Magdalena hat geschrieben: So 28. Jan 2018, 13:57
... wie Simone so schön schreibt, wir sollten nicht soviel über angstmachendes schreiben. Sondern Mut zusprechen den Gang in die Öffentlichkeit zu wagen.
Da gebe ich Magdalena uneingeschränkt Recht und versuche mal, etwas beizusteuern:
Ich hatte speziell große Angst davor,
en femme in Bus und Bahn (sprich im "öffentlichen Nahverkehr") unterwegs zu sein. Als Teilzeitfrau war es mir ausnahmslos gelungen, diese Situation zu vermeiden. Nach nur einem halben Jahr Doppelleben war es jedoch soweit und ich stand morgens um vier vorm Spiegel, um mich für den ersten Tag als Vollzeitfrau zu rüsten. Zum Glück hatte ich Styling & Make-up inzwischen gut trainiert, um nach einer Stunde fertig zu sein. Aufgeregt stieg ich ins Auto, ab zum nächsten Bahnhof, erwischte die Bahn und fuhr zur Arbeit. Erst mittags kamen meine Emotionen wenigstens etwas herunter, dass mir plötzlich die Nahverkehrsangst einfiel. Na sowas, die hatte ich glatt vergessen ...
Bei der Rückfahrt dachte ich daran und suchte Gründe, Angst zu haben: Hm, die Teenis da drüben, die mich nur kurz mit Blicken streiften und ohne Luft zu holen quasselten; die von oben bis unten bekleckerten Bauarbeiter multinationaler Herkunft, die ab und an verstohlen glotzten, sich an ihrer Flaschbier festhielten und Unverständliches redeten; der smarte Kerl gegenüber, der anscheinend viel Wert drauf legte, dass ich nicht merkte, dass er mich unauffällig ansah; die jugendlichen Türken, die mich minutenlang musterten, um dann ohne jegliche Provokation mit ihren Handys zu spielen; die Biofrauen mit den Turnschuhen, die meine Pumps begutachteten oder schließlich der freundliche Ausländer, der mir beim Aussteigen den Vortritt ließ?
Inzwischen kucken

längst kaum noch Leute und der Grund dafür ist ziemlich simpel: Weil auch ich weniger kucke

. Am Anfang kuckten

mehr, weil ich mehr kuckte

, wer kuckt

oder kucken

könnte oder vielleicht so tat, als würde er nicht kucken

. So einfach.
Am ersten Tag 24 Stunden Frausein bewegten mich ganz andere Probleme, denn im Schrank befanden sich fast ausschließlich Partykleider. Der Schritt zur Vollzeitfrau kam dank einer gewagten spontanen Entscheidung meiner seit Monaten eingeweihten Chefin ("Dann kommst du eben morgen auch mit deiner Frauenfrisur und in Frauensachen, siehst ja sowieso schon fast aus wie eine Frau.") sehr plötzlich und ich hatte große Mühe, meine ersten Büro-Outfits zusammenzustellen ...
Aber zurück zum wirklich allerersten Mal. Ohne Hilfe hätte ich mich nicht getraut. Darum kann es nie falsch sein, sich Begleitung zu suchen, ob nun Transfreundin oder Ehefrau (falls sie seelisch und moralisch bereit ist). Es ist ja keine Angst, sondern einfach fehlende Routine. Wo sollte die denn auch herkommen? Die eigenen vier Wände taugen nicht sonderlich viel zum Üben, denn erst draußen zeigt sich, ob die hohen Hacken nicht doch zu hoch oder das kurze Röckchen nicht doch zu kurz ist. Das Outfit sollte schon mehr praktikabel als gewagt sein, um keine vermeidbaren Probleme zu inszenieren. Spätestens beim Schritt zur 24/7-Weiblichkeit stellst du das vielleicht ohnehin fest. Da fällt mir eine wichtige, nicht weniger witzige Empfehlung in einem Leitfaden zum "Coming Out im Job" ("Trans* in Arbeit" oder so ähnlich) ein, in der es sinngemäß heißt, man solle sich unbedingt vorher ein
alltagstaugliches Outfit zurechtlegen. Das hat in der Tat jemand geschrieben, der wusste, wovon er redet ...
Nach meinem "ersten Mal" war ich dann zu 99,9% alleine unterwegs, wagte mich nur vier Wochen später schon auf meine erste Reise, mit dem Auto zu verschiedenen (Cis-) Partylocations in der sog. "Republik". Passiert ist nie irgendwas Schlimmes, denn warum sollte ich denn als Frau unvorsichtiger sein als ich das als Mann war? Einen Bahnwaggon mit Nunchako-schwingenden nicht ausgelasteten Jugendlichen zu betreten ist jetzt wie früher ebenso tabu wie einen Drink bei einer Feier unbeaufsichtigt stehen zu lassen (Stichwort: K.O.-Tropfen). Nur den Quatsch mit der Nahverkehrsangst beendete ich erst als Vollzeitfrau. Das erspart mir jetzt immense Parkgebühren und blödsinnige Fahrerei durch die Innenstadt, die ich ohnehin nicht leiden kann.
Das Einzige, was mich mehrmals wöchentlich extrem ins Schwitzen bringt - aber nicht aus Angst, sondern Verärgerung - ist der verflixte falsche Ausweis. Durch meine spezielle Vorgeschichte muss ich noch zwei von drei Wartejahren absolvieren, bevor ich überhaupt den Antrag bei Gericht stellen kann. Dieses ständige ätzende Zwangs-Outing (erst recht, wenn ich als Frau wahrgenommen werde) bei Paketshops, Fahrscheinkontrollen, (erstmaligen) Arztbesuchen usw. macht mich ungeachtet aller Glücksgefühle zeitweise wütend. Ich fühle mich vom Gesetzgeber diskriminiert und entmündigt. Aber das reicht lange nicht, mir auch nur einen einzigen Tag zu verderben, den ich vollständig als Frau leben darf - was auch immer für ein Schwachsinn in den Papieren steht.
LG
Semele
