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Re: Der Stein rollt

Verfasst: Do 24. Mär 2016, 00:19
von MEL
Hallo Anke,

vielen Dank für deine kontinuierliche (ungeschminkte) Berichterstattung und es freut mich zu hören,
dass sowohl von medizinischer Seite als auch - und eigentlich noch viel wichtiger -
von deinem Empfinden alles im "grünen Bereich" ist! (ap)

Drücke Dir die Daumen, dass der Heilungsprozess möglichst komplikationslos und
vor allen Dingen weiterhin zügig voranschreitet
und Du in wenigen Wochen unbeschwert den Herausforderungen und Freuden
des fraulichen Alltags entgegensehen kannst! (flo) (smili)

Wünsche dir auf diesem Wege schon mal möglichst unbeschwerte und erholsame Ostertage,

ganz liebe Grüße

MEL

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Do 31. Mär 2016, 10:53
von Anke
Hallo,

gestern war wieder Kontrolluntersuchung und damit auch Zeit für ein Update.

Der Heilungsverlauf ist weiter positiv und ich fühle mich selbst auch von Tag zu Tag besser. Eher zufällig wurde bei mir ein urologisches Problem entdeckt, das aber mit der GAOP erstmal nix zu tun hat, abgesehen davon, dass es einen Störfaktor darstellt. Ich werde das Thema hier ausklammern, denn in diesem Thread geht es um meine Transition und gerade jetzt um die GAOP.

Ich habe auch schon das Rezept für das Dilatatorenset bekommen. Die Apotheke hat das natürlich nicht vorrätig und auch der Großhändler hatte es nicht im Programm. Also wird es jetzt direkt beim Hersteller bestellt.

In 14 Tagen bin ich dann den Platzhalter los und dann wird auf die Dilatatoren umgestellt. Ich bin sehr froh, wenn der Platzhalter weg ist, denn der stört und nervt von Tag zu Tag mehr.

In den letzten Tagen wurde ich nach meinem Geburtstag gefragt. Im Augenblick fällt mir die Antwort darauf schwer. Da ist einmal der Moment, an dem ich das Licht der Welt erblick habe, der Beginn meiner Transition und dann noch der Tag der GAOP. Also der Tag, an dem mir mein neuer Körper geschenkt wurde. Ich weiß noch gar nicht so richtig, wie ich damit umgehen soll.

Ganz ähnlich geht es mir mit meinem Alter. Natürlich kenne ich mein biologisches Alter. Wenn ich aber nach meinem gefühlten Alter gefragt werde, bin ich derzeit sehr unsicher. In den hinter mir liegenden Monaten habe ich so etwas wie eine transsexuelle Pubertät durchlebt und fühle mich am Ausgang dieser Phase. Dem entsprechend gibt es Teile in mir, die meinem biologischen Alter entsprechen, während andere Teile sich mehr nach Teenager anfühlen. Das ist manchmal ganz schön verwirrend und es ist auch nicht immer leicht damit umzugehen.

Zum Beispiel verspüre ich große Lust noch einmal und jetzt als junge Frau viel wegzugehen und mich ins Party-, Disco oder Clubgetümmel zu stürzen. Das hat viel mit dem Bedürfnis zu tun, mich selbst zu erleben und auszuprobieren. Allerdings bin ich mir darüber im klaren, dass ich das kaum noch durchhalte und ich nach einer durchgefeierten Nacht erstmal eine gründliche Regenerationsphase einlegen muss, die dann auch deutlich länger ausfällt, als früher.

Überhaupt bin ich gerade sehr hungrig auf das Leben. Ich kann es kaum abwarten, dass der Heilungsprozess abgeschlossen ist und meine Kräfte wieder hergestellt sind. Dieses Gefühl war bereits vor der OP vorhanden, hat sich jetzt aber deutlich verstärkt. Bald habe ich es geschafft und dann kann ich das Leben neu erleben.

