Herzlichen Dank für diesen Thread!
Es war wohl so gewollt, dass ich ihn erst jetzt entdecke. Vor vier Wochen hätte ich noch ganz anders geantwortet. Wobei - trotz Änderung der aktuellen Situation hat sich meine Einstellung zum Tod nicht geändert.
Mein letzter Tag:
Ich trage mein geliebtes Petticoat, die langen schwarzen Spitzenhandschuhe, bin geschminkt und gekleidet, als würde ich ausgehen. Dabei wird es meine letzte Reise sein. Ich wähle den Duft, mit dem alles begann und mit dem es enden wird. Ein letzter Blick in den Badspiegel. "T. M. - ich liebe dich, deshalb bringe ich es zuende." Es ist nur ein Hauch. Ich nehme Abschied von der Tänzerin, die niemals lächelte und zu einer Königin der Schmerzen wurde.
Ich stelle sorgfältig die Tanzschuhe vors Bett, die Hacken in meine Richtung. Nie mehr werden die Absätze aufs Parkett prallen, wenn ich mit stolz gerecktem Kinn die Röcke meines Petticoats fliegen ließ in endlosen Drehungen. Einige Stunden liege ich auf dem Rücken, den linken Arm von mir gestreckt. Ich spüre das Leben aus mir hinaus rinnen, bis ich einschlafe.
Das war alles schon mal da. Es ist kein Hirngespinst. Nur das Ende wollte nicht kommen. Jetzt denke ich jeden Tag daran. Meine Abschiedsworte auf dem Spiegel stehen noch immer auf dem Glas. Wozu sollte ich sie wegwischen? Es ist die Wahrheit, die sich bis heute nicht geändert hat.
Gedanken:
Falls mich also kein tödlicher Unfall oder ein gnädiger Mitbürger erlöst, wird es wohl - zum wiederholten Mal - auf das obige Szenario hinauslaufen. Wenn ich die vielen Kreuze an der Landstraße sehe, denke ich jedes Mal: Warum mussten diese Menschen sterben? Sie lächeln auf den Fotos, hatten Familien, ein lebenswertes Leben, das sie leben wollten. Und ich fahre bei Nacht und Nebel, Eis und Schnee, Finsternis und Platzregen durch diese Kurven und lebe noch immer. Das ist eine Schande - eine Ungerechtigkeit, die gen Himmel schreit. Spätestens hier thematisiert sich auch bei Ungläubigen das Theodizee. Gerechter Gott, nimm dir mein Leben und verschone dafür das nächste!
Ich muss unbedingt meinen Organ-Pass ausfüllen. Kann man sich auch bei einer Grippe ausnehmen lassen?
Oder befinde ich mich in einem mephistophelischem Spiel, dass 'Er' auf den Moment wartet, der 'verweilen soll'? Da kann 'Er' lange warten. Der wird niemals kommen.
Rückkehr ins Leben:
Wie ich an anderer Stelle schrieb, versuche ich mit allen Kräften, ein neues Leben aufzubauen. Doch wie soll ich in maximal 10 verbleibenden Jahren schaffen, was anderen in 50 Jahren nicht gelang? Der beste Vergleich ist stets die Aussage einer - freilich ehemaligen - Freundin, die meinte, sie habe in 30 Jahren lediglich 2 echte Freundinnen gewinnen können. Wie viele sind es also rein rechnerisch in 10 Jahren - 0,666?
Gleich am Anfang meines neuen Weges hatte ich alles hingeschmissen, weil etwas Schreckliches geschehen war, das ich mir nicht erklären konnte. Die kleine Pflanze war zertrampelt, kaum dass sie die Blätter durch die kalte Erde gereckt hatte. Es holte mich jemand zurück, der mich kaum kannte. Ich hatte ihm eine Art Abschiedsbrief geschrieben, ohne darin zu erwähnen, worum es wirklich ging.
Er hat es geschafft, mich zum Weitermachen zu bewegen. Witzigerweise verstand er meine abstrusen Probleme, sogar jenes, das hier in einem anderen Thread auf 200% Unverständnis stößt - lach. Aber er ist einer der glücklichen, "normalen" Menschen. Ich bin ein Fremdkörper in seiner heilen Welt. Nie werde ich begreifen, weshalb er meinetwegen Tränen vergoss und mich nicht einfach gehen lassen konnte. Wir gingen aus in seiner Welt, alle Blicke waren auf uns gerichtet und in den Gesichtern stand die Frage geschrieben: "Wer zur Hölle ist
diese Frau?"
Ich spüre, dass ich ihn an seine Grenzen gebracht habe - einen charismatischen Zweimeter-Mann mit graublauen Augen, in den sich wohl jede Frau sofort verliebt. Ich gehe ihm aus dem Weg, will ihn nicht verunsichern, respektiere seinen offensichtlichen Willen, niemals mehr tiefer in seine schöne Welt vorzudringen, sondern nur an der Oberfläche zu kratzen, wenn wir uns ab und an in Gesellschaft sehen. Seine Telefonnummer hab ich gelöscht. Es genügt, wenn ich mir selbst Kälte und Zerstörung bringe, sofern es niemand aufhält.
Jetzt verbringe ich meine gesamte Freizeit in meiner neuen Umgebung, in die er mich zurückholte. Ich jage den kurzen Glücksmomenten hinterher, freue mich über jeden Abend, in dem ich vor dem Einschlafen nicht um den Tod bitte. Doch mein schlimmster Feind lauert schon, sendet selbst jetzt noch ungewöhnliche Kälte, damit ich ihn nicht vergesse: der Winter. Noch ehe ich die Chance bekomme, endlich aufzutauen, wird er zur Stelle sein und alles vernichten, was ich in naivem Optimismus glaubte, aufgebaut zu haben. Die Hoffnung wird erneut ersticken und alles reduziert sich auf den Weg der Schmerzen, vor dem ich wahnsinnige Angst habe.
Gedicht:
Die letzten Zeilen haben wirklich Kraft gekostet, sie nicht anders zu schreiben.
https://www.crossdresser-forum.de/phpBB ... 16&t=18150
Bitte:
Bevor jetzt die lebensweisen Ratschläge niederprasseln, stellt euch zuvor folgende Fragen:
- Gibt es keinen einzigen Menschen, den euer Tod berühren würde?
- Gibt es dagegen zahlreiche Menschen, denen euer Tod großen Nutzen, Erleichterung und Freude bescheren würde?
- War euer glücklichster Moment im Leben der, in dem es dabei war zu verlöschen?
Nein? Dann sind die Ratschläge so viel wert wie der zuckersüße Tipp der reizenden Marie Antoinette auf die Bemerkung, dass das Volk kein Brot habe und hungere:
"Warum essen sie denn keinen Kuchen?"
-Diva