Liebe Vicky,
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 7. Okt 2025, 07:05
Der Autor zeigt aber schön, dass jede Entscheidung zu Konsequenzen führt, die wir nicht erwarten und wie unsere Bedürfnisse und Verlangen sogar unerwartet in die Lebendauer anderer Menschen eingreifen kann.
Das klingt einleuchtend, schließlich leben wir nicht isoliert sondern sind in soziale Beziehungen eingebunden. So wie diese Beziehungen auf unser Leben wirken, beeinflussen wir sie umgekehrt. Sie "reagieren" in gewisser Weise auf das, was wir tun.
Diese Reaktion, diese Anpassung, suchen und brauchen wir. Bindung ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sie braucht Beziehung zum Gegenüber, sonst kann es sie nicht geben. Bei unserem Thema wird dies beim Coming-Out wie unter einem Brennglass sichtbar:
Die Entscheidung, sich jemandem zu offenbaren, wird die Beziehung zu diesem Menschen verändern. Wir wissen nicht wie diese Änderung sein wird, sondern nur dass es eine Änderung geben wird. Trotz des Risikos, dass die Beziehung in die Brüche geht, machen wir das. Weil der Drang nach Leben stärker ist als die Angst.
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 7. Okt 2025, 07:05
Ich möchte die Gefühle wieder aufleben lassen, um mich selber zu beobachten. Wann ging es mir gut, wann weniger ?
In der Tat ein spannender Ansatz. Aber wie lebendig sind die Gefühle, die du vor 50, 40, 30 Jahren hattest? Kannst du dich noch daran erinnern? Und wie stark verzerrt ist diese Erinnerung?
Du darfst gerne diese Nabelschau betreiben, ich halte sie für wenig ergiebig. Das Leben findet jetzt und hier statt, in der Gegenwart. Damit setze ich mich auseinander, da versuche ich etwas zu verändern, so dass es mir besser geht.
Für mich ist dabei nicht relevant, wie ich hierher gekommen bin. Nun bin ich eben hier, und die Welt ist, wie sie ist, und ich bin, wie ich bin.
Wenn mir die Welt nicht gefällt, kann ich versuchen, sie zu ändern. Das ist mühsam und häufig unmöglich. Also bleibt mir nur, mich darauf einzulassen anstatt damit zu hadern.
In den Bereichen, wo ich mich ändern kann, weil ich mich nicht wohlfühle, kann ich hingegen versuchen, einen erstrebenswerteren Zustand zu erreichen. Auch das ist mühsam und oft nicht von Erfolg gekrönt. Aber jedesmal, wenn ich etwas verändere, wirkt das in mein Umfeld hinein, das sich dieser Änderung anpassen muss, oder zumindest mit meinen Änderungsversuchen umgehen muss. Auch hier ist es die selbe Logik wie in dem Roman, wo Entscheidungen Konsequenzen verursachen, die ich nicht abschätzen kann. Aber still halten wäre keine Alternative. Sie würde den Tod vorwegnehmen.
Ich sehe es so (der Hinweis auf dieses Buch ist wirklich inspirierend für mich, auch wenn ich nur ein paar Seiten gelesen habe!):
Anstatt erst in dem Zustand "
zwischen Leben und Tod" die Gelegenheit zu nutzen, um ein anderes Leben "anzuziehen", kann ich doch an der Stelle, wo ich
jetzt gerade bin, diese Entscheidung treffen und ein
anderes Leben leben. Natürlich kann ich das nur genau hier und jetzt tun. Die Entscheidungen der Vergangenheit bleiben unveränderlich.
Dennoch, ist das nicht großartig?
Jeden Tag habe ich die Möglichkeit, ein neues Leben auszuprobieren. Ich bleibe die selbe Person (mit der muss ich also klarkommen

), alles andere ist veränderbar. Beziehung, Beruf, Wohnort, Hobbies, Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Prägungen...
Du merkst, es gibt Grenzen, die schwer zu überwinden sind - sie definieren uns als Person. Wo liegen diese Grenzen? Kann ich mich ihnen annähern, vielleicht auch mal einen Blick auf das unbekannte Feld jenseits davon wagen? Werde ich dadurch zu einer anderen Person, oder verliere ich mich womöglich im Niemandsland?
Das weiß ich alles auch (noch?) nicht.
Derzeit befinde ich mich überwiegend jenseits der Grenzen der Männlichkeit, aber auch außerhalb der Grenzen der Weiblichkeit, im Niemandsland der Nichtbinarität, mit kleinen Ausflügen nach allen Seiten. Am besten gefällt es mit in der weiblichen Richtung, aber ob ich dort jemals heimisch werde? Mich auf die männliche Seite zurückzuziehen ist nicht vorstellbar, zu sehr entfremdet bin ich von dort.
Aber so lange es hier nicht zu einsam wird, ist doch alles gut für mich
LGL