Der schöne Schein
Verfasst: Mo 30. Dez 2019, 08:44
Das Zulassen der weiblichen Seite hat einen interessanten Nebeneffekt: Mensch kann sich wieder selbst überraschen. Als ich kürzlich in Begleitung mit dem Vorsatz Stiefeletten zu kaufen in die Innenstadt gegangen bin, kamen wir auf der Suche nach einem bestimmten Schuhgeschäft an einer Filiale von Peek und Cloppenburg vorbei. Beim Blick in die Schaufenster erspähte ich ein Kleid, das mich auf den ersten Blick faszinierte, vielleicht sogar etwas elektrisierte: Ein knöchellanges Abendkleid mit klarem, figurbetontem Schnitt, vorne relativ hoch geschlossen (was bei meinen haarigen Dekolleté sehr vorteilhaft ist) dafür am Rücken mit tiefem Wasserfall- Ausschnitt, angedeuteten Ärmeln, am Saum leicht ausgestellt aber- ohne weiteren Zierrat, dafür komplett mit silbernen Pailletten besetzt. Ein richtig glamouröser- - Glitzerfummel, der irgendwie nach Cannes, Hollywood oder Monte Carlo aussah.- https://www.peek-und-cloppenburg.de/p/4 ... bendkleid/
Als wir später auf dem Rückweg wieder am gleichen Kaufhaus vorbei kamen, bat ich meinen Begleiter mal eben hinein zu gehen. Erstaunlich welch gute Orientierung Frauen in Modegeschäften haben. Das Kleid war nach 3 Minuten im 1.OG aufgespürt. Am Ständer hing auch Größe 42, die Umkleiden waren direkt nebenan, also los?- Aufgrund des Weihnachtsgeschäftes hatte sich an den Kabinen eine Warteschlange gebildet. Eine streng aussehende Verkäuferin regelte den Zugang zu den Umkleidekabinen. Neben denen, die amprobieren wollten, standen auch diverse Begleitpersonen hier rum und warteten. Leider setzte jetzt mein Kopfkino ein: "Du nimmst das Kleid von Ständer, stellst dich in der Schlange an, wartest bis dir eine Kabine zugewiesen wird, gehst hinein, ziehst dich um. Dann kommst du wieder raus, damit dein Begleiter dich unter den Augen der Umstehenden von allen Seiten fotografieren kann". Die Aussicht hier und jetzt die erste Travestie- Show meines Lebens zu geben hat mich dann doch abgeschreckt und ich ließ von dem Vorhaben ab. (Was mich im Nachhinein ziemlich ärgert und den Vorsatz reifen ließ die Anprobe im neuen Jahr nachzuholen)
Das Erlebnis war aber mal wieder Anlass zur Selbstreflektion. Warum bin ich so scharf auf- einen Glitzerfummel bei dem mir, abgesehen vom Tuntenball, kein Anlass einfällt- ihn auch mal außerhalb der eigenen vier Wände zu tragen?-
Ist das jetzt Oberflächlichkeit weil ich als etwas erscheinen will was ich nicht bin und nicht sein kann? Warum möchte ich mich anziehen wie ein Filmstar? Nebenbei: Auch als Crossdresser würde ich nie von "Verkleiden" sprechen oder schreiben sondern von Umziehen, Anziehen oder Zurechtmachen. Von außen betrachtet sind Crossdresser wohl die oberflächlichsten Menschen, die überhaupt vorstellbar sind. Das Aussehen wird so stark verändert dass eine völlig andere Person eines anderen Geschlechts dargestellt wird. Es ist aber trotzdem nicht oberflächlich, denn mit dieser Oberfläche versuche ich widerzuspiegeln was in meinem Innern vorgeht. Aber warum geht in meinem Innern ein glamouröses Abendkleid vor? Ich bin kein Party- Mensch, als Mann ein katastrophaler Tänzer (als Frau habe ich es bislang nie ausprobiert) und versuche Empfänge zu vermeiden.-
Erklärungsversuch: Ich gehe mal ganz weit zurück. Das Jahr 1969. Ich konnte gerade laufen, die ersten Worte sprechen, hatte verstanden, das ich ein "Ich- Individuum" war und musste jetzt meine Persönlichkeit und meinen- Umgang mit anderen Menschen entwickeln. Entwicklungspsychologen bezeichnen dies als "Sozialisierung". Ein Prozess der in mehreren Abschnitten abläuft und vermutlich nie komplett beendet ist.
