fairy_girl hat geschrieben:
...
Habe nun natürlich auch Ängste dass so was auch mir passieren kann. Wünsche dir viel Kraft, diese schwere Zeit gut zu überstehen, ich bin gewiss dass es der richtige Weg für dich war.
...
Tja, leider leider ist es wohl so. Ich wollte das anfangs auch nicht glauben, dachte auch noch, naja, da haben sich vielleicht auch die Leute selbst blöd benommen und waren vielleicht mit selbst daran schuld oder es waren die langen Ausfallzeiten, wegen dem ganzen Mist, den man dann erledigen muss (Therapeuten, Ärger mit KK/MDK, Arztbesuche, ggf. GaOp etc.). Doch je mehr ich mit anderen TS Personen in Kontakt komme, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass es doch eher an den anderen, als an uns selbst oder den Begleitumständen liegt. Das ist eine ganz schön bittere Erkenntnis, denn schlussendlich mündet sie in der Einsicht, dass es mit der angeblichen Offenheit unserer pluralistischen multi-kulti alles ist bunt Gesellschaft doch nicht so weit her ist. Das eigene Hemd ist allen eben doch am nächsten. Ist es die TransFrau in München, die ihren Job verliert und ausgegrenzt wird, so sieht das von Hamburg aus betrachtet ganz schrecklich aus - "Die arme! Würde hier nie passieren!". Ist es aber der Kollege oder die Kollegin am Schreibtisch gegenüber, verändert sich die Sichtweise dramatisch. Dann ist es nicht mehr nur das theoretische philosophieren auf einer sehr abstrakten Metaebene, sondern dann betrifft es mich direkt, mein Gegenüber, mein Umfeld, meine Kollegen und meine Kunden. Erst dann wird es vielen erst richtig bewusst.
Ähnliches erleben auch viele im engeren Bekannten- oder Familienkreis. Beim ersten Outing sind eigentlich fast alle, bis auf wenige Ausnahmen, hellauf begeistert, der Mut, voller Respekt, natürlich ist alles in Ordnung, Unterstützungsangebote und so vieles mehr. Doch nach einigen Wochen oder sogar erst nach Monaten lässt die Energie nach, der Alltag tritt ein und erst jetzt realisieren viele, welche Kraftanstrengung diese Transition einer nahe stehenden Person auch für sie bedeutet. Das neue Aussehen, der veränderte Name, das veränderte Personalpronomen, eine latente Angst, etwas Falsches sagen zu können, die Person kränken zu können. Es ist auch für unser Umfeld kraftraubend. Viele verlässt die Kraft und sie geben irgendwann doch auf, die erste Akzeptanz bröckelt und geht über in Ablehnung - einfach nur, um diese Kraft nicht ständig aufbringen zu müssen.
Solange es noch einer bewussten Kraftanstrengung durch Personen in unserem Umfeld bedarf, damit wir in unserer Umwelt bestehen können, solange werden wir weiter mit tragischen Problemen im Job, dem Freundeskreis, der Familie, einfach überall rechnen müssen. Sobald es einmal etwas völlig Normales wird, dass sich ein Mensch unabhängig von seiner Biologie (anders-)geschlechtlich verhalten und geben kann, erst dann werden wir solche Probleme nicht mehr haben, denn dann braucht es keine extra Kraftanstrengungen mehr.
Darüber müssen wir, und mit wir meine ich jetzt eigentlich die gesamte Gruppe derer, die sich (teil-)öffentlich trans-geschlechtlich Dritten gegenüber offenbaren, rechnen.
Darüber müssen wir uns bewusst sein. Ob wir es nun aktiv einfordern oder nicht, wir fordern von unserer Umwelt eine Investition ab, eine Investition in unsere Person. Das können wir nicht als selbstverständlich voraussetzen.
