Dazu hab ich allerdings noch einen und jetzt wird es sehr sachlich
Anja61 hat geschrieben: Di 22. Apr 2025, 13:50Ich selbst bin nicht gläubig, aber ich akzeptiere gerne wissenschaftliche Belege dafür, dass sich (z.B.) in der Bibel beschriebene Ereignisse historisch tatsächlich so ereignet haben.
Mal abgesehen und ganz unabhängig davon, dass die allermeisten Ereignisse in allen religiösen Texten unbewiesen sind, gibt es ein prinzipielles Problem dabei: Selbst wenn irgendwelche Orte oder Personen historisch auffindbar wären, bedeutet das noch lange nicht, dass die zentralen, die religiös wichtigen, die übernatürlichen Behauptungen in den Erzählungen nach modernem wissenschaftlichen Standard bewiesen wären.
Der Knackpunkt der Evangelien sind doch nicht die Wundertaten, sondern das Versprechen von Erlösung, Wiederauferstehung und ewigem Leben. Welche Messergebnisse könnten das je beweisen?
Ich verstehe, dass Gläubige nach Beweisen suchen. Einerseits zur Selbstvergewisserung, aber auch um den eigenen Glauben vor anderen gegen deren Zweifel und Kritik zu rechtfertigen. Obwohl das Christentum seit der Gründung betont, dass es nicht auf Beweise ankommt, sondern auf
un-bedingten Glauben und Vertrauen. Je grundloser und fester, desto besser. Das ultimative
"supsension of disbelief".
Beweise können aber eben gar nicht funktionieren. Nicht mal mit einer ausführlichen Expedition und einer sehr gut funktionierenden Zeitmaschine.
Waren irgendwelche Eingebungen göttlich oder psychotische Episoden? Und wie würden wir den Unterschied messen? Hatten katastrophale Ereignisse eine göttliche Ursache oder war es nur ein Meteorit oder Vulkan, der Feuer und Schwefel vom Himmel regnen liess? Aber was hat den Meteorit auf die Bahn gebracht oder den Vulkan ausgelöst? Zufall oder ein omnipotentes, allwissendes Wesen, dem es gereicht hätte, vor Millionen von Jahren einen Kiesel zu verschieben, so dass schliesslich die Katastrophe eintritt?
Gab es beispielsweise eine Art Sintflut? Weltweit wohl kaum, oder irgendwer hätte danach sehr aufwändig Geologie und Biologie massiv rearrangieren müssen. Die indigenen Völker Australiens haben dazu keine Erzählungen in ihrer viel längeren Geschichte. Also lokal vielleicht, im Zweistromland. Es gibt Erzählungen aus Jahrhunderten vor der biblischen Zeitrechnung und aus verschiedenen Gegenden dort. Nicht nur im Gilgamesh-Epos. Da ist es auch nur kopiert. Könnte da was gewesen sein? Oder hat irgendwer sich was ausgedacht, vielleicht weil das eigene Dorf und die fünf in der Nähe mal untergegangen sind nach einer Starkregenkatastrophe a'la Ahrtal und das hat sich dann rumgesprochen und wurde ausgebauscht und adaptiert? Und wenn wir zurückgingen und beobachten könnten, dass da ein Typ eine Eingebung hat, sich gegen jede Vernunft ein großes Wassergefährt baut und ein paar Exemplare seines Viehbestands vor dem Wasser retten kann: Woher wissen wir, dass das irgendwie übernatürlich war, bevor wir ein Interview mit dem göttlichen persönlich führen?
Wir können das mit allen biblischen und anderen Ereignissen durchdeklinieren. Selbst denen des NT, die ohnehin meilenweit von historisch exakten Aufzeichnungen entfernt sind. Das ist aber alles unerheblich für den Zweck der Texte. Es kam damals nicht auf sachliche Exaktheit an, sondern auf den Teil der Botschaft, der prinzipiell nicht beweisbar ist, sondern geglaubt werden muss: Gott (Existenz) und Göttlichkeit an sich, deshalb auch alle "Botschaften", "Gottes Sohn", die Versprechen von Erlösung, Wiederauferstehung, göttlichem Gericht und ewigem Leben.
Kein Knochenfund, keine Grabinschrift, keine Steuerunterlagen, DNA-Proben könnten irgendetwas davon beweisen. Selbst 5000 beglaubigte für Brot und Fisch oder Lazarus Krankenakte nicht.
Die zentralen Elemente bleiben für immer ... Erzählungen.
Und hier ist mein Ding dabei: Dieser zentrale übernatürliche, unbeweisbare Teil sollte in einer sachlichen Diskussion stets auch immer als Hypothese betrachtet werden. Die Unbeweisbarkeit sollte anerkannt werden. Als ein gleichwertiges, möglicherweise rein fiktives Glaubenssystem neben allen anderen, inklusive der "Nullhypothese", dass keines davon auch nur einen Funken göttliche Wahrheit enthält.
Das ist manchmal schwer aushaltbar. Gerade weil Glaube für viele Menschen Halt und Stütze ist
um Unsicherheit, Ungewissheit, Zukunftsangst und die Fragen nach Sinn des Lebens und des Leids währenddessen irgendwie zu bewältigen. Gleichzeitig gebietet die intellektuelle Redlichkeit, die Unbeweiskarkeit ebenfalls anzuerkennen. Wenn ich mich mit anderen auf eine Sachdiskussion einlasse, muss ich meine Argumente auch sauber wählen und die Grenzen der Objektivität respektieren.
Deshalb sind Behauptungen wie "hier (antiker Text), deshalb (Gott)" wissenschaftlich nicht zulässig: Non sequitur. Auch liegt die Beweislast stets bei jenen, die etwas (positiv) behaupten. "Hier steht es doch" reicht bei der Qualität der Quellen nicht. Auch nicht bei den Evangelien. Nicht nur hätte sich quasi jede beliebige Hippie-Kommune das ausdenken, ausschmücken und mit ein paar realen Punkten aufhübschen können. Es ist noch nicht mal klar, welche tatsächlichen Ereignisse für uns heute sehr irdisch erklärlich wären, für die damaligen Zeugen aber nicht.
Ich habe absolut kein Problem mit persönlichen Glaubenssystemen. I.D.I.C. Wissenschaftlichkeit ist aber etwas anderes. Da braucht es wirklich gute Fakten und die genaue Einordnung, was sie tatsächlich beweisen und was nicht. Ich habe auch kein Problem mit Aussagen wie "ich weiss für mich...". Das ist aber etwas anderes als "das ist unbezweifelbar wahr für alle Menschen". Und es ist, siehe vorheriger Beitrag, nicht hinreichend als Rechtfertigung jeglicher Handlung.