Ich wuchs am Rande- einer etwas beengten bäuerlichen Dorfgemeinschaft im nordwestlichen Niedersachsen- auf. Mangels anderer Informationen mußte ich mich (wie jedes Kleinkind) an Vorbildern orientieren. Die Sortierung männlich/ weiblich fiel nicht schwer, weil eindeutig, und war auch für mich zumindest damals unzweifelhaft. Wen gab es an männlichen Vorbildern? Zunächst einmal den Vater, dann den Großvater, verschiedene- Onkels, (der Einfachheit halber wurde alles was nicht Vater oder Großvater war als "Onkel" bezeichnet). Ein etwas derbes Völkchen. Meistens in Gummistiefeln und Plattdeutsch redend. Zu politischen Ereignissen gab es immer eine Meinung, wenn auch gefärbt durch die eigene Sozialisierungsphase, die zum großen Teil in der Zeit des braunen Reiches stattgefunden hatte. Gekennzeichnet war diese Gruppe durch den Spruch "Mann von Vierzig ohne Bauch ist ein Krüppel" oder durch diesen: "Schluck un Beer mööt dor ween, ok wenn de Kinder dat Stroh ut de Holschen freet" (Schluck und Bier müssen da sein, auch wenn die Kinder das Stroh aus den Holzschuhen fressen). Letzteres war zum Glück nie notwendig, zu essen gab es immer reichlich. Viel Fleisch, viel Kartoffeln, viel Fett. Entsprechend dünn war die Generation der Großväter vertreten. Es bestand das ungeschriebene Ethos möglichst bald nach der Hofübergabe von der gemeinsamen Tafel abzutreten, was durch reichhaltigen Konsum billiger Rauchwaren der Marke "Jagdruf" oder "Dannemann Fehlfarben" deutlich forciert werden konnte. Das vorgenannten Ethos bestand für die Großmütter offensichtlich nicht. Diese zähen alten Damen, selbst noch zu Kaisers Zeiten sozialisiert,- hatten auf den meisten Hofstellen das Sagen, ohne dies zu sehr nach Außen zu zeigen. Einige dieser Großmütter entzogen sich nach damaliger kindlicher Wahrnehmung einer eindeutigen Geschlechtszuordnung, neben Halbglatzen und Bärten hatten einige Sprache und Gebahren angenommen, die sonst eher als typisch männlich bezeichnet wurden. Womit wir zu den weiblichen Vorbildern kämen. Nicht dass der als männlich klassifizierte junge Erdenmensch sich von diesen etwas hätte abschauen dürfen. Backen und Kochen waren Geheimwissenschaften in die Männer nicht eingeweiht werden durften. An erster Stelle wäre natürlich die Mutter als Erstkontakt zur menschlichen Spezies zu nennen. Dann eine Menge Tanten (der Einfachheit halber wurde alles was nicht Mutter oder Großmutter war als "Tante" bezeichnet). Einige eher still und zurückhaltend, andere eher laut und ordinär. Alle irgendwie ein wenig beschränkt im Geiste. Der Tellerrand lag an der Dorfgrenze.- Kennzeichnend für diese Gruppe war, dass ihre Mitglieder- zu jedem Anlaß und bei jeder Witterung Röcke oder Kleider trugen, darüber meist eine Schürze oder Kittelschürze. In der Leibesfülle standen sie ihren Ehegatten meist nur unwesentlich nach. Schminken war unüblich, die entsprechenden Utensilien meiner- Mutter beschränkten sich auf einen Lippenstift und eine Puderdose.