Diejenigen, die nur zeitlich begrenzt trans-geschlechtlich auftreten möchten (oder müssen), sind in der vergleichsweise glücklichen Lage, sich noch am ehesten Zeit und Ort dafür aussuchen zu können. So können doch einige Probleme umschifft werden.
Menschen, die aber einen völligen Wechsel der Rolle in Erwägung ziehen, kann ich nur dringend raten, überlegt Euch das sehr gut!
Der Schritt vom zeitweisen Ausleben zum völligen Wechsel ist gewaltig!
Ihr stellt damit Euer gesamtes bisheriges Leben in Frage. Ihr müsst ernsthaft damit rechnen, ohne schwarz zu malen, dass Ihr fast alles, was Ihr Euch bisher aufgebaut habt, verlieren werdet. Das muss so nicht passieren, aber leider leider ergeht es doch der überwiegenden Zahl der Transsexuellen so.
Ist es das wirklich wert? Hat es einen so hohen Stellenwert? Wäre dieser Verlust verkraftbarer, als die Transition doch lieber nicht zu machen?
Wenn Ihr diese Fragen mit voller Sicherheit mit Ja! beantworten könnt, dann bereitet Euch vor,. Schafft Euch Sicherungsnetze und Rücklagen, die Euch im Zweifelsfall auffangen können und dann legt los! Mit etwas Glück passiert nichts von alledem. Gratulation! Doch die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Übles passiert, liegt nach allem was ich gelesen und in der Beratung von anderen erfahren habe, leider doch deutlich über 50%, da darf man sich nichts vormachen. Die Arbeitslosenrate gerade bei Typ-2 Transsexuellen (also die, die die Transition erst im späteren Erwachsenenalter machen) ist dramatisch.
Transsexualität ist nicht die Krönung des Cross-Dressens, kein Sahnehäubchen und keine Adelung. Eine Transition sollte man wirklich und ausschließlich überhaupt nur dann in Erwägung ziehen, wenn alles andere wirklich absolut keine Alternative mehr ist. Dann und nur dann wird man überhaupt erst die dazu nötige Kraft aufbringen können, diesen Prozess unbeschadet zu überstehen. Denn auch darüber muss man sich im Klaren sein, das ist nichts, was man heute entscheidet und Ende der Woche ist alles erledigt. Eine Transition wird einen mindesten zwei Jahre lang intensiv beschäftigen - eher noch deutlich länger. Diese zwei oder mehr Jahre kosten Unmengen an Kraft, Nerven, persönlicher Zeit und auch viel Geld.
Ich möchte damit wirklich niemandem Angst machen. Hatte man wenige Probleme und ist aus diesem Schlamassel halbwegs unbeschadet hervorgegangen, ist es einfach großartig. Doch man darf einfach auch nicht die Risiken verschweigen oder achtlos zur Seite schieben.
In diesem Sinne fairy_girl, Du hast sicherlich Recht damit, eine Portion Angst zu haben. Angst ist kein völlig falsches Gefühl, denn sie schärft die Sinne und versetzt uns in erhöhte Leistungsbereitschaft. Sie darf nur nicht so groß werden, dass sie uns lähmt. Eine gehörige Portion Respekt vor diesem Schritt ist aber durchaus angebracht. Ich weiß nicht wie weit Du mit Deiner Entscheidung bereits gekommen bist, aber vielleicht wäre es eine gute Idee, Dich mit anderen einmal von Person zu Person auszutauschen? Auch wenn Selbsthilfegruppen nicht unbedingt für alles tolle Orte sind, aber gerade von unserer Sorte trifft man sonst nicht sehr viele in freier Wildbahn

Ein direkter Erfahrungsaustausch ist aber enorm wichtig um zu erfahren, was denn anderen so auf ihrem Weg widerfahren ist und wie sie damit umgegangen sind, um damit abschätzen zu können, ob auf einen selbst vielleicht ähnliche Gefahren lauern und wie man selbst damit umgehen würde.
Liebe Grüße - und teu teu teu

nicole