Liebe Grüße

Anke

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Do 31. Mär 2016, 18:39
von Magdalena
Hallo Anke,
Deine ausführliche Berichterstattung ist sicher für viele hilfreich, die vor der Entscheidung stehen OP oder nicht OP. Du hast nichts beschönigt oder durch die rosarote Brille beschrieben. Vielen Dank dafür für Dich Anke. Auf die Frage Deines Geburtstages fällt mir nur ein, begehe beide Tage. Den Tag an dem Du geboren wurdest und den Tag an dem Du zur Frau wurdest. Mir fallen da die Schicksale anderer ein, den mit einer lebenserhaltenden Organspende ein zweites Leben geschenkt wurde. Beides gehört zusammen und das Leben ist ohne beide Tage nicht denkbar. Ohne dem Tag Deiner Geburt währst Du nicht auf der Welt und unter uns. Da würdest Du uns fehlen. Und ohne der GAOP bist du nicht die Anke die Du sein möchtest und bist. Vieleicht findest Du einen Weg beiden Tagen Raum zu geben.

Viele Grüße Magdalena

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Do 31. Mär 2016, 18:51
von Bianca D.
Moin Anke,

das,was du da in deinem letzten Beitrag beschreibst habe ich auch so erlebt und erlebe es z.T. auch heute noch,wenn auch nicht mehr so wie vor zwei Jahren. Weggehen auf Party's, das Nachtleben genießen oder nen hübschen Typen aufreißen,ja,man kam sich echt wie ein Teenager vor. Zum Glück spielt die durch Lebenserfahrung gelenkte Vernunft da mit und hat mich vor manchem Unfug bewahrt. Eine schöne Erfahrung ist es aber allemal,diese zweite Pubertät.
Weiterhin gute Genesung....

LG Bianca

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Fr 1. Apr 2016, 23:24
von JaquelineL
Liebe Anke,

vielen Dank für Deine andauernde Berichterstattung, ich bin ganz offensichtlich lange nicht die Einzige hier, die sie hoch interessiert verfolgt und sich mit Dir freut, mit Dir gespannt ist und sich immer wieder inspirieren lässt.
Anke hat geschrieben:Ich habe auch schon das Rezept für das Dilatatorenset bekommen. Die Apotheke hat das natürlich nicht vorrätig und auch der Großhändler hatte es nicht im Programm. Also wird es jetzt direkt beim Hersteller bestellt.
War das eine Apotheke im Bereich des Krankenhauses bzw. im Krankenhaus verschrieben? Bei rund einer Op pro Woche könnte man dort durchaus das eine oder andere Exemplar bevorraten...
Anke hat geschrieben:In den hinter mir liegenden Monaten habe ich so etwas wie eine transsexuelle Pubertät durchlebt und fühle mich am Ausgang dieser Phase.
Darf ich mir das auch so wie die "Twen-Phase" einer jungen Frau vorstellen, die ihre volle Weiblichkeit entdeckt und entsprechend noch "fine-tuning" betreibt? Mit Pupertät verbinde ich eher die Entdeckung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Sexualität, ich kann mir gut vorstellen, dass Du *das* schon hinter Dir hast (so)

Ich sage nur "party on!"... wie war das noch mal? "Genieße das Heute als gäbe es kein Morgen, doch sei vernünftig genug, das morgen auch noch zu können." :)p

Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute und freue mich schon auf den nächsten Bericht!

Liebe Grüße
Jackie

Re: Der Stein rollt

Verfasst: So 3. Apr 2016, 12:31
von Anke
Hallo ihr Lieben,
JaquelineL hat geschrieben:
Anke hat geschrieben:Ich habe auch schon das Rezept für das Dilatatorenset bekommen. Die Apotheke hat das natürlich nicht vorrätig und auch der Großhändler hatte es nicht im Programm. Also wird es jetzt direkt beim Hersteller bestellt.
War das eine Apotheke im Bereich des Krankenhauses bzw. im Krankenhaus verschrieben? Bei rund einer Op pro Woche könnte man dort durchaus das eine oder andere Exemplar bevorraten...
Das wär sicherlich sinnvoll. Dürfen die aber nicht. Das Rezept habe ich auch nur vom Krankenhaus bekommen, weil ich Privatpatientin bin. Ansonsten hätte das meine Hausärztin machen müssen. Das selbe gilt für Krankschreibungen. Ich habe beschlossen, mich darüber nicht aufzuregen.

