Nubikalé hat geschrieben: Mo 25. Mär 2019, 07:32
Als Ingeneur und Psychologie-Interessierte hast du sicher auch genügend Objektivität um einschätzen zu können, ob ich eine wilde Theorie verbreite oder die Schublade gleich wieder zu machen sollte
Ich glaube nicht, dass das Grundqualifikationen in Bezug auf die Ausgangsfrage ist
Wenn ich mich recht erinnere, bist Du im Wissenaschaftsbetrieb unterwegs. Dann sollest Du doch mit These, Antithese und Synthese vertraut sein ...
Bleiben wir bei der Psychologie, speziell bei der Wahrnehmungspsychologie. Wir neigen dazu Dinge, die uns bestätigen, zu überhöhen und den Rest unter den Tisch zu kehren. Es besteht also die Gefahr, dass Du die Beobachtung, die Du an Dir selber machst, überhöhst. Aber da Du die Erfahrungen anderer Betroffener zu Rate ziehst, versuchst Du Deine Beobachtung zu relativieren. So weit so gut. Dabei kommt der Fragestellung bereits eine wesentliche Rolle zu. Lege ich den Kandidaten eine Antwort in den Mund oder können sie unabhängig von Deiner Meinung eine Entscheidung treffen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Du als "geborene Frau" die unserer Thematik offen und sogar neugierig ist, besondere Sympathie entgegengebracht wird. D.h. man möchte Dich wahrscheinlich eher unterstützen als widersprechen. In diesen Punkten ist aus wissenschaftlicher Sicht Deine Anfrage bei mir durchgefallen ...
Das meine ich natürlich nicht so streng, wie es sich vielleicht anhört. Deshalb das Zwinkern. Du beschreibst in Deinem Post die Verteilung von männlichen und weiblichen Eigenschaften. Weiblich ist in diesem Kontext die "Intuition, innere Eingebungen, Bilder, Gefühle, spirituelles Bewusstsein, Kreativität, Liebesbewusstsein, Frieden, Weichheit, Natürlichkeit, innere Stärke, Hingabe, Lebensfreude und Sinnlichkeit". Männlich ist "Tatkraft, klares Denken, Handeln, Sprechen, Bewegen in der physischen Welt, Willen, Durchsetzungskraft, Standhaftigkeit und Gerechtigkeit". MMn wird hier gerne der Fehler gemacht, dass männlich mit Mann und weiblich mit Frau geichgesetzt wird. Es sind aber nur Definitione und somit willkürliche Zuweisungen von Eigenschaften unter Oberbegriffe. C.G.Jung hat die These von Animus, dem inneren Mann in der Frau und Anima, der inneren Frau im Mann aufgestellt. Dabei versucht er die starre Verbindung männlich-Mann und weiblich-Frau aufzuheben, denn alle Geschlechter haben offensichlich von allen Eigenschaften Anteile. Hier steckt übrigens auch ein Übersetzungsfehler der Bibel. In der deutschen Übersetzung steht "Gott schuf den Mensch als Mann und Frau". Im hebräischen Original steht sinngemäß: Gott schuf den Mensch männlich und weiblich. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Es steht nicht geschrieben, dass ein Mann männlich zu sein hat, sondern sie lässt offen, dass ein Mensch aus beiden "Töpfen" Eigenschaften besitzt. Ich schließe nicht aus, dass aus diesem Übersetzungsfehler unser heutiges Missverständnis bez. der Eigenschaften resultiert. Auch die Trennung von körperlichen Geschlecht und Gender kann vor diesem Hintergrund als Versuch verstanden werden werden, Eigenschaften und Körper zu trennen.
Simone de Beauvoir hat den berühmten Satz getätigt: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es" und betont hiermit die Rolle der Gesellschaft auf dem Weg zu "Frauwerdung". Interessanterweise beschreiten wir Transmenschen genau den gleichen Weg aus freien Stücken. Wenn ich von mir ausgehe, kann ich sagen, dass ich eine Menge weiblicher Eigenschaften besitze und unterliege einem Irrtum, diese auf das Frausein zu übertragen. Ich kann auch als Mann empathisch, kreativ oder liebesbewußt sein. Was mich aber wirklich zum (temporären) Frausein bringt, ist die Ablehnung des klassischen Männerbilds. Es steht meinen weiblichen Eigenschaften massiv im Weg. Beispiel: Ich habe meine körperliche Sensibilität erst in dem Zeitpunkt entdeckt, als ich bewusst einige männliche Eigenschaften, wie z.B. Durchsetzungsvermögen, auch in meinem Männerleben aufgegeben habe. Das heißt nicht, dass ich nicht überzeugen will. Ich könnte sonst hier nicht schreiben.
Ich denke, in einer Beziehung ist eine gute Mischung der Eigenschaften, unabhängig vom Geschlecht, hilfreich. Wie viele Frauen finden es schade, dass sich ihr Mann nicht mehr für Mode interessiert ? Warum soll das nicht auch umgekehrt sein ? Was passiert, wenn man die Bewertung umkehrt ? Ich kenne einen Fall in einer Familie, in der das Kind sehr krank wurde. Während die Frau schier durchdrehte, hat ihr Mann die Übersicht behalten. Meine damalige Freundin sagte, sie als Mutter hätte dem Mann die Hölle heiß gemacht, weil er so unemotional reagiert hat. Ich glaube schon, dass Menschen, die eine Ergänzung der Eigenschaften in der Beziehung suchen. Das wäre dann der Fall, den Du selber erlebst. Aber es gibt auch Menschen, denen kommt es mehr auf Gemeinsamkeiten als Fundament an. Ich denke ein Königsweg stellt die grundsätzliche Haltung, die David Schnarch in seinem Buch "Die Psychologie sexueller Leidenschaft" beschreibt. Er plädiert dafür, Differenzen zum Anderen zu akzeptieren. Die Folge ist einfach: Gemeinsamkeiten werden gelebt und Unterschiede begrüßt. Als Mensch fühlt man sich davon angesprochen und angenommen. Ist das nicht eine gute Basis einer Beziehung ?
So sehe ich Deine These als ein Teilaspekt im allgemeinen richtig. Aber es ist nicht umfassend genug, um gelungene Beziehungen zu beschreiben. Deshalb kann man Einzelnen keinen Tip geben, wie er/sie auf Basis ergänzender oder gleicher Eigenschaften zu einer Partnerschaft kommt. Als sicher sehe ich allerdings den positiven Aspekt, wenn man sich seiner selbst sicher ist. Interessanterweise findet man dann dann Menschen sympathisch, die sich auf ähnlicher Ebene bewegen. Hier ist die Literatur von Jürg Willi aufschlussreich. Ich bin davon überzeugt, dass sich erfüllende Partnerschaften nur auf Augenhöhe leben lassen. Aber man muss nicht, nein man darf nicht den Menschen suchen, der sich auf Augenhöhe befindet. Ich fürchte, man überschätzt die eigene Augenhöhe ...
Genug geschwafelt. Du bist dran.