Aria hat geschrieben: Sa 23. Jul 2022, 13:44
Du wirst einfach nicht müde, Transsexualität in der Form, wie die von mir u. a. angegangen wird, in Abrede zu stellen.
Hallo Aria,
ich stelle garnichts in Abrede. Ich hinterfrage Dinge, die irgendwo als "gottgegebene" Tatsachen gehandelt werden. Sowohl in der cis- Gesellschaft als auch in der Trans- Community.
Ich hinterfrage nicht die Transsexualität an sich, dafür bin ich dem Thema selbst viel zu nahe. Ich hinterfrage aber warum die erste Wahl im Umgang mit Transsexualität bei medizinischen und operativen Maßnahmen liegt und jeglicher anderslautender Vorschlag ungeprüft als ungeeignet abgetan wird.
Es ist mir durchaus bewusst, dass ich damit eine Lehrmeinung hinterfrage, die in der Trans- Community, den Verbänden und den betreuenden Therapeuten fest verankert ist.
Ab und zu müssen Dinge evaluiert, also hinterfragt und überprüft werden, damit es eine Weiterentwicklung gibt. Ich schließe damit nicht aus, dass für eine Teil der Transsexuellen nach wie vor medizinische Maßnahmen erforderlich sind.
Niemand würde auf die Idee kommen eine Krebserkrankung, einen Herzinfarkt oder eine Schizophrenie genauso zu behandeln wie vor 100 Jahren. Aber auf dem Gebiet des Umgangs mit Transsexualität hat sich seit Lili Elbe nichts grundlegendes mehr getan. Die Medikamente haben weniger Nebenwirkungen und die Operationsmethoden wurden deutlich verfeinert, aber vom Grundsatz wird damals wie heute auf Hormonpräparate und angleichende Operationen gesetzt. Es ist mittlerweile sogar erklärtes Ziel mit einer Hormontherapie möglichst schnell zu beginnen, vorgeblich um unnötiges Leiden zu ersparen. Dadurch bleibt allerdings für andere Behandlungsmethoden keine Zeit.
Hormontherapie und GaOP nehmen in jeder Berichterstattung und in jeder Kommunikation einen derart breiten Raum ein, dass völlig unklar bleibt, ob die Betroffenen sich hiermit wirklich auseinandergesetzt oder einfach nur die Lehrmeinung übernommen haben. Natürlich musst du diese Lehrmeinung verteidigen, da das, was du jetzt darstellst, ein Stück weit Ergebnis dieser Lehrmeinung ist.
Vermutlich sind viele maßgebliche Personen und Institutionen der Ansicht, an dieser Lehrmeinung sollte auch nicht gerüttelt werden. Würde die Lehrmeinung angepasst werden könnten sich Menschen, die sich blind auf den alten Stand verlassen haben, betrogen fühlen.
Ich wage nicht zu beurteilen, ob Mirjam und Patricia sich ernsthaft mit der Möglichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung ihrer Körperdysphorien beschäftigt haben, oder ob sie sich einfach die Lehrmeinung der Trans- Community zu eigen gemacht haben.
Das Beispiel der Magersucht kam nicht von ungefähr. Auch hierbei handelt es sich um eine Form von Körperdysphorie. Hier kann aber keine OP Abhilfe schaffen. Abhilfe schafft Psychotherapie.
Wenn diese Fragen aus einer anderen Ecke gekommen wären könntest du sie einfach als transphob abtun. Die Fragen haben aber keinen transphoben Hintergrund. Hintergrund ist einfach nur die Befürchtung, dass der meistens eingeschlagene "harte Weg" nicht unbedingt der beste Weg sein muss. Warum geht es so vielen Transsexuellen insgesamt nicht besser als vor vor ihrer Transition?
Neue Generationen von Transsexuellen müssen auch die Chance haben zu neuen Formen des Umgangs mit ihrer Situation zu kommen, ohne dass ihr Weg von außen vorgezeichnet wird.
Liebe Grüße
Helga