Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?
Verfasst: Fr 24. Jan 2020, 02:54
Hallo Jaddy,
Mich hat schon von klein auf mein ganzes Leben lang das Problem verfolgt, dass ich die männlichen Genderrollen in allen ihren Verästelungen buchstäblich UMS VERRECKEN nicht spielen konnte. Schon der bloße, verzweifelte Versuch hat mich so sehr an den Rand meiner Kraft und meines Lebenswillens gebracht, dass ich als 18-Jähriger - 20 Jahre, bevor mir meine transsexuelle Veranlagung überhaupt bewußt wurde - schwer an Tuberkulose erkrankte und ein ganzes Jahr Auszeit in einer Lungenheilstätte nehmen mußte (damals noch ganz im alten Stil, wie es Thomas Mann so trefflich im "Zauberberg" beschrieben hat - nur natürlich nicht so feudal. Aber die morbide Atmosphäre war genau dieselbe). Mich hat damals diese Diagnose ("zufällig", bei einer Reihenuntersuchung) weder überrascht noch niedergeschlagen: ich hatte mir sowas insgeheim schon seit Jahren GEWÜNSCHT und es irgendwie sogar ERWARTET, weil ich einfach fix und fertig war und nicht mehr weiterwußte. Da ich damals keinerlei Chance hatte, zu verstehen, was wirklich mit mir los war (die Diagnose "Transsexualismus" gab's noch gar nicht), habe ich mich in die Krankheit geflüchtet wie Andere in den Suff, mich vom Leben ausgeklinkt. Ich konnte und wollte einfach nicht mehr.
Trotzdem haben wir Transgender natürlich ein Menschenrecht wie jeder Andere, so zu leben, wie es unserer spezifischen Art entspricht. Da das mit dem Sozialgefüge der Mehrheit leider großenteils inkompatibel ist, bleibt uns nur, uns möglichst große Nischen in der Gesellschaft zu schaffen, in denen man uns wenigstens in unserem Anderssein toleriert, wenn wir uns schon nicht nahtlos bei der Mehrheit integrieren können. Genau das tun wir nun schon seit Jahrzehnten mit erfreulichem Erfolg: ich habe da noch ganz andere Zeiten erlebt, im Vergleich dazu leben wir Transgender heute in einem Paradies! Aber nun das ganze, über Jahrhunderte gewachsene und eingeschliffene, soziale Geschlechtergefüge der "Normalos" in Bausch und Bogen als "Driss" abzuqualifizieren und zu fordern, die sollen das gefälligst komplett in die Tonne treten, weil es uns als vergleichsweise kleiner Minderheit gegen den Strich geht - das ist nicht weniger dumm und intolerant als umgekehrt das dumpfe Vorurteil gegen die "schwule Sau". Da fühlen sich Menschen wie Carry sehr zu recht angegriffen und verletzt, und es nützt auch uns selber nix: wir sind und bleiben nun mal eine Minderheit und werden es nie schaffen, der Mehrheit unsere Normen aufs Auge zu drücken. Zudem wäre das auch ethisch nicht wünschenswert: dass wir eine Minderheit sind, macht uns zwar nicht zu schlechteren, aber auch nicht zu besseren Menschen.
Herzlich,
Wally
Oh doch! Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob wir da durch willkürliche Regeln gelenkt oder gar per beliebigen "Zufall" hinkommen (und ebensogut ganz woanders hinkommen könnten), oder ob wir individuell schicksalhaft und existenziell an gewisse Grundlagen unserer tieferen Natur gebunden sind, denen wir nicht aus können. Die Crux an der ganzen Gendernormierung ist doch gerade, dass das NICHT bloß belanglose Alltagsgewohnheiten sind, in denen man sich folgenlos (für sich selber - Normierungsdruck mal seitab gestellt) einfach von heute auf morgen umgewöhnen könnte. Da geht's wirklich ans Eingemachte!Jaddy hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 16:22 Diese "Kern"-Argumentation ist völlig witzlos. Wir können es mühelos dabei belassen, dass wir irgendwie zu unseren persönlichen Relationen zum binären Gendersystem kommen. Das ändert nichts an der Frage es Umgangs.
Mich hat schon von klein auf mein ganzes Leben lang das Problem verfolgt, dass ich die männlichen Genderrollen in allen ihren Verästelungen buchstäblich UMS VERRECKEN nicht spielen konnte. Schon der bloße, verzweifelte Versuch hat mich so sehr an den Rand meiner Kraft und meines Lebenswillens gebracht, dass ich als 18-Jähriger - 20 Jahre, bevor mir meine transsexuelle Veranlagung überhaupt bewußt wurde - schwer an Tuberkulose erkrankte und ein ganzes Jahr Auszeit in einer Lungenheilstätte nehmen mußte (damals noch ganz im alten Stil, wie es Thomas Mann so trefflich im "Zauberberg" beschrieben hat - nur natürlich nicht so feudal. Aber die morbide Atmosphäre war genau dieselbe). Mich hat damals diese Diagnose ("zufällig", bei einer Reihenuntersuchung) weder überrascht noch niedergeschlagen: ich hatte mir sowas insgeheim schon seit Jahren GEWÜNSCHT und es irgendwie sogar ERWARTET, weil ich einfach fix und fertig war und nicht mehr weiterwußte. Da ich damals keinerlei Chance hatte, zu verstehen, was wirklich mit mir los war (die Diagnose "Transsexualismus" gab's noch gar nicht), habe ich mich in die Krankheit geflüchtet wie Andere in den Suff, mich vom Leben ausgeklinkt. Ich konnte und wollte einfach nicht mehr.