Anke hat geschrieben:In den hinter mir liegenden Monaten habe ich so etwas wie eine transsexuelle Pubertät durchlebt und fühle mich am Ausgang dieser Phase.
Darf ich mir das auch so wie die "Twen-Phase" einer jungen Frau vorstellen, die ihre volle Weiblichkeit entdeckt und entsprechend noch "fine-tuning" betreibt? Mit Pupertät verbinde ich eher die Entdeckung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Sexualität, ich kann mir gut vorstellen, dass Du *das* schon hinter Dir hast (so) [/quote]

Es ist nicht so leicht zu beschreiben, deshalb hab ich es auch so formuliert. Aber so die Richtung kommt ungefähr hin, wie Du es schreibst. Wobei ich immer noch dabei bin, meine weibliche Persönlichkeit zu entdecken und zu entwickeln. Vor allem mich als Frau mit Männern zu erleben, die mich vor meiner Transition noch nicht kannten. Gerade zu Männern hatte ich immer ein sehr schwieriges Verhältnis. Jetzt wo ich nicht mehr dazugehören muss, sondern sozusagen auf der anderen Seite stehe, kann ich mit Männern besser und entspannter umgehen. Dabei habe ich auch sehr überraschende Erlebnisse, sowohl positiv, als auch negativ.

Die meisten Männer (und dazu gehören auch die, die mich zuvor kannten) behandeln mich sehr höflich und respektvoll, so wie es eben Gentleman tun. Ich mag das sehr, vor allem weil ich gerade im Beruf nach wie vor ernst genommen werde.

Aber es gibt auch Erlebnisse, wo ich aufgrund meines Status als Frau nicht mehr ernst genommen werde. Bei einer Veranstaltung ging es im Rahmen einer Gruppenaktivität um die Lösung eines technisches bzw. handwerklichen Problems. Dazu möchte ich sagen, dass ich handwerklich sehr viel gemacht habe und dementsprechend über Wissen und Erfahrung verfüge. Aber in dieser Situation wurde ich überhaupt nicht mehr gehört. Da es mir nicht wichtig genug war, habe ich mich zurück gezogen und mich darüber amüsiert, dass genau die Probleme eingetreten sind, die ich gesehen habe.

In anderen Situationen, in denen es drauf ankommt, möchte ich mir das nicht gefallen lassen. Da weiß ich noch nicht so genau, wie ich das dann mache.

Dazu kommt, dass ich in mir zwei frauliche Seiten spüre. Auf der einen Seite die toughe, starke, selbstbewusste und emanipierte Frau, die ihren eigenen Weg geht. Auf der anderen Seite spüre ich aber auch die schwache anlehnungsbedürftige und schutzsuchende Frau in mir, die gerne einen starken Mann als Beschützer an ihrer Seite hätte, der dann auch sehr gerne vorgeben darf, wo es lang geht. Das ist natürlich alles andere als emanzipert, trotzdem gibt es diese Wünsche und Gefühle in mir und auch diese Seite werde ich an- und ernst nehmen.

Und das Thema Sexualität muss ja auch neu ausprobiert werden. Da ist mein Kopf voll mit Träumen, Wünschen und Vorstellungen. Hier muss ich noch geduldig bleiben, denn noch ist wegen Umbau geschlossen.

@Myriam:
Ich freue mich sehr, dass ich dir ein wenig geholfen habe, eine neue Perspektive zu finden. Ich drücke dir fest die Daumen, dass Du den für dich richtigen Weg findest. Wenn ich dir dabei helfen kann, einfach nachfragen.

Liebe Grüße

Anke

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Fr 8. Apr 2016, 12:57
von Anke
Hallo,

wieder liegt eine Nachuntersuchung hinter mir und die Nachrichten sind weiter positiv.

