Aria hat geschrieben: Di 11. Jul 2023, 20:28
Sorry Jaddy aber ich lese bei dir in letzter Zeit immer öfter Ausdrücke wie "das System" und "die da oben". Deine Ansätze und Gedanken mögen im Kern alle richtig, fair und irgendwie auch machbar sein, doch haben sie wenig mit der Realität zu tun und werden es auch auf längerfristige Sicht nicht sein. Deshalb ist es mir zu anstrengend, mich in klein-klein zu verlieren und über Dinge zu streiten, die im Konjunktiv liegen. Du bleibst uns allen auch die Antwort auf die Frage schuldig, wer denn davon profitiert, dass es ca. 1% der Bevölkerung so schwer gemacht wird an all die körperverändernden Massnahmen zu kommen. Das muss ja ein richtiger triftiger Grund sein, wenn dadurch Milliarden eingespart werden können *Ironie off*
Das Wort "System" verwende ich in der Tat häufig, aber so weit ich sehe immer in einem konkreten Kontext und nie im Sinne einer anonymen Macht, wie es in Verschwörungsmythen oder ähnlichem verwendet wird. Ich habe auch mal nachgesehen: Bis mindestens Anfang 2020 zurück habe ich nirgendwo "die da oben" geschrieben. Normalerweise benenne ich die jeweilgen Akteurys. Kann ich das nicht, kennzeichne ich meine Aussagen als Vermutungen.
Es wären auch hauptsächlich Vermutungen, wer von den Restriktionen profitiert. Einige Therapeutys, ja. Und selbstherrliche Paternalisten wie Korte. Aber das sind keine wirklichen Faktoren. Die könnten sich auch anders ausleben. Es würden auch keine Milliarden gespart, die jetzt irgendwo hinflössen, wo Leute daran Interesse hätten. HET ist vergleichsweise billig, siehe unten, Epilation auch (vor allem einmalig) und das mit den OPs hatte ich ja schon erklärt. Das einzige realistische EInsparpotenzial sind eine Menge Zeit, Geld und Nerven von Klientys und die Arbeitszeiten von ein paar Therapeutys und dem MDK.
Was ich
vermute ist ein gedankliches Beharrungsvermögen an den entscheidenden Stellen. GBA, MDS, BMG, usw., die genau den Perspektivwechsel nicht hinkriegen, den ich hier offenbar auch nur schwer verständlich machen kann: Dass es keinen plausiblen Grund gibt, eine freiwillige "gegengeschlechtliche" HET (z.B. informed consent) schwieriger erreichbar zu machen, als zum Beispiel "die Pille" oder Viagra oder "eigengeschlechtliche" HET.
Ich
vermute auch, dass dieses Beharrungsvermögen daran liegt, dass für cis Personen allein der Gedanke an eine nicht mit dem Zuweisungsgeschlecht konformen Veränderung des Körpers einfach exotisch ist. Weil es um "Geschlecht" geht. Vielleicht in Gedanken auch um Sexualität. Und sobald diese Themen berührt werden, ploppen an vielen Stellen ziemlich seltsame Überhöhungen, Befürchtungen und Vorurteile hoch. Diese Irrationalitäten werden erst langsam abgebaut. Sei es homosexuelle Liebe, polyamore Beziehungen, kinky Sex, oder eben nicht-cis-konforme Gender. Insbesondere, wenn es nicht-binäre sind, nicht wahr?
Also noch mal in einem Satz: Ich weiss, wie die Situation aktuell ist und sage, dass sie irrational und unfair ist, weil sie die Bedarfe von trans Personen ohne triftigen Grund restriktiver behandelt als andere medizinische Bedarfe - tw mit den gleichen Medikamenten, aber bei cis Personen.
