Knäckebrötchen hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 13:43
Wally hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 11:23
Männer halten mir galant die Tür auf, nehmen mir schwere Sachen zum Tragen ab, bieten mir Hilfe an, wenn ich irgend ein technisches Problem habe, helfen mir als Nachbarn spontan beim Schneeschaufeln.
Ja, sowas passiert mir auch dauernd. Mich macht das aber eher stinkig. Als ob ich das (oder Frauen allgemein) nicht selbst könnten. So ein richtiges Paradebeispiel hatte ich vergangenes Jahr. Da kam ein technischer Assistent an meinem Büro vorbei und frug nach meinem Bürokollegen, ob er denn da sei, und wenn ja wo? Auf meine Nachfrage, was er denn bräuchte (weil wir uns teils in den Aufgaben gegenseitig vertreten haben) meinte der TA "ach, da ist so eine schwere Gasflasche und ich wollte ihn bitten, mir beim rumheben zu helfen" - und ich muss echt geschaut haben wie ein Pferd. Grob ein Jahr vorher hätte er mich gefragt, ob ich ihm mal eben fix helfen könnte...
Mir geht dieses "Männer verhalten sich Frauen gegenüber galant und höflicher" tierisch auf den Senkel. Warum können wir uns denn nicht gegenseitig, unabhängig von Alter und Geschlecht die Tür aufhalten, beim Schneeschaufeln helfen oder schwere Sachen zusammen tragen?
Weil's nun mal nicht unabhängig vom Geschlecht
ist: Frauen
sind tendenziell schwächer als Männer, sie tun sich mit solchen Dingen nun mal schwerer. Freilich ist das im Einzelfall erst mal eine Unterstellung, weil's individuell auch mal umgekehrt sein kann; aber letzteres ist die
Ausnahme! Wenn jemand reglos draußen auf dem Gehsteig liegt, ist die Vermutung, dass dem was fehlt, auch eine "Unterstellung": er könnte ja auch einfach aus Jux und Tollerei dort mal chillen. Woher will ich das denn wissen? Trotzdem ist es doch sicherlich nicht falsch - und schon gar nicht irgendwie diskriminierend - hinzugehen und ihn zu fragen, ob und welche Hilfe er braucht. Er muss das ja nicht annehmen, er kann auch einfach "Nein, danke, ist schon okay" sagen.
Ich selber lehne die mir von Männern angebotene Hilfe gelegentlich auch mit einem freundlichen "Nein, danke, das kann ich selber" ab, wenn es mir gerade nicht wirklich hilft und bloß unpraktisch wäre. Trotzdem freue ich mich über das Angebot, ist doch nett... In der Mehrzahl der Fälle nehme ich aber erleichtert an und bin dankbar dafür, weil der betreffende Mann vermutlich
wirklich kräftiger ist als ich: ich war nämlich schon als Junge immer der Schwächste in meiner Schulklasse, und bin's unter Männern auch mein ganzes Leben lang geblieben - obwohl ich gegenüber den meisten Frauen erfahrungsgemäß immer noch mehr Körperkraft hatte und habe. Als Junge - und später als Mann - war es eine Frage der Ehre, sowas "selber zu können"; ich habe darunter unsäglich gelitten, weil ich es allzu oft eben
nicht konnte - und weil mir dann KEINER die benötigte Hilfe anbot, in der durchaus wohlgemeinten Sorge, mit so einem Hilfsangebot meine Mannesehre anzukratzen... Jetzt - als "Frau" - brauche ich da endlich nix mehr zu beweisen, und kriege Hilfsangebote - übrigens auch von Frauen - spontan angetragen, wenn ich's brauchen kann. Was, bitte, ist daran falsch?
Knäckebrötchen hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 13:43
Wenn ich sehe, dass jemand Hilfe benötigt, dann biete ich Hilfe an - egal ob ich den Menschen vor mir als männlich oder weiblich lese.