Der Heilprozess geht weiter voran, alles im grünen Bereich. Dazu bin ich gestern endlich den Bauchdeckenkatheter losgeworden. Den hatte ich wegen meines urologischen Spezialproblems, üblicherweise wird er vor der Entlassung aus dem Krankenhaus entfernt.

Den Platzhalter muss ich jetzt nur noch nachts einsetzen. Gerade tagsüber ist er stark verrutscht und hat mich wund gemacht. Hat richtig weh getan, vor allem beim Gehen. Das Wundsein bekämpfe ich jetzt mit Bepanthen, ist auch schon viel besser geworden.

Er soll jetzt noch rund 2 Wochen nachts drinbleiben, dann stelle ich auf die Dilatatoren um. Das Set habe ich schon, 5 verschiedene Größen, der Durchmesser variiert zwischen 12 und 30 mm, die Länge von 12 bis 18 cm. Alle schön in unterschiedlichen Farbtönen mit einem Täschchen zur Aufbewahrung und einem Gleitgel. Die DInger bestehen aus Silikon und sind weder zu starr noch zu biegsam. Macht alles eine guten Eindruck. Ich bin sehr auf die Anwendung gespannt. Wer sich die DInger ansehen möchte:

http://www.medintim.de

In der Anleitung steht: "Wenn das Einführen des größten Dilatators schmerzfrei möglich ist, können Sie in Erwägung ziehen Geschlechtsverkehr zu haben". Na dann. :lol:

Unangenehm ist derzeit vor allem die Spannung, die im Wundgebiet herrscht. Das ist bei der angewendeten Methode auch nicht weiter verwunderlich, das Gewebe muss sich erst an den neuen Zustand gewöhnen. Spürbar ist das vor allem, wenn ich eine Weile (auf meinem Sitzring) gesessen habe und dann aufstehe. Dann dauert es immer eine Weile, bis ich einigermaßen entspannt gehen kann. Wer nicht weiß, was mit mir ist, muss denken, ich hätte es im Kreuz.

Autofahren klappt mittlerweile auch ganz ordentlich, aber auch nur deshalb, weil mein Wagen über eine Schaltautomatik verfügt. Ein Auto mit Handschaltung würde ich mir wegen der Kupplung noch nicht zutrauen. Nur das Ein- und Aussteigen ist noch etwas mühselig und natürlich ist der Sitzring immer dabei.

Heute habe ich dann auch meinen ersten Termin beim Frauenarzt vereinbart. Seit ich im Spätherbst die Betreuung durch die Endokrinologin (Empathie wie eine Betonwand, Fachkompetenz mehr als fraglich, keine echten Alternativen in Sicht) abgebrochen und die Medikation einfach hab weiter laufen lassen, hatte ich niemanden mehr der da drauf geschaut hat. Jetzt muss die Medikation sicherlich neu eingestellt werden und ich versuche mein Glück mal bei einer Frauenärztin.

Die Terminvereinbarung hat sich richtig gut angefühlt. Ich hatte zunächst nur um einen Termin gebeten und gesagt, dass es um eine Hormonbehandlung geht. Da wurde gleich gefragt, ob es um einen Kinderwunsch geht. Das ging natürlich runter wie Öl. Ich hab die Ansprechpartnerin dann aufgeklärt, für sie war das dann auch das normalste von der Welt. So soll es sein. (ap)

Den Termin für die zweite OP habe ich auch schon mit dem Operateur besprochen. Er meinte, dass wäre frühestens nach 3 Monaten sinnvoll. Da es aber bei mir ein paar Probleme gegeben hat, sollte ich lieber einen Monat länger warten. Rational habe ich das sofort eingesehen, emotional gefällt mir das natürlich gar nicht. Aber gut, sei es drum. Wir streben jetzt einen Termin Anfang Juli an. Davor werde ich natürlich ausführlich mit ihm besprechen, welche Möglichkeiten es gibt und was wie gemacht werden soll.

