Hi Alle,
Ich habe jahrzehntelang im Alltag eine Gratwanderung geübt: gerade so viel Weibliches (unauffällige Damenhosen, flache, dezente Damenschuhe, weite, unauffällige, kaschierende Oberteile über so viel Busen, dass es gerade so eben aufzufallen begann, beidseitig Ohrstecker), dass es im Gesamtbild gerade noch als "männlich" (und eben nicht "tuntig") durchgehen konnte. Ich habe geglaubt, es so machen zu müssen, um Komplikationen zu vermeiden (mußte ich wohl auch wirklich, das waren ja z. T. noch ganz andere Zeiten) - und habe dann ständig bedauert, dass diese Gratwanderung in der Wahrnehmung durch meine Umgebung schlicht GARNICHTS bewirkt hat: in der Außenwirkung kam ich damit strikt digital als "Mann" an. Wohldosiert und zu meinem Naturell passend eine weibliche Komponente hineinzumischen erwies sich als unmöglich: entweder 100% Mann - oder 100% "Tunte", sobald ich auch nur einen Millimeter zuviel riskierte. Das kippte dann jäh und vollständig um.
Richtig en femme ging ich nur äußerst selten raus - und wenn, dann so perfekt wie nur irgend möglich: vor allem nie ohne Perücke, obwohl ich den Fifi immer gehasst habe. Nur geschminkt habe ich mich auch dann nicht, weil ich das auch an Frauen nicht mag, ich find's schlicht hässlich. Aber mich durch meine Stirnglatze schon auf 50 Meter Entfernung als "verkleideter Mann" zu outen hätte ich niemals gewagt.
Dann ging ich in Rente, und dann kam Corona: aus dem halben Jahr, das bei mir üblicherweise zwischen zwei Friseurbesuchen verging, wurden Lockdown-bedingt inzwischen anderthalb Jahre. Ich nutzte die Gelegenheit, mir mit den nun längeren Haaren (im Nacken stutzte sie mir meine liebe Frau) die Stirnglatze kunstvoll zuzudecken. Sobald ich draußen bin, weht mir zwar der erste Windstoß die Frisur in alle Richtungen - aber vom Blick in den Spiegel im windstillen Bad bewahre ich mir einfach die Illusion einer Damenfrisur auch ohne die lästige Perücke
Das war für mich die Initialzündung, um auch mein Kleidungsverhalten grundlegend zu ändern; als Renterin brauche ich ja keine Rücksichten mehr zu nehmen, ich bin von niemandem mehr abhängig, und meine Frau kennt und akzeptiert mich eh in weiblicher Kleidung genauso wie in männlicher. Ich begann also vor einem halben Jahr, konsequent auch in der Öffentlichkeit eindeutig weibliche Kleidung zu tragen: Röcke oder geblümte oder rosafarbene Hosen, verspielte Damenblusen, die durchaus auch mal sexy körpernah sitzen oder leicht durchsichtig sein dürfen und einen hübschen BH durchschimmern lassen, Nylons, Pumps mit halbhohem Absatz, große Ohrhänger. Die Perücke bleibt im Schrank, weil ich mich damit nicht wohlfühle; aber als "Gegengewicht" zum deutlich zur Schau gestellten Busen trage ich IMMER dicke Hüftpolster (die gibt's ja mittlerweile günstig zu kaufen), damit wenigstens die Körperlinie harmonisch weiblich wirkt. Ohne die gefalle ich mir selber nicht und fühle mich einfach unvollständig.
Klar sieht man, dass ich biologisch ein Mann bin; den Tunteneffekt kriege ich mit meinem Vierkant-Halbglatzenkopf so oder so nicht weg, auch nicht mit unendlich viel Mehraufwand. Aber immerhin gefällt
mir seitdem das, was ich morgens im Spiegel sehe - und es macht mir jeden Morgen von Neuem einen Riesenspaß, herumzutüfteln, dies und das und jenes in immer wieder neuen Kombinationen zu probieren, mit größeren oder kleineren Silis im BH, bis ich beim Blick in den Spiegel sagen kann: "Ja, so gefällt's mir, so will ich mich heute zeigen." Ein Vergnügen, das ich in männlicher Kleidung nie kannte...
Das mache ich jetzt seit einem halben Jahr - und zwar wirklich konsequent: ich habe in diesem ganzen Zeitraum seit Januar kein einziges Mal mehr männliche Kleidung getragen und kürzlich die allermeisten meiner Männerklamotten weggegeben, weil ich mir inzwischen sicher bin, sie nicht mehr zu brauchen.
Reaktionen in der Umwelt? Keine. Wirklich NICHT EINE EINZIGE, seit einem halben Jahr! Die Leute gehen freundlich und höflich mit mir um wie schon immer und haben auch keinerlei Scheu, aktiv auf mich zuzugehen, um mich mich in irgendwas mit einzubeziehen. Gegenüber ein paar Freunden die das nicht sowieso schon an mir kannten, mußte
ich das Thema aktiv ansprechen, damit es überhaupt mal zur Sprache kam: das waren dann ein paar wenige, erklärende Sätze, warum und wieso - und gut war's.
Das Einzige, was sich seitdem wirklich geändert hat:
ICH fühle mich seitdem sehr viel wohler.
Das Einzige, was ich bereue:
Warum, zum Teufel, habe ich das nicht schon viel früher gemacht?
Soviel von mir zum "Hybrid-Modus"
Herzliche Grüße
Wally