"Wenn ich sehe, dass jemand Hilfe benötigt, ..." Ja, eben: WORAN siehst Du das denn, ganz konkret? Siehst Du das im Baumarkt dem Halbzentner-Sack Gartenerde an, den da jemand aus dem Regal in seinen Einkaufswagen zu wuchten versucht - oder nicht doch eher der Tatsache, dass dieser Jemand ausnahmsweise (weil Frauen solche Situationen aus gutem Grund meiden)
eine Frau ist? Freilich kann's auch einem Mann mal passieren, dass er mit sowas ein Problem hat - mir selber z.B., siehe oben. Dann hat's mich aber jedesmal erst eine ganze Reihe mühseliger, schiefgegangener Versuche gekostet, bis sich da mal jemand erbarmt hat, und selbst das i. d. R. erst auf meine ausdrückliche Bitte um Hilfe. Als Frau war's dann Gottseidank anders. Um gar nicht erst zu checken, dass eine
Frau damit höchstwahrscheinlich ein Problem haben wird, muss man schon feministische Tomaten vor den Augen haben. (Ach ja: Tomaten sind rot - deshalb
linksfeministisch. Vorher waren sie grün, zwischendurch sogar mal gelb... Sorry, couldnt resist

)
Knäckebrötchen hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 13:43
Wally hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 11:23
Und Frauen zeigen sich mir seitdem viel kommunikativer, nehmen offen Blickkontakt zu mir auf, sprechen mich von sich aus auf irgend einen belanglosen Smalltalk an,
Wenn dich jemand spontan anspricht, dann sicher nicht wegen "belanglosem Smalltalk". Was auch immer da Thema ist, für dein Gegenüber ist es sicherlich relevant. Relevant genug, um dich "von sich aus" darauf anzusprechen.
Mit belanglosem Smalltalk meine ich hier z.B. beim Einkaufen eine spontane Bemerkung über den Preis eines Päckchens Butter im Regal, oder über die Farbe eines Pullovers, den ich gerade prüfend in der Hand halte - und zwar nicht vom Personal, sondern von einer anderen Kundin, die gerade zufällig neben mir steht. Oder auf der Straße eine Bemerkung über das schöne (oder auch scheußliche) Wetter. Sicher nicht völlig irrelevant - aber auch nicht relevant genug, dass man nun unbedingt darüber reden müsste, und i. d. R. durch solche Gespräche auch nicht beeinflussbar - insofern eben doch "belanglos". Es geht dabei gar nicht wirklich um die Sache, sondern eher um die soziale Einbindung des Gesprächspartners in irgendeine Form von "wir". Eben Smalltalk.
Knäckebrötchen hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 13:43
Wally hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 11:23
was sie sonst gegenüber einem fremden Mann nie täten.
Wie schön! Frauen nehmen Dich nicht mehr als Bedrohung war. Das ist wie ein unausgesprochenes Kompliment!
Meinst Du das jetzt echt oder zynisch? Entschuldigung: rhetorische Frage, nicht als Vorwurf gemeint. Hier sind nämlich
beide Sichtweisen richtig: es ist
wirklich schön, dass sich Frauen von mir - im Gegensatz zu "normalen" Männern -
tatsächlich nicht bedroht fühlen. Diese "Bedrohung" ist ja keine Einbildung, sie ist durchaus real: insbesondere für attraktive, junge Frauen ist die gläserne Wand um sie herum, mit der die gegenüber Männern herumzulaufen pflegen, schlicht notwendig. Sie könnten sich vor lauter Avancen männlicher Verehrer gar nicht mehr retten, wenn sie wahllos mit jedem Mann offenen Augenkontakt aufnähmen und von sich aus freundlich auf ihn zugingen; in sehr vielen Fällen würde das auch prompt missverstanden. Womit ich nix gegen männliche Annäherungsversuche gesagt haben will; die Männer
dürfen ja gar nicht mehr offen sagen, welche Wünsche hinter ihren Annäherungsversuchen stehen, sie können das nur noch "durch die Blume" sagen, alles andere wird moralisch verurteilt und sogar strafrechtlich geahndet; insofern ist männliche Sexualität mittlerweile regelrecht kriminalisiert. Trotzdem würden nur wenige Frauen völlig darauf verzichten wollen; aber sehr, sehr viele Frauen kriegen halt mehr davon, als sie brauchen können, und müssen diese Überzahl dann irgendwie managen.
Knäckebrötchen hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 13:43
Wally hat geschrieben: So 9. Feb 2025, 11:23
ich fühle mich darin nicht nur unmittelbar für mich selber wohler, es geht mir damit auch im alltäglichen, sozialen Umgang deutlich besser.
Und das ist meiner bescheidenen Meinung nach eines der größten Problemfelder unserer Zeit: Es ist ja nicht so, dass Männer per se diesen sozialen Umgang nicht auch könn(t)en. Aber sie bekommen es von Kindsbeinen an aberzogen. Das ist ja auch eine der krassesten Erfahrungen, die ich so als Teil der FzM-Transition gehört habe: das Wegfallen dieser sozialen Interaktion, und dass ist wohl für einige Transmänner eine echt harte Nummer. Was ich, da ich deine Erfahrung zu 100% teile, sehr gut nachempfinden kann.