Insgesamt bin ich immer noch sehr glücklich, was mir auch hilft, das alles gut zu überstehen. Allerdings merke ich deutlich, dass meine Kraft fast aufgezehrt ist. Nicht nur von der OP, sondern auch von der Transition als insgesamt. Es ist eben ein Prozess mit Höhen und Tiefen, dazu kommt, dass es einiges gibt was, wie zum Beispiel die Epilation oder so eine OP mit ihren Nachwirkungen, einfach durchgestanden und ausgehalten werden muss. Dadurch, dass das in eine gute Richtung geht und auch sehr befreiend ist, ist das nicht immer spürbar. Aber gerade jetzt merke ich das ganz deutlich.

Da ich nächste Woche wieder anfange zu arbeiten, habe ich deshalb mit meinem Chef auch erstmal nur 60 Prozent vereinbart. Ich bin froh, dass es wieder los geht, aber ich brauche noch etwas Schonfrist. Mir wird es sicherlich gut tun, wieder in die Arbeit und den dazugehörigen Rhythmus zu kommen. Ich darf mich dabei nur nicht überlasten. Auch hier habe ich großes Glück mit meinem Chef, der mich voll und ganz unterstützt.

Außerdem gönne ich mir mit meiner Partnerin im Mai einen schönen Urlaub in Florida. Da kann ich richtig Kraft tanken und auf den Keys meinen neuen Bikini spazieren tragen. Natürlich gehört auch ein Abstecher in die Everglades und ein Besuch in Miami dazu. Ich muss doch mal sehen, wo Don Johnson alias Sonny Crockett (ich spreche über Miami Vice) sich so herumgerieben hat. (he)

Das Forumstreffen sollte auch klappen, darauf freue ich mich sehr. Das letzte Mal bin ich da ganz positiv aufgeladen abgereist, ich kann das nur jeder empfehlen.

Liebe Grüße

Anke

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Fr 8. Apr 2016, 20:36
von Bianca D.
Moin Anke,

lieben Dank für deinen wieder einmal äußerst aufschlußreichen Bericht. Damit läßt sich gut vergleichen zwischen den verschiedenen Op-Methoden,der Nachsorge usw.
Anke hat geschrieben:Allerdings merke ich deutlich, dass meine Kraft fast aufgezehrt ist. Nicht nur von der OP, sondern auch von der Transition als insgesamt. Es ist eben ein Prozess mit Höhen und Tiefen,
Ja,es ist schon ein langer und steiniger Weg,physisch und psychisch eine große Belastung,aber das gute Gefühl,das sich nun zum Ende eingestellt hat,hilft sehr, diese Belastungen zu verarbeiten.
Anke hat geschrieben:Außerdem gönne ich mir mit meiner Partnerin im Mai einen schönen Urlaub in Florida.
Na denn wünsche ich dir schon mal einen tollen Urlaub bei Uncle Sam. Viel Spaß und gute Erholung!

LG Bianca

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Fr 8. Apr 2016, 23:14
von conny
Hallo Anke,

ich finde es klasse, dass Du Deine Berichte hier einstellst und nicht in einem geschlossenen Bereich. Ich bin zwar, wie viele andere hier auch, "nur" Crossdresser" aber es schadet naürlich nicht, wenn auf diese Weise für uns alle nachvollziehbar wird, was der Schritt, den auch Du gegangen bist, alles in allem bedeutet.
Danke und Dir alles Gute auf Deinem weiteren Weg in ein neues Leben!

LG
Conny

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Di 26. Apr 2016, 18:29
von Anke
Hallo,

hinter mir liegen ein paar turbulente Wochen. Dabei ging es mir vor allem körperlich nicht so gut, so dass ich auch keinen rechten Nerv hatte, hier weiterzuschreiben. Jetzt scheint es aufwärts zu gehen und ich möchte wieder ein wenig berichten.

Wie schon angedeutet gibt es bei mir ein "urologisches Spezialproblem". Konkret heißt das, dass meine Blase ziemlich überdehnt ist und sich nicht mehr richtig entleert. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten so entwickelt, aber dabei keine wirklichen Probleme gemacht. Durch die OP und die ganzen Veränderungen ist vermutlich das fragile Gleichgewicht das da bestanden hat wohl durcheinandergeraten.

