragmatisch bedingten Differenzierungen wurden in den letzten 10.000 Jahren zivilisatorischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung aus religiösen, spirituellen und insbesondere ideologischen Gründen derartig aufgebauscht, dass die eigentlichen Hintergründe kaum noch erkennbar sind und mangels Begründbarkeit meistens einer "Gott- gewollten" Hierarchie weichen mussten.
Zu welchen Auswüchsen dies geführt hat und leider in Teilen der Welt immer noch führt, ist hinlänglich bekannt.

In unserer sogenannten "westlichen Zivilisation" mussten Generationen von Menschen (in der Regel Frauen) hart daran arbeiten, bis diese Hierarchie einigermaßen aufgebrochen war.
Wie sah diese Emanzipation, die Befreiung aus der männlichen Vorherrschaft aus?
Zunächst ging es darum Rechte zu bekommen, die nur Männern vorbehalten waren: Das Recht über sich selbst bestimmen zu dürfen, das Recht zu wählen und gewählt zu werden. Dann ging es darum die gleiche schulische, berufliche und Universitäre Ausbildung machen zu können. Als die Gleichberechtigung formal erreicht war, ging es aber noch weiter. Das, was bislang als typisch männliche Kleidung betrachtet wurde, nimmt die Damenwelt komplett für sich in Anspruch und hat hierbei nicht einmal Hemmungen, sich direkt in der Herrenabteilung zu bedienen. Aber damit ist das Ende der Emanzipation noch nicht erreicht. Frauen übernehmen mehr und mehr Eigenschaften, Verhaltensweisen aber leider auch Unarten, die bislang als typisch männlich galten. Emanzipierte Frauen haben Durchsetzungsvermögen, sind willensstark, besitzen Führungsqualitäten, denken rational. Auf der Kehrseite sind sie rücksichtslos, laut und gewalttätig.
Sie fahren damit aber ganz gut, weil sie ihre weiblichen Qualitäten nicht außer Acht lassen und diese mit "männlichen" Eigenschaften und Verhaltensweisen kombinieren.
Ein schönes Beispiel dafür ist, dass immer mehr Frauen in der Politik in die vorderste Reihe treten.
Die Emanzipation der Frau ist nichts anderes als das Zulassen der auch bei Frauen vorhandenen männlichen Seite und das gezielte Einsetzen des gesamten Gender- Spektrums.
Hier sind die Frauen den Männern (mal wieder) einen Schritt voraus.

Re: Helgas Thesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 12:28
von Nicole Fritz
Hallo Helga,

es ist ein schwieriges Thema. Ich dachte zuerst: Mal sehen, ob überhaupt jemand darauf reagiert. Aber es gibt doch einige Danksagungen. Interesse ist also vorhanden. Antworten bleiben aber aus. Da geht es einigen wohl genauso wie mir. Ich müsste darüber nachdenken, beschäftige mich dann aber wieder mit anderen Dingen. Zudem erscheint das Thema nicht mehr in der aktuellen Übersicht und gerät damit aus dem Fokus.

Ich habe ähnliche Gedanken schon öfter bei einer Transgender-Gruppe bei Facebook geäußert und wurde deswegen jedes Mal von der Admina gemaßregelt. So etwas motiviert irgendwie nicht. Jetzt haben Ex-Mitglieder dieser Gruppe eine neue Gruppe gegründet. Mal sehen wie es da läuft.

Dann mal ein wenig zum Thema: Deine Klischeehafte Vorstellung von der so genannten Steinzeit finde ich irgendwie lustig. Ist es nicht genau das, womit man allgemein in der Gesellschaft die Rollen für Mann und Frau zu rechtfertigen versucht? Für mich ist das genauso Unsinn, wie die Behauptung Steinzeitmenschen hätten in Höhlen gelebt. Die hatten Häuser wie wir heute auch, nur die waren alle aus Holz und sind daher schon lange verfallen.

