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ZÜRICH: Öffentliche Aufarbeitung von Klitoris„Amputationen

Verfasst: Mo 1. Jun 2015, 12:42
von Anne-Mette
Moin,

eine Pressemitteilung von zwischengeschlecht.org

Das Kinderspital Zürich startet als weltweit erste Universitäts-Kinderklinik eine öffentliche Aufarbeitung von Klitoris-Amputationen und weiteren, nicht-eingewilligten kosmetischen "Genitalkorrekturen" an Kindern mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen — Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org setzt geplanten Protest zum diesjährigen Kispi-Ball aus.

Das Kinderspital Zürich veröffentlichte jüngst eine >>> Ersterhebung "Historische Evaluation der Behandlung von Patienten und Patientinnen mit Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung am Kinderspital Zürich" (PDF), die sich hauptsächlich mit kosmetischen Klitoris-Amputationen an Intersex-Kindern im Kispi zwischen 1933 und 1969 befasst. Diese bestätigt: Kosmetische Klitorisamputationen an Zwitterkindern waren im Kispi ZH (wie auch sonst in Uni-Kinderkliniken nicht nur in der Schweiz) jahrzehntelang unhinterfragte Praxis.

Zusätzlich >>> kündigte das Kispi via NZZ eine weitergehende historische Aufarbeitung an: "In einer zweiten Phase soll die Untersuchung nun ausgeweitet werden. Dabei sind auch Interviews mit Betroffenen und eine Tagung vorgesehen. Läuft alles nach Plan, wird das Projekt nächsten Februar mit einem Abschlussbericht beendet."

Kispi-Ball-Protest ausgesetzt

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org, die >>> seit Jahren eine öffentliche Aufarbeitung aller IGM-Praktiken fordert, begrüsst die nun öffentlich vorliegende Pilotstudie in Verbindung mit der angekündigten, weitergehenden historischen Aufarbeitung aufs Herzlichste.

In einem heutigen Dankesmail an die Verantwortlichen des Kinderspitals kündigte sie an, aus gegebenem Anlass einen ursprünglich für den 19. September geplanten gewaltfreien Protest zum diesjährigen Kispi-Ball auszusetzen.

Mit der angekündigten öffentlichen Aufarbeitung u.a. in welchem Umfang und bis wann im Kispi Klitorisamputationen und weitere medizinisch nicht notwendige Eingriffe mit "psychosozialer Indikation" (Nationale Ethikkommission NEK-CNE) an Kindern mit Varianten der Geschlechtsanatomie praktiziert wurden, setzt das Kinderspital Zürich einen wichtigen Meilenstein, der bereits von Betroffenen rund um den Globus einhellig gelobt wurde.

Für Zwischengeschlecht.org wäre es wünschenswert, dass nun auch der Kanton Zürich und die Universität Zürich diesbezüglich ihre Mitverantwortung endlich wahrnehmen — und dass die historische Pioniertat des Kispi ZH künftig weiteren betroffenen Universitätskliniken und verantwortlichen Behörden als Beispiel dienen möge.

2015: UN-Kinderrechtsausschuss und Europarat verurteilen IGM-Praktiken

Erst im Januar 2015 hatte auch der UN-Ausschuss für die Recht des Kindes (CRC) die >>> Schweiz wegen Intersex-Genitalverstümmelungen gerügt, und — u.a. unter Verweis auf die NEK-Stellungnahme — generell nicht-eingewilligte, medizinisch nicht notwendige, irreversible, kosmetische "Genitalkorrekturen" explizit als "schädliche Praxis" und "Gewalt an Kindern" eingestuft.

Dieser historische Beschluss des UN-Kinderrechtsausschusses verpflichtet die Schweiz, nicht nur endlich gesetzgeberische Massnahmen gegen IGM-Praktiken an die Hand zu nehmen, sondern auch eine ganzheitliche Strategie zu ihrer Eliminierung, einschliesslich Datenerfassung, Monitoring, Aufarbeitung, öffentliche Entschuldigung sowie angemessene Entschädigung aller Überlebenden, unter Einbezug der betroffenen Kliniken, medizinischer Standesorganisationen und des Staates, der seine Schutzpflicht gegenüber betroffenen Kindern viel zu lange auf die leichte Schulter nahm, und heute noch nimmt.

Ebenso kritisierte im Mai 2015 der Menschenrechtskommissar des Europarates (CoE) in einem >>> Issue Paper "Human Rights and Intersex People" explizit und unmissverständlich IGM-Praktiken inkl. "Hypospadie-Korrekturen" als menschenrechtswidrig, und kritisierte insbesondere (wie schon die Nationale Ethikkommission) explizit den fehlenden Rechtszugang für Überlebende.

Die internationale Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.


Gruß
Anne-Mette