Nachdem ich unmittelbar nach der OP schon Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen hatte, hatte ich letzte Woche ein akutes Harnverhalten, was mir für ein paar Tage einen Katheter und eine Blasenspiegelung eingebracht hat. Letzteres war allerdings sehr hilfreich, weil wir da feststellen konnten, dass außer der Überdehnung der Blase organisch alles andere in Ordnung ist.

Bleibt die Frage nach der Ursache. Nach der Untersuchung hatte ich ein langes Gespräch mit meiner Operateur, der ja auch Urologe ist. Das Problem besteht wohl darin, dass die Koordination zwischen der Muskulatur der Blase und den beiden Schließmuskeln gestört ist. Mit anderen Worten, wenn die Blase entleeren möchte bekommen die Schließmuskeln davon nix mit.

Was tun dagegen? Zum einen fange ich nächste Woche mit einer speziellen Physiotherapie, die dieses Problem beheben soll. Bin sehr gespannt. Zum anderen lerne ich mich mit Einmalkathetern selbst zu katheterisieren um die Blase wieder auf normale Maße herunter zu trainieren. Damit sollten die Probleme dauerhaft gelöst werden.

Nachdem ich wieder zu Hause war, habe ich mich natürlich gefragt, wo so etwas herkommen kann. Irgendwann kamen dann Bilder aus meiner frühesten Kindheit hoch, wo ich entweder auch nicht konnte oder am falschen Ort zur falschen Zeit mein Wasser gelassen habe. Dabei natürlich meine Mutter, die statt Trost und Liebe zu spenden, mit Druck, Drohungen und gelegentlich auch mit Schlägen reagiert hat. Ich hatte das lange verdrängt, aber ich bin mir sicher, dass sie mir dieses Päckchen aufgeladen hat.

Von diesen Päckchen hatte ich einige und die meisten bin ich mittlerweile losgeworden. Jetzt muss ich noch dieses loswerden. In gewisser Weise bin ich erleichtert, dass ich die Ursache kenne und weiß, was es ausgelöst hat. Ich hatte zunächst große Angst, dass es etwas organisches ist und erneut eine große OP ansteht. Das hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet und ich bin mir sicher, dass ich es mit den beschriebenen Mitteln schaffe.

Zu allem Überfluss habe ich mir bei der Gelegenheit auch noch eine Blasenentzündung zugezogen und das Antibiotikum zur Behandlung schlecht vertragen. Wenn es mal schief geht, dann natürlich gleich richtig. Mittlerweile habe ich es einigermaßen überstanden und es wird besser.

Interessant in diesem Zusammenhang war die Reaktion von anderen Frauen, wenn ich meine Blasenentzündung erwähnte. Unisono kam die Aussage: "Willkommen in der Welt der Frauen". Und praktisch jede hat ihre eigene Geschichte zum Thema Blasenentzündung.

Dabei hat sich auch bei mir meine Beziehung zum Thema Hygiene verändert. Klar, früher war auch Händewaschen nach dem Toilettengang selbstverständlich und auf Sauberkeit habe ich immer schon geachtet. Aber jetzt hat das eine ganz andere Bedeutung und Wichtigkeit bekommen. Ich muss da viel mehr auf mich aufpassen und das Thema ist in meinem Kopf viel präsenter.

Der eigentliche Heilungsprozess nach der OP kommt weiter langsam voran. Es sind weiter kleine Schrittchen von Tag zu Tag und meine Geduld wird weiter auf eine harte Probe gestellt. Ich nehme das mal positiv, wenn ich dann geduldiger werde, kann mir das nicht schaden. :-)

Meine ersten Dilatiraktivitäten sind sehr erfolgreich verlaufen. Die ganz kleinen hätte ich gar nicht gebraucht, ich konnte gleich die etwas größeren nehmen. Unangenehm ist das nicht und einmal hat es auch tolle und interessante Gefühle gemacht. Meine Partnerin fragte auch gleich was mit mir los wäre, ich hätte so ein glückseliges Lächeln. So darf das weitergehen. :-)