Zum Rollenbild der Geschlechter: Wenn man keine Sklaven braucht um beispielsweise riesige Monumente zur Demonstration der Macht einer selbst ernannten "Elite" zu errichten, ist auch die Rolle der Frau als "Wurf-Kuh" für möglichst viel Nachwuchs überflüssig. Um die Art zu erhalten genügen zwei oder drei Kinder für jedes Paar. Eine hohe Kindersterblichkeit, wie wir das aus dem Mittelalter oder Ländern kennen, wo Menschen von Kolonialherren ausgebeutet wurden, resultiert aus sehr schlechten Lebensbedingungen. Diese gab es in der so genannten Steinzeit noch nicht, und heute gibt es sie auch nicht mehr so häufig, weshalb die Bevölkerung explosionsartig zu wachsen begann. Bei zwei oder drei Kindern ist eine Frau nur etwa fünf Jahre von vielleicht 70 Lebensjahren schwanger oder muss ein Kleinkind pflegen. Die übrige Zeit konnte sie also mit den Männern auf die Jagd gehen und so in vollem Umfang ihren Beitrag zur Ernährung leisten. Wieso wurden sonst in steinzeitlichen Gräbern Frauen mit ihren Waffen beigesetzt?

So viel erst einmal. Jetzt steht das Thema wieder oben in der Liste.

LG Nicole

Re: Helgas Thesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 14:00
von Lana
Helga hat geschrieben: Mi 15. Sep 2021, 22:33 Die Emanzipation der Frau ist nichts anderes als das Zulassen der auch bei Frauen vorhandenen männlichen Seite und das gezielte Einsetzen des gesamten Gender- Spektrums.
Liebe Helga,

die Entwicklung deiner Theorie hat Charme. Mir erschließt sich aber nicht, warum die Frauen sich ihre Freiheiten im Rahmen der Emanzipation genommen haben, nachdem die von dir genannten "pragmatischen" Gründe weggefallen waren, aber die Männer in ihrem "archaischen" Verhalten verharrten.
Die hätten es doch viel leichter gehabt, sich über gewachsene Traditionen hinweg zu setzen, da sie in der gesellschaftlich dominanten Position waren/sind.

Wenn ich deine Gedanken nachzuvollziehen versuche, erscheint es mir nicht logisch, die angedachte Entwicklung/Emanzipation allein auf die Frauen zu beschränken.

Warum ist es nicht passiert, dass die Männer sich in aller Selbstverständlichkeit das Beste aus beiden Welten angeeignet haben?
Einfacher ausgedrückt:
Warum fand keine männliche Emanzipation statt?

LGL

Re: Helgas Thesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 21:53
von Helga
Nicole Fritz hat geschrieben: Sa 18. Sep 2021, 12:28 Deine Klischeehafte Vorstellung von der so genannten Steinzeit finde ich irgendwie lustig. Ist es nicht genau das, womit man allgemein in der Gesellschaft die Rollen für Mann und Frau zu rechtfertigen versucht?
Hallo Nicole,
ich wollte keineswegs denen nach dem Maul reden, die versuchen irgendwelche Argumente für die Aufrechterhaltung überkommener Rollenklischees zu finden. Beim Rückgriff auf die "Steinzeit" ging es mir darum die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ohne kulturellen, ideologischen oder religiösen Ballast darzustellen. Meine These ist: Es gibt einen natürlichen Unterschied zwischen Mann und Frau, der sich aus den Anforderungen der Fortpflanzung ableitet. Dies ist aber auch der einzige relevante Unterschied, sämtliche Rollenverteilungen und Geschlechterklischees sind im Laufe der Zeit künstlich gewachsen.
Natürlich sind die Frauen in der Steinzeit auf die Jagd gegangen. Dies diente dem Arterhalt. In späteren Zeiten war dies allerdings nicht mehr natürlich. Im Mittelalter hatten sich die Klischees bereits so weit verfestigt, dass (im Extremfall) Frauen und Kinder verhungert sind, wenn der "Ernährer" ausfiel.
Rollenklischees bedeuten, dass sich Frauen (denen dies bewusst ist), als auch Männer (denen dies nicht bewusst ist) in Ihren Möglichkeiten einschränken.
Liebe Grüße
Helga

Re: Helgas Thesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 22:09
von Helga
Lana hat geschrieben: Sa 18. Sep 2021, 14:00 Warum fand keine männliche Emanzipation statt?
Hallo Lana,
eine sehr gute Frage!
Die Antwort ist zweiteilig:
1. Es gibt eine männliche Emanzipation. Diese läuft aber nicht mit Getöse in der Öffentlichkeit ab, sondern eher im Stillen. Du, ich, das Forum- wir sind Teil dieser Emanzipation. Wir holen uns Fähigkeiten, Eigenschaften und äußerliche Attribute zurück, die laut dem tradierten Rollenverständnis als "unmännlich" gelten.
2. Für einen verbleibenden Teil der männlichen Welt gilt: Wer in seinem arroganten Überlegenheitsgefühl die Nase ständig gen Himmel reckt, merkt es garnicht, dass er längst überholt und zurückgelassen wurde. Es gibt Menschen, die sich ihrer Defizite ganz einfach nicht bewusst sind.
Liebe Grüße
Helga