Für alle galt:- Duschen war unbekannt, am Wochenende wurde gebadet, dazwischen gab es "Tosca" oder "Sir Irisch- Moos", beziehungsweise den Hinweis:"Es darf jeder wissen wie wir unser Geld verdienen!"-
Dass das "Herz am rechten Fleck" gesessen hat, wie ein geflügelte Wort über Dorfbewohner behauptet, kann ich trotz der Doppeldeutigkeit des Ausdruckes nicht für- die gesamte Landbevölkerung bestätigen. Einige waren doch sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht.-
Wo sollte ich mich als heranwachsender- Junge bei diesen Vorbilder verorten? Wie sollte ich bei diesen Vorbildern ein Frauenbild entwickeln, mit dem ich mich irgendwann auf dies Suche nach einer Partnerin machen könnte? Und wie sollte meine damals noch verborgene weibliche Seite ihr eigenes Bild von sich selbst entwickeln?
Zum Glück gab es bereits damals ein Instrument, das auch heute noch wichtige Dienste bei der Sozialisierung von Kindern leistet: Das Fernsehen. Es gab nur drei Programme, die auch im Westen doppelt zensiert waren. Das erste mal durch die Rundfunkanstalten (die Beiräte besetzt mit Altnazis), dann durch Eltern und Großeltern. Alles was nicht deutsch sang wurde als "Pieterporter" oder Katzenmusik abgetan. Den "Beatclub" habe ich nie zu sehen bekommen, "disco" war so gerade erlaubt weil Ilja Richter so ein "Charmör" war. (Das heute so oft in historischer Verklärung herbeigesehnte Mehrgenerationenwohnen war damals die Hölle).
Aber immerhin versammelte sich die Großfamile damals in schöner Eintracht vor dem Fernseher (Streit war aufgrund des geringen Angebotes obsolet) und ließ sich die weite Welt präsentieren. In der klassischen Samstagabendunterhaltung gab es Frauen wie Daliah Lavi (https://youtu.be/kO2sQlsYqHs) Vicki Leandros (https://youtu.be/Ka89ORFu_Tc), Dalida (https://youtu.be/gpKPB2WhkkU), Katja Ebstein (https://youtu.be/smhpdO-2glM) und andere zu sehen. Große (zumindest wirkten sie so), schlanke Frauen in traumhaften Kleidern, die in kurzen Interviews einen intelligenten, weltgewandten Eindruck vermittelten. Diese schlanken, intelligenten Frauen stellten den absoluten Gegenentwurf zur Gruppe der Mutter und Tanten dar: Klein und kräftig, ideal geeignet für den Einsatz in der bäuerlichen Landwirtschaft. (Für den letzten Einschub, der Frauen als Handelsware klassifiziert möchte ich mich in aller Form entschuldigen- tatsächlich wurden aber derartige Kriterien bis in die 1980 bei der Wahl einer geeigneten Ehefrau für den Hoferben angesetzt. Treibende Kraft war hierbei insbesondere die Generation Großmutter.)-
Kein Wunder also dass der kleine Junge diesen Gegenentwurf dankbar mit in sein Frauenbild aufnahm und sich später eine Partnerin suchte die eher diesem Gegenentwurf entsprach. Auch die verborgene weibliche Seite nahm diesen Gegenentwurf dankbar für sich auf. Fernsehen war bei uns bis weit in die 1980er schwarzweiß. Vielleicht erklärt sich daraus, dass ich noch immer sehr unsicher mit Farben bin.-
Ich hatte das große Glück diesem dörflichen Mikrokosmos zu entkommen und das- Frauenbild meiner männlichen Seite weiter zu entwickeln und zu differenzieren und hoffe damit einigermaßen up to Date zu sein. Meine weibliche Seite hat das veränderte Frauenbild meiner männlichen Seite zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht für sich selbst übernommen. Warum sollte sie auch? Welche Frau will sich ihren Geschmack aufdiktieren lassen.- Da sie jahrzehntelang unterdrückt war, konnte sie ihr eigenes Bild von sich selbst noch nicht weiterentwickeln.- Ihr Stil steckt noch immer ein wenig in den frühen 1970er Jahren fest. Sie trägt gerne Kleider und Röcke, lange Haare, Pumps, tatsächlich auch Kittelschürzen aber sie schwärmt auch für glamouröse Abendkleider.-
PS: Der vorstehende Text entspricht mutmaßlich nicht dem derzeitigen Erkenntnisstand der wissenschaftlichen Lehrmeinung sondern meinen eigenen Empfindungen und Interpretationen. Sollte ein Forenmitglied anderer Meinung sein freue ich mich auf eine rege aber konstruktive Diskussion. Ich habe dies nicht geschrieben um irgendjemanden zu ärgern, zu kränken oder gar zu beleidigen. Sollte dies doch passiert sein bitte ich um Nachricht damit wir diesen Punkt aufklären können, gerne auch per PN.
