Claudia hat geschrieben: Fr 21. Mär 2025, 19:43
Dann nehme ich Euch mal beim Wort. Ich mache die Annahme, dass diese Welt von Gott geschaffen sein muss. Die Abhängigkeitn der Naturgesetze und der Naturkonstanten voneinander ist so fein austariert, dass dies nicht durch Zufall entstanden sein kann. [...]
Ja, ich treibe es jetzt auf die Spitze. Es bleibt Euch unbenommen, meine Annahme wissenschaftlich zu widerlegen. Ich stütze mich da schon auf die Wissenschaft, die genau diese Abhängigkeiten erkannt hat, aber eben keine zwingende Erklärung dazu hat, warum die so perfekt erfüllt werden.
Könnte es so sein? Vielleicht.
Könnte das ganze eine riesige Simulation sein? Vielleicht(1).
Gibt es andere, "gott-freie" Erklärungen? Ja.
Die einfachste: Ja, dann wären wir eben nicht hier, und das würde aus der Perspektive des Universums auch keinen Unterschied machen.
Das Argument ist ja nicht neu: Die
Uhrmacher-Analogie, und da du dich mit aktueller Kosmologie befasst hast, kennst du auch die Erkenntnislage, die ja, im Unterschied zu Religionen, immer weiter forscht und die bisherigen Modellen anhand der neuen Beobachtungen überprüft und falls nötig verbessert.
Bisher gibt es jedoch keinen zwingenden Grund, eine externe, übernatürliche Macht annehmen zu müssen. Auch wenn das für viele Menschen tröstlich und haltgebend ist.
Es gibt vor allem keinen Grund, einen spezifischen Gott anzunehmen, für den es noch weniger Belege gibt, der quasi gleichberechtigt bzw gleich unbelegt neben tausenden anderen steht und zu dem jederzeit weitere hinzu imaginiert werden können (
https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegende ... ttimonster), die genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sind.
Der religiöse Glaube steht damit eben nicht gleichwertig neben kosmologischen Modellen (die durch Beobachtungen, Messungen und mathematische Methoden überprüft werden), den parallel verfolgten Annahmen, die noch überprüft, bestätigt bzw wiederlegt werden müssen. Auch die bisher nicht erklärbaren Stellen sind kein Grund, etwas übernatürliches anzunehmen:
God of the Gaps, siehe
Argumentum ad ignorantiam. Vereinfacht: Bei einem nicht erklärbaren Phänomen kann keine beliebige Annahme die Wahrheit für sich beanspruchen.
Insbesondere liefern weder Kosmologie, noch die Biologie die Basis für Regeln, die Lebensführung, Sexualpraktiken, Nahrungsregeln oder die Abwertung bestimmter Menschengruppen rechtfertigen. Auch diese "Weil Gott: Gesetz" Muster sind ein Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion.
Jaddy hat geschrieben: Fr 21. Mär 2025, 16:35
Das heisst nicht, dass Naturwissenschaft die einzig notwendige Art zu denken ist. Im Manifest des evolutionären Humanismus listet Michael Schmidt-Salomon gleichwertig zur Wissenschaft auch Philosophie und Kunst auf, die wir ebenso brauchen, um unserer Welt und dem Dasein SInn und Wert zu geben, bzw sinnliche, ausser-rationale Erfahrungen teilen zu können.
Aber genauso gibt zumindest manchem die Religion unserem Dasein Sinn und Wert. Und da so sehr auf die Naturwissenschaft als einzig die Welt erklärend angesehen wird, wie soll es da ausser-rationale Erfahrungen geben? Mit der absolut rationalen Wissenschaft allein dürften solche Erfahrungen doch nicht sein.[/quote]
Es deucht mir, du suchst Streitpunkte, wo eigentlich keine sind. Jedenfalls nicht bei mir. Ich finde es toll, dass wir schon sehr viel erklären können. Zum Beispiel die Brechung des Sonnenlichts an der Atmosphäre, die Luftströmungen und unterschiedlichen Dichte der Schichten, die Wirkungen von Oxytocin im Gehirn und die Verarbeitung der Nervenimpulse der Haut - und das alles zu wissen nimmt mir dennoch nichts von der Erfahrung, mit einem geliebten Menschen einen Sonnenuntergang und die dann funkelnden Sterne zu erleben. Wir können Musik in Frequenzspektren, Takte und Muster zerlegen, im fMRT ihre Effekte auf das Gehirn erforschen, die psychologischen Zusammenwirkungen mit Erfahrungen untersuchen und das ohne dass dieses Wissen dem Erleben eines Konzerts etwas nimmt. Es ist beides gleichzeitig wahr und auf seine Art schön. Die Tricks des Zauberys zu kennen macht die Show für mich nicht schlechter.
Dass ich dafür keine übernatürlichen Wesen benötige heisst nicht, dass ich dir deine Vorstellung nicht gönne. Es ist toll, wenn deine Religion für dich funktioniert und den horror vacui der Lücken in den Weltmodellen füllt. Kein Problem für mich, will ich keinein nehmen. Nur ist sie eben objektiv gesehen eine unbewiesene Annahme, Fantasie, wie auch immer und deshalb als Argument gegenüber anderen, für gesamtgesellschaftliche Entscheidungen usw nicht stichhaltig.
(1) Obwohl... da gab es ein Paper, das wohl zu beweisen meinte, dass wir nicht in einer Simulation leben. Ich hab es allerdings nicht komplett verstanden und auch nicht weiter verfolgt, wie es diskutiert wurde.