Re: Helgas Thesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 22:40
von Lana
Liebe Helga,

Hmm, soweit ok.
So ganz zufrieden bin ich aber noch nicht :wink:
Wenn wir mal davon ausgehen, dass der weibliche Emanzipationsprozess so oder so ähnlich wie von Dir beschrieben abgelaufen ist, dann erscheint es mir trotzdem unwahrscheinlich, dass die männliche Hälte der Gesellschafte(en) über die vielen Jahre hinweg nichts davon mitbekommen haben will, bzw. dass sie nicht irgendwann die für sie positiven Anteile dieses Emanzipationsprozesses "gekapert" oder übernommen hat. Das erscheint mir ausgesprochen dumm und unlogisch, auch und gerade aus männlicher Sicht. Ich bin also nur halb überzeugt :roll:

Ich denke also, es müsste noch weitere Ursachen oder Erklärungsansätze für dieses Phänomen geben, so es denn in der von Dir beschriebenen Weise existiert. Leider habe ich keine wirkliche Idee, was das sein könnte. :?

LGL

Re: Helgas Thesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 23:04
von Nico
Helga hat geschrieben: Sa 18. Sep 2021, 22:09
Lana hat geschrieben: Sa 18. Sep 2021, 14:00 Warum fand keine männliche Emanzipation statt?
Die Antwort ist zweiteilig:
1. Es gibt eine männliche Emanzipation. Diese läuft aber nicht mit Getöse in der Öffentlichkeit ab, sondern eher im Stillen. Du, ich, das Forum- wir sind Teil dieser Emanzipation. Wir holen uns Fähigkeiten, Eigenschaften und äußerliche Attribute zurück, die laut dem tradierten Rollenverständnis als "unmännlich" gelten.
Emanzipation im Stillen ergibt für mich keinen Sinn. Wenn niemand die zurückgeholten Eigenschaften oder Äußerlichkeiten zu sehen bekommt, wird es nicht zur Emanzipation kommen. Es braucht Menschen die Sichtbar sind.

Habe eigene Thesen:
1. Ab einem Punkt in der Geschichte hatten die Frauen weniger Rechte als Männer. Frauen hatten weniger oder kaum die Möglichkeit ihr eigenes Leben zu führen. Die Unterdrückung hat alle Frauen betroffen. Das Bedeutet viel Frauenpower, um das zu ändern.

2. Wenn ihr von männlicher Emanzipation sprecht, meint ihr, dass Männer auch ihre "unmännliche" Seiten zeigen dürfen. Wie viele Männer haben ein Problem mit der Rolle, die die Gesellschaft verlangt? Wie viele Männer davon haben die Energie oder können nicht mehr anders als sich dafür einzusetzen? Ich schätze nicht so viele, bedeutet wenig Menpower für die männlichen Emanzipation.

Eine Frage von mir: Gibt es wirklich eine Rolle, die die Gesellschaft von uns einfordert oder sind es wir selber die uns einsperren?