Liebe Grüße
Helga
Als wir später auf dem Rückweg wieder am gleichen Kaufhaus vorbei kamen, bat ich meinen Begleiter mal eben hinein zu gehen. Erstaunlich welch gute Orientierung Frauen in Modegeschäften haben. Das Kleid war nach 3 Minuten im 1.OG aufgespürt. Am Ständer hing auch Größe 42, die Umkleiden waren direkt nebenan, also los?- Aufgrund des Weihnachtsgeschäftes hatte sich an den Kabinen eine Warteschlange gebildet. Eine streng aussehende Verkäuferin regelte den Zugang zu den Umkleidekabinen. Neben denen, die amprobieren wollten, standen auch diverse Begleitpersonen hier rum und warteten. Leider setzte jetzt mein Kopfkino ein: "Du nimmst das Kleid von Ständer, stellst dich in der Schlange an, wartest bis dir eine Kabine zugewiesen wird, gehst hinein, ziehst dich um. Dann kommst du wieder raus, damit dein Begleiter dich unter den Augen der Umstehenden von allen Seiten fotografieren kann". Die Aussicht hier und jetzt die erste Travestie- Show meines Lebens zu geben hat mich dann doch abgeschreckt und ich ließ von dem Vorhaben ab. (Was mich im Nachhinein ziemlich ärgert und den Vorsatz reifen ließ die Anprobe im neuen Jahr nachzuholen)
Das Erlebnis war aber mal wieder Anlass zur Selbstreflektion. Warum bin ich so scharf auf- einen Glitzerfummel bei dem mir, abgesehen vom Tuntenball, kein Anlass einfällt- ihn auch mal außerhalb der eigenen vier Wände zu tragen?-
Ist das jetzt Oberflächlichkeit weil ich als etwas erscheinen will was ich nicht bin und nicht sein kann? Warum möchte ich mich anziehen wie ein Filmstar? Nebenbei: Auch als Crossdresser würde ich nie von "Verkleiden" sprechen oder schreiben sondern von Umziehen, Anziehen oder Zurechtmachen. Von außen betrachtet sind Crossdresser wohl die oberflächlichsten Menschen, die überhaupt vorstellbar sind. Das Aussehen wird so stark verändert dass eine völlig andere Person eines anderen Geschlechts dargestellt wird. Es ist aber trotzdem nicht oberflächlich, denn mit dieser Oberfläche versuche ich widerzuspiegeln was in meinem Innern vorgeht. Aber warum geht in meinem Innern ein glamouröses Abendkleid vor? Ich bin kein Party- Mensch, als Mann ein katastrophaler Tänzer (als Frau habe ich es bislang nie ausprobiert) und versuche Empfänge zu vermeiden.-
Erklärungsversuch: Ich gehe mal ganz weit zurück. Das Jahr 1969. Ich konnte gerade laufen, die ersten Worte sprechen, hatte verstanden, das ich ein "Ich- Individuum" war und musste jetzt meine Persönlichkeit und meinen- Umgang mit anderen Menschen entwickeln. Entwicklungspsychologen bezeichnen dies als "Sozialisierung". Ein Prozess der in mehreren Abschnitten abläuft und vermutlich nie komplett beendet ist.