Mein Frauenarzttermin verlief auch sehr gut. Wir haben die Medikation bei den Hormonen ein wenig angepasst. Ansonsten hat sie sich alles mal angesehen und war der Meinung, dass es gut geworden wäre. Wenn das jemand beurteilen kann, dann ja wohl eine Frauenärztin. In zwei Monaten habe ich den nächsten Termin. Da lasse ich mich von ihr auch mal für die zweite OP beraten, die voraussichtlich Anfang Juli stattfinden wird. Sachkundiger Rat ist sicherlich hilfreich.

Mit meiner Partnerin gab es ein paar stürmische Momente. Unsere Vereinbarung sieht ja so aus, dass wir zusammen bleiben und jede ihre Freiheiten hat. Sie hat jetzt angefangen diese Freiheiten zu nutzen und auszuloten. Das ist für mich völlig in Ordnung, fühlt sich aber auch seltsam an. Doch ich komme damit gut klar. Allerdings war sie kaum noch da, wir hatten kaum noch gemeinsame Zeit und wenn sie da war, dann gab es ständig Anrufe und Mailschreiberei. Oder wir sprachen praktisch nur noch über ihre möglichen Kandidaten. Eigentlich machen wir das zwar sehr gerne, auch umgekehrt, aber es nahm eben Überhand.

Aus irgendeinem Anlass hatten wir dann eine eher kleine Auseinandersetzung, doch dann kam das alles auf den Tisch. Ich hatte das Gefühl, dass sie anfängt von mir weg zu driften und ich sie irgendwann verliere. Die kleine Auseinandersetzung wuchs sich dann zu einem ordentliche Gewitter aus, das sich über zwei Tage hinzog.

Irgendwann konnten wir wieder vernünftig miteinander reden und vieles klären. Sie hat meine Reaktion verstanden, auch wenn sie etwas zu heftig ausgefallen ist. Irgendwie war ich auch eifersüchtig darauf, dass sie sich mit interessanten Männern trifft und ich noch zur Untätigkeit verdammt bin. Dafür kann sie natürlich nix, trotzdem hat mich das natürlich auch beeinflusst.

Aber das Gespräch hat Früchte getragen, vieles ist geklärt und angesprochen und wir haben auch ein paar Dinge in unserem Zusammenleben verändert, die uns gut tun. Gelernt haben wir beide, dass so eine Beziehung, wie wir sie führen ihre besonderen Herausforderungen hat. In der Sache sind wir uns einig, dass das Richtige für uns ist und wir das so wollen. In der praktischen Umsetzung ist das gar aber auch gar nicht so einfach.

Es fängt damit an, dass sich unser Zusammenleben verändern wird. Wir wissen jetzt, dass wir das nicht einfach zulassen sondern aktiv gestalten wollen, damit wir uns nicht verlieren, was für uns beide wirklich sehr schlimm wäre. Dementsprechend wird das immer wieder Gesprächsthema sein.

Ebenfalls kompliziert ist, wie wir unsere Situation kommunizieren wollen. Wir führen da gerade eine sehr ausführliche Diskussion, die ich hier auch aus Platzgründen auch nicht zusammenfassend wiedergeben möchte. Mit der einen oder anderen Lösung haben wir zwar schon Erfahrung gesammelt, sind aber noch nicht am Ziel. Es bleibt spannend.

Jetzt hoffe ich, dass ich dieses Tief durchschritten habe und es wieder aufwärts geht.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Post von Conny. Ich habe eine Weile mit mir gerungen, ob ich hier oder im geschlossenen Bereich darüber schreiben soll. Es sind viele, auch körperlich, intime Dinge und ich war mir nicht sicher, ob es etwas für die "breite Forenöffentlichkeit" ist. Beim Schreiben hat es sich dann gut angefühlt und ich freue mich, dass ich damit neben den Transsexuellen auch den einen oder andern Crossdresser angesprochen habe. Es tut auch gut so offen darüber zu schreiben. Die Grenzen lote ich dabei für mich jedes mal neu aus und durchbreche eigene innere Tabus.

