Sich selbst lieben - TS oder nicht?
Verfasst: So 2. Jul 2017, 21:15
Hallo allerseits,
es fällt mir auf, dass sich nun wohl vermehrt junge Menschen als transsexuell outen. In meiner Jugend hätte das einen kompletten Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet, weshalb es kaum jemand wagte. Schwul sein war per Gesetz verboten und TV, TS galt als krank und pervers. Es gab auch keine Foren im Internet, in denen man sich hätte schlau machen können. Also zog ich nur heimlich Frauenkleidung an und zeigte mich schon einmal als Frau beim Karneval oder auf Partys. Heute stößt man im Internet schnell auf die passenden Beiträge. Das Problem wird bewusst. So ging es mir ja schließlich auch - nur eben viel später.
Wer noch jung ist, hat wenig Geduld. Er kommt mit seiner Rolle als Mann nicht klar - aus Erfolgsdruck oder irgendwelchen anderen Gründen - und fühlt sich plötzlich wohl, wenn er Frauenkleidung trägt und so dieser ungeliebten Rolle entkommt. Dann informiert er sich über Transsexualität und meint vielleicht: Wenn ich meine Verwandlung hinter mich gebracht habe, bin ich als Frau glücklich; also muss ich so schnell wie möglich da hin kommen. Dazu kommt vielleicht noch ein unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken sich als nicht richtige Frau in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Also frage ich mich nun selbst, ob ich transsexuell bin. Die klare Antwort ist: Ich weiß es nicht. Da ist erst einmal diese verhasste Rolle als Mann, der ich gefühlsmäßig entfliehen kann, wenn ich Frauenkleider anziehe. Von meiner Sexualität her bin ich aber immer noch Mann. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen mir etwas weg operieren zu lassen.
Man hat mir einmal gesagt: Wenn man jemand anderen lieben will, muss man sich erst einmal selbst lieben. Und ich denke, das stimmt. Als Mann bin ich einfach nicht in der Lage mich selbst als die Person darzustellen, die ich bin. Da ist immer der Mann, den meine Mutter und andere aus mir machen wollten. Für mich ist er eine lächerliche Witzfigur. Wenn ich mich so im Spiegel sehe, wird mir schlecht. Am schlimmsten ist es mit Anzug und Krawatte.
Wenn ich Männersachen einkaufe, frage ich mich: könnte das meinen Kollegen oder meinem Chef gefallen? Mir selbst gefällt nämlich nichts von den Sachen. Also stelle ich am Ende die Person dar, von der ich meine, dass man sie von mir erwartet, und nicht die, die ich bin oder sein möchte. Und diese Person hasse ich, diese Witzfigur. Wenn ich dann für mich alleine ich selbst sein will, ziehe ich aus Protest alte schmutzige Sachen an. Früher werkelte ich dann ständig am Motorrad, Auto oder Haus herum. So richtig wohl fühlte ich mich dabei aber auch nicht. Nur der Druck von den anderen war weg.
Völlig anders ist es, wenn ich für Nicole einkaufe. Männersachen werden immer im Schnellgang abgearbeitet, bei Damenbekleidung kann ich mir aber Zeit lassen. Da suche ich in aller Ruhe, bis mir etwas gefällt. Und ich frage nicht: gefällt es meinen Kollegen oder meinem Chef? Es muss mir gefallen! Wenn ich dann Nicole im Spiegel sehe, bin ich mit dem, was ich erblicke, weitgehend zufrieden. Gut. Den Bart könnte man vielleicht - wie auch sonstige Körperbehaarung - irgendwie vollständig entfernen. Es muss aber nicht jetzt sein. Das es da unten einen Penis gibt und die Brüste nicht echt sind, fällt erst einmal nicht weiter auf. Also gefällt mir Nicole und ich mag sie. Den Mann im Spiegel hasse ich aber.
Bei Nicole stören mich meine kaputten braun verfärbten Zähne. Wer etwas, das er nicht leiden kann, pflegen soll, dem ist das einfach nur furchtbar lästig. Also beschränkt er es auf ein Minimum oder lässt es ganz - je nachdem wie groß der Druck von außen ist. Wenn man dagegen etwas liebt, dann kümmert man sich darum. Als Nicole wäre es zu einem solchen Bild bei den Zähnen sicherlich gar nicht erst gekommen.
Mit der Liebe hat es bei mir nie wirklich funktioniert. Die Frauen sahen in mir den Mann, den ich spielte und nicht wirklich sein wollte. So entwickelte sich bei mir eine immer größere Angst diese Rolle auf die Dauer nicht spielen zu können. Ich befürchtete einen Zusammenbruch, den ich meiner Familie auf keinen Fall zumuten konnte. Unterbewusst sorgte ich also dafür, dass es mit der Liebe nicht richtig funktionierte - bis die Beziehung schließlich auseinander ging.