Gruß Uhu

Re: Helgas Thesen -„ Menschen sind von Natur aus genderfluide Wesen

Verfasst: Sa 18. Sep 2021, 23:04
von Helga
Ich möchte diese These mit einem Beispiel belegen, das mir fast tagtäglich eindrucksvoll vor Augen geführt wird:
(Amateur-) Reitsport war bis vor etwa 50 Jahren eine stark männlich dominierte Angelegenheit. Ein ausgewachsenes Pferd wiegt 600-800 kg. Ein Menschenwesen mit einem Zehntel an Körpergewicht und -Kraft muss schon einiges an Durchsetzungsvermögen aufbringen, um diese Tiere dazu zu bringen Kommandos zu folgen.
Durchsetzungsvermögen war laut Rollenklischee eine männliche Eigenschaft, also haben die meisten Frauen sich dies erst garnicht zugetraut.
Wenn ich heutzutage mit meiner Tochter in den Reitstall fahre, treffe ich dort fast ausschließlich Frauen aller Altersstufen. Der einzige Mann dort ist der Stallknecht.
Was ist passiert? Irgendwann wurde klar, dass Frauen doch über das notwendige Durchsetzungsvermögen verfügen. Und sie verfügen über weitere Eigenschaften, die beim Reiten sehr wichtig sind: Empathie und Feingefühl. Auch wenn es nach außen so aussieht: Ein Pferd wird nur zum geringsten Teil über die Zügel "gesteuert". Trotz des sperrigen Sattels erfolgt die Kommunikation über den gesamten Körper. Schenkeldruck, Gewichtsverlagerung, Körperspannung, etc. Pferd und Reiter*in arbeiten so intensiv zusammen, dass sie fast zu einem Verbundwesen werden. Pferd spürt jede Unsicherheit von Reiter*in, Reiter*in spürt jede Taktunreinheit im Bewegungsablauf des Pferdes.
Diese Eigenschaften sind in der Klischee- Rolle für Männer nicht enthalten, weshalb der Reitsport mittlerweile von Frauen dominiert wird.
Lediglich beim Fahren mit dem Pferdeanhänger kann ich noch männliche "Überlegenheit" unter Beweis stellen, weil meine Frau sich dies gemäß ihrem angelernten Rollenklischee nicht zutraut, obwohl sie es garantiert könnte. Spätestens wenn meine Tochter ihren Führerschein hat, wird aber auch diese Männerdomäne fallen.
Nur nebenbei und völlig- off- topic: Dies Szenen, die wir vom olympischen Fünfkampf in der Tagesschau sehen konnten, zeugen von einem völligen Unverständnis im Umgang mit diesen sebsiblen Tieren. Der Vorwurf ist aber nicht der verzweifelten Reiterin zu machen, sondern denjenigen, die entschieden haben, dass Reiter und Pferd zusammengelost werden. So etwas geht überhaupt nicht. Reiter*in und Pferd brauchen Zeit ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Einsteigen und los- das kann bei Autos klappen, bei Pferden garantiert nicht.
Liebe Grüße
Helga

Re: Helgas Thesen

Verfasst: So 19. Sep 2021, 01:15
von Nicole Fritz
Hallo Helga,

zum Beispiel Pferd fällt mir gerade Liesl Karlstadt ein - die Bühnen-Partnerin von Karl Valentin. Die hat nämlich 1941 bis 1943 als Frau bei den Gebirgsjägern gedient. Dort wurden Mulis als Lasttiere eingesetzt. Und die gehorchten den Männern einfach nicht. Für Liesl war es kein Problem dort 'Gefreiter Gustl' zu sein, weil sie ja für den Karl alle weiblichen und männlichen Rollen spielen musste. Mit irgend jemand anderem als Liesl kam der Karl nicht klar.

LG Nicole

Re: Helgas Thesen

Verfasst: So 19. Sep 2021, 22:08
von Helga
Lana hat geschrieben: Sa 18. Sep 2021, 22:40 Wenn wir mal davon ausgehen, dass der weibliche Emanzipationsprozess so oder so ähnlich wie von Dir beschrieben abgelaufen ist, dann erscheint es mir trotzdem unwahrscheinlich, dass die männliche Hälte der Gesellschafte(en) über die vielen Jahre hinweg nichts davon mitbekommen haben will, bzw. dass sie nicht irgendwann die für sie positiven Anteile dieses Emanzipationsprozesses "gekapert" oder übernommen hat. Das erscheint mir ausgesprochen dumm und unlogisch, auch und gerade aus männlicher Sicht. Ich bin also nur halb überzeugt
Hallo Lana,
halb überzeugt ist besser als halb abgelehnt!
Um nicht falsch verstanden zu werden: Männliche Emanzipation bedeutet nicht zwangsläufig sich in Frauenkleider zu hüllen. Auch cis- Männer können emanzipiert oder zumindest teil- emanzipiert sein. Allein das Rollenbild des "idealen Mannes" hat in den letzten Jahrzehnten spürbare Änderungen vollzogen und dabei auch deutliche Anlehnungen beim weiblichen Rollenbild genommen. Beispiel: Für die Generation meines Großvaters (Jahrgang 1900) war es undenkbar ein Baby zu wickeln oder zu füttern, für die Familie das Essen zu kochen oder die Toilette zu putzen. Dies waren ganz klar Aufgaben der Frau. Für die Generation meines Vaters (Jahrgang 1932) war der eine oder andere Punkt aus der Aufzählung zumindest vorstellbar. Für meine Generation und insbesondere die Generation der jetzt jungen Väter sind dies weitestgehend Selbstverständlichkeiten. Dass unsere Großväter freiwillig darauf verzichteten Zeit mit ihren Kindern zu verbringen ist uns heute kaum verständlich, hat ihnen aber früher das Rollenklischee diktiert.
Ein anderes Beispiel: Der sture Betonkopf und Prizipienreiter, der sich noch vor 30 Jahren fast überall dort fand, wo Bürger etwas "von Amts wegen" erledigen mussten, ist zwar noch nicht ganz ausgestorben, wurde aber deutlich zurückgedrängt.
Um dir die Veränderung des männlichen Rollenbildes vor Augen zu führen vergleiche Filme oder Fernsehserien aus den 1960ern mit heutigen. Beispielsweise eine Folge "Stahlnetz" mit einem modernen "Tatort". Die Unterschiede sind schon recht deutlich. Männer sind im Durchschnitt einfühlsamer, liebevoller, kompromissbereiter geworden.
Dass sie nicht noch mehr kapern konnten liegt (Achtung! schmales Brett auf dünnem Eis) teilweise mit an den Frauen, die sich trotz der eigenen Emanzipation einen Mann nach altem Rollenklischee wünschen.
Liebe Grüße
Helga