Was Du hier so abschätzig "Driss" nennst, ist leider NICHT bloß ein Sack voll platter Gewohnheiten und Vorurteile, den man einfach mal in den Müll schmeißen könnte - sondern ein komplettes, soziokulturelles Lebensgefüge, das auf den jeweiligen, urwüchsig authentischen, emotionalen Kern "normaler", heterosexueller Männer und Frauen passend zugeschnitten ist - den man deshalb auch BRAUCHT, um diese vorgeformten Rollen konsequent zu leben, um sich darin wohl zu fühlen und sowas wie Lebenssinn darin zu finden. Genauso, wie wir Transgender auf Dauer nicht mit diesen Regeln leben können, können die nicht ohne wenigstens einen großen Teil solcher Normen leben!Jaddy hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 16:22 Der einzige Knackpunkt ist, ob du persönlich, bzw binär verortete Menschen im allgemeinen, a) nur genau die zwei tradierten Gender akzeptiert und b) binäres Gendergefühl für unhinterfragbar, also gott- oder naturgegeben haltet. Denn genau daraus folgt der ganze Driss, dass anderen Menschen ihr persönliches Gender - nicht cis oder auch nicht-binär - abgesprochen oder sie dafür sanktioniert werden. Nur darum geht es mir.
Trotzdem haben wir Transgender natürlich ein Menschenrecht wie jeder Andere, so zu leben, wie es unserer spezifischen Art entspricht. Da das mit dem Sozialgefüge der Mehrheit leider großenteils inkompatibel ist, bleibt uns nur, uns möglichst große Nischen in der Gesellschaft zu schaffen, in denen man uns wenigstens in unserem Anderssein toleriert, wenn wir uns schon nicht nahtlos bei der Mehrheit integrieren können. Genau das tun wir nun schon seit Jahrzehnten mit erfreulichem Erfolg: ich habe da noch ganz andere Zeiten erlebt, im Vergleich dazu leben wir Transgender heute in einem Paradies! Aber nun das ganze, über Jahrhunderte gewachsene und eingeschliffene, soziale Geschlechtergefüge der "Normalos" in Bausch und Bogen als "Driss" abzuqualifizieren und zu fordern, die sollen das gefälligst komplett in die Tonne treten, weil es uns als vergleichsweise kleiner Minderheit gegen den Strich geht - das ist nicht weniger dumm und intolerant als umgekehrt das dumpfe Vorurteil gegen die "schwule Sau". Da fühlen sich Menschen wie Carry sehr zu recht angegriffen und verletzt, und es nützt auch uns selber nix: wir sind und bleiben nun mal eine Minderheit und werden es nie schaffen, der Mehrheit unsere Normen aufs Auge zu drücken. Zudem wäre das auch ethisch nicht wünschenswert: dass wir eine Minderheit sind, macht uns zwar nicht zu schlechteren, aber auch nicht zu besseren Menschen.
Soweit richtig.Jaddy hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 16:22 Auch wenn sich die meisten Menschen in m/w verorten, wie Anja schrieb, haben sie genauso zu akzeptieren, dass einige andere das eben nicht tun.
Genau da wird's falsch: eben kein Zeichen von Respektlosigkeit, sondern bloß von Fremdheit. Jeder von uns Transgendern - als Angehörige einer kleinen Minderheit - ist permanent, tagtäglich von "Normalos" umgeben. WIR KENNEN DIE, wir begegnen denen schließlich dauernd. Aber die meisten von denen begegnen nur selten einem von uns; deshalb sind und bleiben wir denen fremd! So Sachen wie binär gegenderte Toiletten meinen doch gar nicht uns; das machen die einfach unter sich so, weil sie es untereinander als angemessen empfinden; an uns denken die dabei gar nicht (im Übrigen halte ich gerade auch als Transsexueller das spezielle Transenklo für eine erst so richtig diskriminierende Schnapsidee). Und die Ansichten dualgeschlechtlich denkender und empfindender Menschen pauschal als "biologistisch" abzuqualifizieren, ist nun WIRKLICH respektlos.Jaddy hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 16:22 Und jede binäre Anredezwangsauswahl, jede binär gegenderte Toilette und jedes biologistische Statement sind nun mal eben ein deutliches Zeichen von Respektlosigkeit.
Herzlich,
Wally