Aria hat geschrieben: Di 11. Jul 2023, 20:28
Noch kurz zu dem Preis-Rache Argument: Es muss nicht gleich an der Preisschraube derart gedreht werden, dass es mit Rache in Verbindung gebracht werden kann aber es reicht mir schon, dass dieses Medikament, mich vierteljährlich um die 50 € kosten würde anstatt 5. Diese Preiserhöhung von 1000% würde ich fast schon mit Rache in Verbindung bringen, zumal ich ein Leben lang davon abhängig bin. Und da werde ich dann auch ziemlich ungehalten, wenn Leute meinen, sie müssten sich dafür einsetzen, dass es Hinz und Kunz dafür nutzen können, ihren Körper nach Lust und Laune gestalten zu können und das auch noch bezahlen zu lassen, obwohl kein driftiger Grund dahinter steckt.
Nur dass ich das richtig verstehe: Du befürchtest, dass zum Beispiel ein informed consent Verfahren für HET zu einer Preiserhöhung führen würde, ja? Zum Beispiel indem "gegengeschlechtliche" HET aus der Rezeptgebühr-Regel genommen wird? Das wäre eine Entscheidung des GBA oder BMG (bin da nicht ganz sicher), so wie bei "der Pille".
Ich nehm die mal als Beispiel, weil quasi die gleichen Medikamente und auch freiwilliger Bedarf. Nach aktuellen Regeln gibt es "die Pille" bis 22 für 5€ Rezeptgebühr pro Packung. Danach eigentlich nur zum "vollen" Preis von aktuell 6-20€ je nach Präparat und Packungsgröße.
Es sei denn, Arzty schreibt einen anderen Grund als Verhütung auf die Abrechnung mit der Kasse, zum Beispiel Hirsutismus o.ä. Das ist aber Arztys eigene Freiheit und Verantwortung.
Umgerechnet auf "gegengeschlechtliche" HET wäre das z.B.: Wenn F64.0 (bzw HA60) oder irgendein anderer Code warum auch immer auf der Kassenrechnung steht, gibt's das Rezept für 5€ pro Packung, sonst als "Eigenvergnügen nach Aufklärung" für den vollen Preis.
Aber nochmal: Diese Regeln sind willkürlich politisch gemacht.
Ich weiss nicht, wie Du das siehst, aber bewusst stillhalten angesichts von Willkür und Unfairness gegenüber anderen, damit die eigene, aktuell quasi auf Duldung durch die (irrationalen, willkürlichen) Zugangsbeschränkungen basierende Vorteilsposition nicht gefährdet wird - weil Entscheidungsgremien vielleicht schlechte Laune kriegen und noch unfairer werden - finde ich eine ziemlich miese Einstellung. Eine Art Appeasement oder vor dem Bully kuschen. Lass ihn die anderen weiter schikanieren, hauptsache mir passiert nix. Ist ehrlich nichts, was ich gut haben kann.
Ah, ein Nebenthread noch wegen Kosten. Hormone sind eigentlich billig. Sie zu kochen ist für eine Pharmabude nicht schwieriger als für uns, eine Nudelsuppe zu machen. Hormone sind ein Mega-Profit-Markt, und zwar auch ohne trans Personen. Die machen nämlich als Kundys nur einen Bruchteil aus.
Meine Estrifam Tabletten kosten original 24 € / 84 Pillen á 2mg. Das sind ~14,3ct/mg. Reines Estradiol direkt aus der Fabrik kostet ~1000€/kg(1), also 1€/g = 0,1ct/mg Rohware. Meine Kasse übernimmt also 19€/Monat, während ich jeden Monat über 700€ Beitrag zahle. Auch wieder eine Frage der Perspektive.
Wenn ich 60 Jahre lang meine Dosis von 6mg/d beibehalte, sind das 133g reines Östrogen im Rohwert von 133€. In jeder Packung Estrifam steckt also Wirkstoff für unter 20ct. Das ist eine Monatsration für mich. Die restlichen 23,80€ abzüglich mischen, dosieren, tablettieren und verpacken machen also eine Differenz von 11900% aus.
(1) z.B. bei made-in-china.com, Suchwort CAS 50-28-2. Woher weiss ich das? Es gibt DIY Anleitungen im Netz für Hormongel oder Tropfen, die alle mit "kauf dir 100g 17b-Estradiol bei Ali Baba" beginnen.