Re: Helgas Thesen

Verfasst: So 19. Sep 2021, 22:39
von Helga
Uhu hat geschrieben: Sa 18. Sep 2021, 23:04 Eine Frage von mir: Gibt es wirklich eine Rolle, die die Gesellschaft von uns einfordert oder sind es wir selber die uns einsperren?
Hallo Uhu,,
die Gesellschaft als Makro- Kollektiv fordert, dass wir: unsere Rolle als Steuerzahler*in, als Verkehrsteilnehmer*in, oder als Erziehungsberechtigte*r erfüllen... . Dies fordert sie aber von allen Mitgliedern der Gesellschaft, unabhängig vom Geschlecht. Mit Aussetzung der Wehrpflicht wüsste ich tatsächlich nichts, was die Gesellschaft nur von Männern (oder auch nur von Frauen) fordern würde.
Anders kann es im Mikro- Kollektiv aussehen. Eltern, Kinder, Partner*innen, Freunde, Vorgesetzte, also direkte Bezugspersonen können durchaus ein ganz bestimmtes Rollenverhalten einfordern. Sie üben zwar keine legislative, judikative oder exekutive Gewalt aus, aufgrund der persönlichen Beziehung fällt es uns aber sehr schwer diese Forderung nicht zu erfüllen.
Liebe Grüße
Helga

Re: Helgas Thesen

Verfasst: So 19. Sep 2021, 22:41
von Lana
Liebe Helga,

dann sind die Herren halt mal wieder ein bisschen arg spät dran bei der Geschichte. Aber immerhin: besser spät als nie!
NB: So kenn ich das ja auch von mir selbst :|
Helga hat geschrieben: So 19. Sep 2021, 22:08Dass sie nicht noch mehr kapern konnten liegt (Achtung! schmales Brett auf dünnem Eis) teilweise mit an den Frauen, die sich trotz der eigenen Emanzipation einen Mann nach altem Rollenklischee wünschen.
da geh ich mit :)p

LGL

Re: Helgas Thesen

Verfasst: So 19. Sep 2021, 22:49
von Helga
Nicole Fritz hat geschrieben: So 19. Sep 2021, 01:15 zum Beispiel Pferd fällt mir gerade Liesl Karlstadt ein - die Bühnen-Partnerin von Karl Valentin. Die hat nämlich 1941 bis 1943 als Frau bei den Gebirgsjägern gedient
Hallo Nicole,
großartig! Danke für das Beispiel.
https://www.susannegurschler.at/wp-cont ... lstadt.pdf
Mir war Liesl Karlstadt zwar als Bühnenpartnerin von Karl Valentin bekannt, eine Funktion, in der sie reichlich "Hosenrollen" spielte. Von diesem Abschnitt in Ihrem Lebenslauf hatte ich als Norddeutsche noch nichts gehört.
Auch wenn sie nach den Bildern nicht stealth bei den Gebirgsjägern war, ist dies doch ein schönes Beispiel dafür, wie gut es tut ab und an mal eine Auszeit vom Geschlecht zu nehmen.
Liebe Grüße
Helga

Re: Helgas Thesen

Verfasst: So 19. Sep 2021, 23:47
von Nicole Fritz
Helga hat geschrieben: So 19. Sep 2021, 22:49 Auch wenn sie nach den Bildern nicht stealth bei den Gebirgsjägern war
Wie auch immer. Aus der Entfernung hätte man da wohl keine Frau gesehen.

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LG Nicole