Warum erzähle ich das alles? Die Rolle als Mann ist in unserer Gesellschaft von extremem Konkurrenzdruck geprägt. Wer einen sensiblen Charakter hat, kommt damit nur schlecht oder überhaupt nicht klar. Dann kann das Tragen von Frauenkleidung eine Möglichkeit sein, diesem Druck zu entfliehen. Das hat erst einmal mit Transsexualität nichts zu tun. Man steckt nicht im falschen Körper, sondern "nur" in der falschen Rolle. Also sollte es genügen, wenn man zeitweilig oder ganz lediglich die Rolle ändert, so wie ich es zur Zeit mache.
Wenn man sich schließlich ganz für die weibliche Rolle entscheidet, kommt sicherlich auch der Wunsch auf den Körper entsprechend anzupassen. Also erst einmal Körperbehaarung entfernen, dann vielleicht eigene Brüste, weibliche Stimme, usw. Da muss man sich aber nach und nach hinein finden. Wer schließlich den dauerhaft angepassten Körper auch nicht leiden kann, ist genau so unglücklich wie vorher. Ich bezweifle zudem, dass ein Psychologe mit seinem theoretischen Wissen eindeutig erkennen kann, ob jemand transsexuell ist. Er kann schließlich nur das auswerten, was man ihm erzählt. Wirklich wissen kann es doch nur jeder für sich selbst.
Ich befürchte, die zahlreichen Erfolgsgeschichten derer, die es geschafft haben, vermitteln hier im Forum einem Neuzugang leicht ein falsches Bild. Man möchte seinen Schwestern natürlich gerne erzählen, dass man nach GAOP und allen damit verbundenen Hürden nun endlich glücklich ist. Endlich ist es geschafft und es muss raus. Bei einem jungen Menschen, der in seiner Rolle als Mann einfach nur unglücklich ist, kann das aber leicht falsch ankommen. Und sehr viele lesen sicherlich lange als Gast hier im Forum, bevor sie sich anmelden und vorstellen.
Ich sehe hier eine Entwicklung, auf die wir hier im Forum unbedingt reagieren sollten. Mit diesem Beitrag möchte ich einen ersten Schritt in diese Richtung machen.
LG Nicole
es fällt mir auf, dass sich nun wohl vermehrt junge Menschen als transsexuell outen. In meiner Jugend hätte das einen kompletten Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet, weshalb es kaum jemand wagte. Schwul sein war per Gesetz verboten und TV, TS galt als krank und pervers. Es gab auch keine Foren im Internet, in denen man sich hätte schlau machen können. Also zog ich nur heimlich Frauenkleidung an und zeigte mich schon einmal als Frau beim Karneval oder auf Partys. Heute stößt man im Internet schnell auf die passenden Beiträge. Das Problem wird bewusst. So ging es mir ja schließlich auch - nur eben viel später.
Wer noch jung ist, hat wenig Geduld. Er kommt mit seiner Rolle als Mann nicht klar - aus Erfolgsdruck oder irgendwelchen anderen Gründen - und fühlt sich plötzlich wohl, wenn er Frauenkleidung trägt und so dieser ungeliebten Rolle entkommt. Dann informiert er sich über Transsexualität und meint vielleicht: Wenn ich meine Verwandlung hinter mich gebracht habe, bin ich als Frau glücklich; also muss ich so schnell wie möglich da hin kommen. Dazu kommt vielleicht noch ein unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken sich als nicht richtige Frau in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Also frage ich mich nun selbst, ob ich transsexuell bin. Die klare Antwort ist: Ich weiß es nicht. Da ist erst einmal diese verhasste Rolle als Mann, der ich gefühlsmäßig entfliehen kann, wenn ich Frauenkleider anziehe. Von meiner Sexualität her bin ich aber immer noch Mann. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen mir etwas weg operieren zu lassen.
Man hat mir einmal gesagt: Wenn man jemand anderen lieben will, muss man sich erst einmal selbst lieben. Und ich denke, das stimmt. Als Mann bin ich einfach nicht in der Lage mich selbst als die Person darzustellen, die ich bin. Da ist immer der Mann, den meine Mutter und andere aus mir machen wollten. Für mich ist er eine lächerliche Witzfigur. Wenn ich mich so im Spiegel sehe, wird mir schlecht. Am schlimmsten ist es mit Anzug und Krawatte.