Ich wuchs am Rande- einer etwas beengten bäuerlichen Dorfgemeinschaft im nordwestlichen Niedersachsen- auf. Mangels anderer Informationen mußte ich mich (wie jedes Kleinkind) an Vorbildern orientieren. Die Sortierung männlich/ weiblich fiel nicht schwer, weil eindeutig, und war auch für mich zumindest damals unzweifelhaft. Wen gab es an männlichen Vorbildern? Zunächst einmal den Vater, dann den Großvater, verschiedene- Onkels, (der Einfachheit halber wurde alles was nicht Vater oder Großvater war als "Onkel" bezeichnet). Ein etwas derbes Völkchen. Meistens in Gummistiefeln und Plattdeutsch redend. Zu politischen Ereignissen gab es immer eine Meinung, wenn auch gefärbt durch die eigene Sozialisierungsphase, die zum großen Teil in der Zeit des braunen Reiches stattgefunden hatte. Gekennzeichnet war diese Gruppe durch den Spruch "Mann von Vierzig ohne Bauch ist ein Krüppel" oder durch diesen: "Schluck un Beer mööt dor ween, ok wenn de Kinder dat Stroh ut de Holschen freet" (Schluck und Bier müssen da sein, auch wenn die Kinder das Stroh aus den Holzschuhen fressen). Letzteres war zum Glück nie notwendig, zu essen gab es immer reichlich. Viel Fleisch, viel Kartoffeln, viel Fett. Entsprechend dünn war die Generation der Großväter vertreten. Es bestand das ungeschriebene Ethos möglichst bald nach der Hofübergabe von der gemeinsamen Tafel abzutreten, was durch reichhaltigen Konsum billiger Rauchwaren der Marke "Jagdruf" oder "Dannemann Fehlfarben" deutlich forciert werden konnte. Das vorgenannten Ethos bestand für die Großmütter offensichtlich nicht. Diese zähen alten Damen, selbst noch zu Kaisers Zeiten sozialisiert,- hatten auf den meisten Hofstellen das Sagen, ohne dies zu sehr nach Außen zu zeigen. Einige dieser Großmütter entzogen sich nach damaliger kindlicher Wahrnehmung einer eindeutigen Geschlechtszuordnung, neben Halbglatzen und Bärten hatten einige Sprache und Gebahren angenommen, die sonst eher als typisch männlich bezeichnet wurden. Womit wir zu den weiblichen Vorbildern kämen. Nicht dass der als männlich klassifizierte junge Erdenmensch sich von diesen etwas hätte abschauen dürfen. Backen und Kochen waren Geheimwissenschaften in die Männer nicht eingeweiht werden durften. An erster Stelle wäre natürlich die Mutter als Erstkontakt zur menschlichen Spezies zu nennen. Dann eine Menge Tanten (der Einfachheit halber wurde alles was nicht Mutter oder Großmutter war als "Tante" bezeichnet). Einige eher still und zurückhaltend, andere eher laut und ordinär. Alle irgendwie ein wenig beschränkt im Geiste. Der Tellerrand lag an der Dorfgrenze.- Kennzeichnend für diese Gruppe war, dass ihre Mitglieder- zu jedem Anlaß und bei jeder Witterung Röcke oder Kleider trugen, darüber meist eine Schürze oder Kittelschürze. In der Leibesfülle standen sie ihren Ehegatten meist nur unwesentlich nach. Schminken war unüblich, die entsprechenden Utensilien meiner- Mutter beschränkten sich auf einen Lippenstift und eine Puderdose.
Für alle galt:- Duschen war unbekannt, am Wochenende wurde gebadet, dazwischen gab es "Tosca" oder "Sir Irisch- Moos", beziehungsweise den Hinweis:"Es darf jeder wissen wie wir unser Geld verdienen!"-
Dass das "Herz am rechten Fleck" gesessen hat, wie ein geflügelte Wort über Dorfbewohner behauptet, kann ich trotz der Doppeldeutigkeit des Ausdruckes nicht für- die gesamte Landbevölkerung bestätigen. Einige waren doch sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht.-
Wo sollte ich mich als heranwachsender- Junge bei diesen Vorbilder verorten? Wie sollte ich bei diesen Vorbildern ein Frauenbild entwickeln, mit dem ich mich irgendwann auf dies Suche nach einer Partnerin machen könnte? Und wie sollte meine damals noch verborgene weibliche Seite ihr eigenes Bild von sich selbst entwickeln?