Wir machen da zwar dieselbe Erfahrung; wir interpretieren sie aber wohl ziemlich unterschiedlich. Ich bin nicht der Meinung, Männern würde irgendeine Form sozialen Umgangs "aberzogen"; um das überhaupt tun zu können, müsste man ihnen dasselbe ja erst mal anerzogen haben - ein Widerspruch in sich. Männer kommunizieren untereinander in vieler Hinsicht
anders als Frauen; das sind gewissermaßen zwei verschiedene Sprachen oder Dialekte, mit denen man sich über die Geschlechtergrenze hinweg nur noch eingeschränkt versteht. Körpersprache, Hierarchiebildung, Loyalitätsbezeugung, Fürsorge, Umgang mit Schutz/Schutzbedürfnis, Konfliktmanagement, Solidarität, Formen von Aggression, das konkrete Verständnis von "Fairness": das alles und noch viel mehr unterscheidet sich im internen Umgang miteinander zwischen Männern und Frauen gewaltig, auch völlig jenseits sexueller Aspekte. Teilweise beruhen diese Unterschiede darauf, dass Männer und Frauen emotional "unterschiedlich gestrickt" sind; möglicherweise spielen da auch angeborene Unterschiede in der Körpersprache eine Rolle. Ein weiterer, sehr großer Teil wird zwar kulturabhängig geschlechtsspezifisch in der Sozialisation
erlernt. Aber auch das geschieht nicht unabhängig von den angeborenen Grundlagen, sondern in Anpassung daran. Nur ein geringer Teil solcher Unterschiede ist bloßer, kultureller Zufall oder gar böse Absicht irgendwelcher Unterdrücker.
Wer ins andere Geschlecht wechseln will, muss dazu diese andere, soziale Sprache erst mal erlernen. Manches davon geht ganz easy und wird individuell sogar als Erleichterung empfunden; manches davon ist mühsam und dauert Jahre, und manches ist sogar dauerhaft unmöglich, weil man die zugrundeliegenden, angeborenen Emotionen oder bestimmte Formen der Körpersprache eben schon von Natur aus hat oder nicht hat. Das nachträgliche Erlernen der sozialen Sprache des anderen Geschlechts ist nur begrenzt möglich, man bleibt darin immer irgendwie "Fremdsprachler". Wir Transsexuelle sind dabei sozusagen Naturtalente, wir können uns die Sprache des Gegengeschlechts sehr viel leichter und vollständiger aneignen als Andere - freilich um den Preis, dass für uns die Sozialisation im
eigenen Geschlecht sehr viel mühsamer und weniger erfolgreich war. In der sozialen Sprache des Ursprungsgeschlechts bleiben wir zeitlebens eine Art Stotterer oder Legastheniker. Man kann halt nicht alles haben.
Das von Dir angesprochene Wegfallen sozialer Kommunikation für Transmänner gibt es tatsächlich, und es ist in der Tat eine "harte Nummer". Es hat zweierlei Ursachen: zum einen fallen Teile sozialer Kommunikation weg, weil sie im anderen Geschlecht einfach nicht üblich sind. Sie werden dort nicht etwa "aberzogen" oder unterdrückt, sondern durch
andere Kommunikationsformen ersetzt, die man dann erst mal neu lernen muss. Inwiefern man die überhaupt lernen
kann, muss man sehen... Das geht aber beiden Richtungen so, darin unterscheiden sich Transmänner von Transfrauen nicht grundsätzlich.
Richtig hammerhart wird's für Transmänner - und zwar
nur für sie - an einer ganz anderen Stelle: das hat mit dem Themenkreis "Passing" zu tun. Die "Sprachen" der Geschlechter unterscheiden sich nicht nur darin, dass sie sich unterschiedlich ausdrücken; bestimmte Kommunikationsformen werden dem jeweils anderen Geschlecht auch
verweigert. Gerade die Beziehungsanbahnung ist ein Paradebeispiel dafür. Frauen schirmen sich da gegenüber Männern weitgehend ab, sie verweigern ihnen bestimmte Kommunikationsformen, und zwar aus gutem Grund: weil sie diese Kommunikationsformen als praktisches Mittel zur Auswahl verwenden, und weil sie eben dadurch von Männern auch oft missverstanden werden, sobald sie diese Ausdrucksmittel anderweitig gebrauchen. Das ist zwar vermutlich nicht die einzige Einbahnstraße in der Geschlechterbeziehung; es wird da wohl auch Bereiche geben, in denen Männer mit Frauen Ähnliches anstellen. Aber genau da kommt das Passing als entscheidender Faktor ins Spiel.
