Ich bin jetzt vier Monate Post-OP und mir geht es gut.
Ich habe viele Einzelschicksale gehört und frage mich manchmal, ob ich Glück habe. Es scheint so.
Obwohl ich, wie ein Freundin sich ausdrückt, noch nicht gebrauchsfertig bin, ist die tiefe Vertrautheit zu meinem Körper, welche ich bereits im Aufwachraum spürte, gewachsen. Nach all den inneren und äußeren Kämpfen gegen Drachen, Windmühlen, Seelendiebe, Energiefresser und vor allem natürlich gegen mich selbst, ist innere Ruhe da. Bitte nicht falsch verstehen, es ist nach wie vor Aufbruchsstimmung in meinem Leben und Probleme zeigen sich mir jeden Tag, aber ich fühle mich derzeit wirklich gut gerüstet und bin wieder "angriffslustig" und beherzt.
Ich habe in den letzten Jahren so viel Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann. Nur noch wage erinnere ich mich an die Selbstmordgedanken, den Alkohol im Übermaß, die fehlende Lebenslust und vor allem die fehlende Selbstliebe. Ich vergesse dies dann auch immer wieder und mir fällt es erst dann auf, wenn ich Menschen begegne, die noch nicht so weit sind, wie ich, oder auf Ihrem Weg stecken geblieben sind. Und das meine ich nicht nur für das spezielle Thema Trans*.
Heute kann ich Menschen in den Gesprächen Kraft und Hoffnung geben (was für ein Geschenk1) und wieder lernen. Lernen mich abzugrenzen von den Problemen anderer, mit dem Recht mich zurückzuziehen/zu lösen, ohne mein Herz zu verschließen, lerne meine Rolle und meine Aufgabe erkennen ...
Ich glaube ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Lebensplan - eine konkrete Vorstellung von meinem Leben.
Natürlich gehört auch das Schreiben dazu und ich möchte hier einen Text teilen, den ich im Rahmen meines Fernstudiums Literarisches Schreiben verfasst habe. Es ging darum autobiographisch zu schreiben und dabei ein gesellschaftliches Thema zu berühren ...
Zerhackt, in den Mixer gesteckt, drei mal drauf gedrückt und dann den Inhalt auf den Teller der Gesellschaft ausgekippt. Friss oder stirb. Schau zu, was Du nun daraus machst.
Und nun fragen sie mich nach meinem Leben? Nach meiner Kindheit meiner Sexualität, weil der Staat nicht anerkennen kann, dass ein Mensch über sich selbst bestimmen darf? Wie war das mit dem Grundgesetz? Artikel 1, Abs. 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Oder Artikel 3, Absatz 1: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." Mit Hinweis auf Absatz 3: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."
Und Sie fragen mich nun auf Basis eines Gesetzes, das von Bundesrichtern genau deswegen zerpflückt wurde, und nun wie ein zerfetztes Segel das Schiff der Hoffnung Richtung Toleranz und Gleichberechtigung antreiben soll? Gut es ist Ihr Job, aber es ist meine Menschenwürde, es ist mein Geschlecht, es ist meine Identität. Glauben Sie wirklich, dass es Ihnen zusteht, mich zu beurteilen? Über mein Schicksal zu entscheiden?
Nur drei Dinge haben Sie zu beurteilen:
Das ich mich dem "anderen Geschlecht" als zugehörig empfindet und nicht dem bei der Geburt verbrieften,
seit mindestens drei Jahren "unter dem Zwang" stehe, meinen Vorstellungen entsprechend zu leben,
mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich mein jetziges Zugehörigkeitsempfinden nicht mehr ändern wird.
Ja, Ja und Ja. Wollen Sie daran zweifeln? Wozu brauchen Sie dreißig Seiten überteuertes Papier für ein Aussage, die ich mit einem 3 mal ausgesprochenem Wort beantworten kann.
Wer sind sie, dass sie meinen inneren Kampf beurteilen können? Und welches anderes Maß steht ihnen zur Verfügung, als die alt hergebrachte patriarchische und binäre Sichtweise auf die Dinge?
Nein, nur ich kann diese Fragen beantworten und nur ich mein Leben leben.
Und überhaupt, was bedeutet das: "Unter Zwang leben?". Hat mich nicht falsche Ideologe und fehlentwickelter, gesellschaftlicher Glaube genau in meine heutige missliche Lage geführt? Mir selbst verboten frei zu leben und mich zwangssozialisiert? "Mindestens drei Jahre unter Zwang stehen?" Ich muss lachen und speien zugleich. 50 Jahre war ich im Zwang die Rolle annehmen zu müssen, die mir niemals zugedacht war und durch deren Falschbesetzung letztlich auch ich viel Schmerz und Leid verteilt habe.
Und nun soll ich mich durch Gutachten freikaufen? Lösegeld für meine Freiheit bezahlen? Ist der Staat über die Wegelagerei des Mittelalters nicht hinausgekommen?
Nein, nur weil der Staat und die Gesellschaft nicht in der Lage sind, anzuerkennen, dass geschlechtliche Identität nichts mit Geschlechtsteilen zu tun hat, halten Sie sich an dem einem zerlöcherten Papier aus dem letzten Jahrhundert fest, heucheln verstehen und Toleranz nach Außen und knechten Menschen wie uns durch Ausgrenzung im gleichem Atemzug, halten an altem Glauben fest.
Ja, sie tun nur ihren Job und auch der Richter tut dies. Und ich will nur endlich frei sein, staatlich geprüft und anerkannt. Ich weiß wer ich bin - geben sie mir das Papier, damit es andere glauben.
Vielleicht hilft dieser, natürlich nicht wirklich neutrale Text, anderen Menschen, Verständnis aufzubauen und für einen Moment in meine Rolle zu schlüpfen.
Ich selbst sehe diesen Text nicht als Angriff oder blinde Wutrede, sondern als kritische Auseinandersetzung mit meinem Leben, zu dem Trans* als Alltag gehört.
Alleine das es Trans* gibt, beinhaltet schon die Notwendigkeit der Auseinandersetzung damit. Und wohl keiner hat das Recht die Menschenwürde des anderen anzuzweifeln, oder sehe ich das falsch? Das ist unsere gesellschaftliche Grundlage. Manchmal habe ich das Gefühl (ich schließe mich nicht aus), dass wir ideologische Türme bauen, ohne das Fundament zu beachten.
Das gilt auch für Freundschaft, zwischenmenschliche Beziehung, und so bin ich traurig, dass die Auseinandersetzungen hier manchmal dazu führen müssen, im Streit auseinander zu gehen. Konflikte werden nicht in der Distanz gelöst und nicht jede Meinungsverschiedenheit braucht Gleichheit und Harmonie. Doch es braucht sicherlich manchmal Abstand in Form von Raum und Zeit um Prozesse stattfinden zu lassen - aber eben nicht für die Ewigkeit. Verständnis braucht Verstehen und Toleranz und Akzeptanz mehr als das Lippenbekenntnis zu unseren gesellschaftlichen Grundwerten.
So blicke ich heute, in diesem Moment, auf meine Transition. Namasté
Alles Liebe
Vanessa