Wenn ich Männersachen einkaufe, frage ich mich: könnte das meinen Kollegen oder meinem Chef gefallen? Mir selbst gefällt nämlich nichts von den Sachen. Also stelle ich am Ende die Person dar, von der ich meine, dass man sie von mir erwartet, und nicht die, die ich bin oder sein möchte. Und diese Person hasse ich, diese Witzfigur. Wenn ich dann für mich alleine ich selbst sein will, ziehe ich aus Protest alte schmutzige Sachen an. Früher werkelte ich dann ständig am Motorrad, Auto oder Haus herum. So richtig wohl fühlte ich mich dabei aber auch nicht. Nur der Druck von den anderen war weg.
Völlig anders ist es, wenn ich für Nicole einkaufe. Männersachen werden immer im Schnellgang abgearbeitet, bei Damenbekleidung kann ich mir aber Zeit lassen. Da suche ich in aller Ruhe, bis mir etwas gefällt. Und ich frage nicht: gefällt es meinen Kollegen oder meinem Chef? Es muss mir gefallen! Wenn ich dann Nicole im Spiegel sehe, bin ich mit dem, was ich erblicke, weitgehend zufrieden. Gut. Den Bart könnte man vielleicht - wie auch sonstige Körperbehaarung - irgendwie vollständig entfernen. Es muss aber nicht jetzt sein. Das es da unten einen Penis gibt und die Brüste nicht echt sind, fällt erst einmal nicht weiter auf. Also gefällt mir Nicole und ich mag sie. Den Mann im Spiegel hasse ich aber.
Bei Nicole stören mich meine kaputten braun verfärbten Zähne. Wer etwas, das er nicht leiden kann, pflegen soll, dem ist das einfach nur furchtbar lästig. Also beschränkt er es auf ein Minimum oder lässt es ganz - je nachdem wie groß der Druck von außen ist. Wenn man dagegen etwas liebt, dann kümmert man sich darum. Als Nicole wäre es zu einem solchen Bild bei den Zähnen sicherlich gar nicht erst gekommen.
Mit der Liebe hat es bei mir nie wirklich funktioniert. Die Frauen sahen in mir den Mann, den ich spielte und nicht wirklich sein wollte. So entwickelte sich bei mir eine immer größere Angst diese Rolle auf die Dauer nicht spielen zu können. Ich befürchtete einen Zusammenbruch, den ich meiner Familie auf keinen Fall zumuten konnte. Unterbewusst sorgte ich also dafür, dass es mit der Liebe nicht richtig funktionierte - bis die Beziehung schließlich auseinander ging.
Warum erzähle ich das alles? Die Rolle als Mann ist in unserer Gesellschaft von extremem Konkurrenzdruck geprägt. Wer einen sensiblen Charakter hat, kommt damit nur schlecht oder überhaupt nicht klar. Dann kann das Tragen von Frauenkleidung eine Möglichkeit sein, diesem Druck zu entfliehen. Das hat erst einmal mit Transsexualität nichts zu tun. Man steckt nicht im falschen Körper, sondern "nur" in der falschen Rolle. Also sollte es genügen, wenn man zeitweilig oder ganz lediglich die Rolle ändert, so wie ich es zur Zeit mache.
Wenn man sich schließlich ganz für die weibliche Rolle entscheidet, kommt sicherlich auch der Wunsch auf den Körper entsprechend anzupassen. Also erst einmal Körperbehaarung entfernen, dann vielleicht eigene Brüste, weibliche Stimme, usw. Da muss man sich aber nach und nach hinein finden. Wer schließlich den dauerhaft angepassten Körper auch nicht leiden kann, ist genau so unglücklich wie vorher. Ich bezweifle zudem, dass ein Psychologe mit seinem theoretischen Wissen eindeutig erkennen kann, ob jemand transsexuell ist. Er kann schließlich nur das auswerten, was man ihm erzählt. Wirklich wissen kann es doch nur jeder für sich selbst.
Ich befürchte, die zahlreichen Erfolgsgeschichten derer, die es geschafft haben, vermitteln hier im Forum einem Neuzugang leicht ein falsches Bild. Man möchte seinen Schwestern natürlich gerne erzählen, dass man nach GAOP und allen damit verbundenen Hürden nun endlich glücklich ist. Endlich ist es geschafft und es muss raus. Bei einem jungen Menschen, der in seiner Rolle als Mann einfach nur unglücklich ist, kann das aber leicht falsch ankommen. Und sehr viele lesen sicherlich lange als Gast hier im Forum, bevor sie sich anmelden und vorstellen.
Ich sehe hier eine Entwicklung, auf die wir hier im Forum unbedingt reagieren sollten. Mit diesem Beitrag möchte ich einen ersten Schritt in diese Richtung machen.
LG Nicole