Zum Glück gab es bereits damals ein Instrument, das auch heute noch wichtige Dienste bei der Sozialisierung von Kindern leistet: Das Fernsehen. Es gab nur drei Programme, die auch im Westen doppelt zensiert waren. Das erste mal durch die Rundfunkanstalten (die Beiräte besetzt mit Altnazis), dann durch Eltern und Großeltern. Alles was nicht deutsch sang wurde als "Pieterporter" oder Katzenmusik abgetan. Den "Beatclub" habe ich nie zu sehen bekommen, "disco" war so gerade erlaubt weil Ilja Richter so ein "Charmör" war. (Das heute so oft in historischer Verklärung herbeigesehnte Mehrgenerationenwohnen war damals die Hölle).
Aber immerhin versammelte sich die Großfamile damals in schöner Eintracht vor dem Fernseher (Streit war aufgrund des geringen Angebotes obsolet) und ließ sich die weite Welt präsentieren. In der klassischen Samstagabendunterhaltung gab es Frauen wie Daliah Lavi (https://youtu.be/kO2sQlsYqHs) Vicki Leandros (https://youtu.be/Ka89ORFu_Tc), Dalida (https://youtu.be/gpKPB2WhkkU), Katja Ebstein (https://youtu.be/smhpdO-2glM) und andere zu sehen. Große (zumindest wirkten sie so), schlanke Frauen in traumhaften Kleidern, die in kurzen Interviews einen intelligenten, weltgewandten Eindruck vermittelten. Diese schlanken, intelligenten Frauen stellten den absoluten Gegenentwurf zur Gruppe der Mutter und Tanten dar: Klein und kräftig, ideal geeignet für den Einsatz in der bäuerlichen Landwirtschaft. (Für den letzten Einschub, der Frauen als Handelsware klassifiziert möchte ich mich in aller Form entschuldigen- tatsächlich wurden aber derartige Kriterien bis in die 1980 bei der Wahl einer geeigneten Ehefrau für den Hoferben angesetzt. Treibende Kraft war hierbei insbesondere die Generation Großmutter.)-
Kein Wunder also dass der kleine Junge diesen Gegenentwurf dankbar mit in sein Frauenbild aufnahm und sich später eine Partnerin suchte die eher diesem Gegenentwurf entsprach. Auch die verborgene weibliche Seite nahm diesen Gegenentwurf dankbar für sich auf. Fernsehen war bei uns bis weit in die 1980er schwarzweiß. Vielleicht erklärt sich daraus, dass ich noch immer sehr unsicher mit Farben bin.-
Ich hatte das große Glück diesem dörflichen Mikrokosmos zu entkommen und das- Frauenbild meiner männlichen Seite weiter zu entwickeln und zu differenzieren und hoffe damit einigermaßen up to Date zu sein. Meine weibliche Seite hat das veränderte Frauenbild meiner männlichen Seite zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht für sich selbst übernommen. Warum sollte sie auch? Welche Frau will sich ihren Geschmack aufdiktieren lassen.- Da sie jahrzehntelang unterdrückt war, konnte sie ihr eigenes Bild von sich selbst noch nicht weiterentwickeln.- Ihr Stil steckt noch immer ein wenig in den frühen 1970er Jahren fest. Sie trägt gerne Kleider und Röcke, lange Haare, Pumps, tatsächlich auch Kittelschürzen aber sie schwärmt auch für glamouröse Abendkleider.-
PS: Der vorstehende Text entspricht mutmaßlich nicht dem derzeitigen Erkenntnisstand der wissenschaftlichen Lehrmeinung sondern meinen eigenen Empfindungen und Interpretationen. Sollte ein Forenmitglied anderer Meinung sein freue ich mich auf eine rege aber konstruktive Diskussion. Ich habe dies nicht geschrieben um irgendjemanden zu ärgern, zu kränken oder gar zu beleidigen. Sollte dies doch passiert sein bitte ich um Nachricht damit wir diesen Punkt aufklären können, gerne auch per PN.
Liebe Grüße
Helga