Passing - also spontane, körperlich-soziale Einordnung ins Gegengeschlecht - ist für FzM sehr viel leichter und vollständiger erreichbar als für MzF: Transmänner schlucken dazu ein halbes Jahr lang Testosteron, kriegen davon Bartwuchs und Stimmbruch - und im Wesentlichen war's das schon; sie haben allein damit in der Öffentlichkeit bereits ein Ausmaß an Passing, von dem die meisten Transfrauen zeitlebens nur träumen können. In unserer (vermutlich angeborenen) Geschlechtswahrnehmung sind nämlich körperlich
männliche Merkmale absolut dominant: wer auch nur eines oder zwei davon deutlich erkennbar hat, wird unweigerlich als Mann wahrgenommen, da kann alles andere noch so weiblich sein: Brüste, Hüften, weibliche Stimme etc. triggern die primäre Geschlechtswahrnehmung viel, viel weniger als jedes männliche Körpermerkmal; man kann damit den Eindruck "das ist ein Mann" kaum noch umdrehen. Eine nackte Frau mit männlichem Kopf wird immer als "Mann mit weiblichem Körper" identifiziert, niemals als "Frau mit männlichem Kopf".
In früheren Jahrzehnten, als ein perfektes Passing für uns Transsexuelle noch eine Existenzfrage war, haben wir Transfrauen die Transmänner sehr um diesen Unterschied beneidet. Das hat aber auch eine höchst problematische, andere Seite: während wir nämlich unsere soziale Transition notgedrungen langsam, in kleinen Schritten, über viele Jahre hinweg vollziehen, und dabei immer wieder ausprobieren, damit spielen, die neue Rolle lernen und uns fallweise auch wieder daraus zurückziehen können, wenn's nicht so klappt, wie wir uns das vorgestellt haben, müssen Transmänner praktisch von Null auf Hundert ins kalte Wasser springen - und da bleiben sie dann ein für allemal gefangen, sie können nur unter Riesen-Schwierigkeiten - und nie mehr vollständig - wieder zurück. Wollen sie wieder zurück ins Frau-Sein, dann geht's ihnen genauso wie uns Transfrauen schon von Anfang an: sie werden Bartwuchs und Stimmbruch nicht mehr los, sie können das im Alltag auch nur sehr schwer verbergen. Ein echtes Passing als
Frauen bleibt ihnen damit lebenslang verwehrt. Sie werden auch von
Frauen hartnäckig als Männer identifiziert und als solche ausgegrenzt; als solchen wird ihnen u. a. die frauenspezifische Kommunikation verweigert, siehe oben. Selbst wenn die Transition sich für sie letztlich als richtig erweist, ist das mangels Möglichkeiten zur Vorbereitung erst mal hammerhart; denn auch die Männer identifizieren und behandeln sie ja praktisch vom ersten Tag an konsequent als einen der ihren - und erwarten damit auch, dass "er" diese Sozialisation beherrscht und damit zurechtkommt, da gibt's dann kein Pardon mehr. Wer das als erwachsener Mann nicht kann, wird eben nicht mehr als Frau entschuldigt, sondern gilt als männlicher Versager. --- Vollends tragisch wird's, wenn so ein Transmann im männlichen Leben feststellt, dass "er" sich geirrt hat, dass das eben doch nicht zu
ihr passt:
sozial sitzt "sie" dann bis ans Lebensende kreuzunglücklich zwischen allen Stühlen und wird
nirgendwo mehr vorbehaltlos integriert.
Sozial hat die Testosterongabe an Transmänner zehnmal gravierendere Folgen als alle Hormongaben und Operationen bei Transfrauen zusammen. Unsereins kann vor entscheidenden, körperlichen Schritten das Leben als Frau wenigstens ansatzweise schon mal ausprobieren; und selbst nach einer Totaloperation können wir
sozial immer noch jederzeit in die männliche Rolle zurückkehren: wir haben diese Sozialisation von klein auf - wenn auch manchmal mühsam und unter großen Schwierigkeiten - gelernt, und unsere äußere Erscheinung im Alltag auf perfekt
männliches Passing zu trimmen, ist für uns selbst dann noch eine leichte Übung. Im umgekehrten Fall - für einen Transmann - bedeutet dieselbe Situation den sozialen Tod. Das ist der Grund, warum ich gegenüber Testosterongaben für minderjährige FzM-Transsexuelle so skeptisch bin: transman sollte sich das vorher wirklich sehr, sehr gut überlegen, und sich allen nur irgendwie verfügbaren Rat von Fachleuten und erfahrenen, älteren Betroffenen holen. Für eine schnelle Entscheidung in jugendlichem Überschwang ist das nix.
Wurde mal wieder monströs lang, sorry; aber diese komplizierten Zusammenhänge kann man nun mal nicht in ein paar wenige Sätze quetschen.