Liebe Grüße

Anke

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Di 26. Apr 2016, 19:41
von Magdalena
Halllo Anke! )))(:

Danke für Deinen Bericht und dafür, das Du ihn im offenen Bereich geschrieben hast. Ich sehe mich ja auch als Crossdresser. Doch ob es so bleiben wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Wer kann sich schon sicher sein? Um so mehr sind gerade Deine Berichte hilfreich, wenn es darum geht wenn die Frau in mir mehr Platz einfordert. Welche Risiken und auch Beschwerden können auftreten und wie gehen Andere damit um. Also nochmals Danke!

Nun möchte ich Dir, Anke, auf dem weiteren Weg die Kraft wünschen um auch die weitere OP zu meistern. Und dass Du mit deiner Partnerin eine gemeinsamen Weg findest, auch wenn sich vieleicht dabei neue Partnerschaften für Euch Beide ergeben.

Viele Grüße Magdalena

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Mo 9. Mai 2016, 19:57
von Anke
Hallo,

kurz vor meinem Urlaub nochmal ein Update.

Hinter mir liegt ein schönes verlängertes Wochenende in Berlin mit dem Forumstreffen. Wie schon im letzten Jahr: tolles Programm, schöne Location und viele gute Gespräche. Für mich ist das Balsam für die Seele. Vielen Dank an das Orgateam und alle die dabei waren.

Trotzdem ist gerade heute einer von den weniger schönen Tagen. In der Firma gibt es Veränderungen, die mir nicht gefallen (hat nix mit meiner Transition zu tun, ich bin nur zufällig betroffen, die bei uns üblichen Umorganisationen eben), trotz Epilation in der letzten Woche wachsen schon wieder schwarze Haare auf meiner Oberlippe, bei meiner Blasengeschichte scheint trotz intensiver Behandlung keine Verbesserung einzutreten und es gab noch ein paar andere Unerfreulichkeiten. Alles keine großen Sachen, aber es kommt mal wieder alles zusammen.

Dazu kommt, dass ich mich zusehends nach körperlicher Zuneigung sehne. Da der Heilungsprozess noch nicht vollständig abgeschlossen ist und im Juli bereits die zweite OP ansteht, macht es derzeit keinen Sinn, dass ich mich nach Männern umsehe. Meinem Verstand ist das völlig klar und einsichtig. Aber meine Gefühle wollen das gerade partout nicht akzeptieren. Mir würde es zwar reichen, harmlose Zärtlichkeiten auszutauschen. Aber es steht zu befürchten, dass dann gleich mehr gewollt wird und irgendwann gehen mir dann die Ausreden aus.

Ausgerechnet heute ist dann auch meine Partnerin nicht da. Wenigstens konnten wir telefonieren und dann ging es auch schon ein wenig besser. Um meine Stimmung weiter aufzuhellen, habe ich mir meine Nägel machen lassen (stand sowieso an) und hab dann ein schönes Sommerkleid gefunden (stand eher nicht an). Das hat gut getan, vor allem auch weil mich der Blick in den Spiegel heute so gar nicht zufriedenstellen wollte. Vielleicht sollte ich das an solchen Tagen besser lassen.

Morgen ist dann bestimmt wieder ein besserer Tag und bis zum Urlaub ist es ja nicht mehr lang.

Letzte Woche hat meine Krankenkasse endlich einen Zuschuss für die Nadelepilation bewilligt. Ich muss zwar die Hälfte bis zwei Drittel selbst tragen, aber damit komme ich jetzt klar und mehr habe ich auch nicht erwartet.

Seit Anfang letzter Woche hat sich meine Beweglichkeit deutlich verbessert und ich kann endlich wieder normal gehen. Auch das Ziehen und Drücken ist deutlich weniger geworden. Damit kann ich nach dem Urlaub auch wieder mit Sport anfangen, das fehlt mir gerade sehr.

Das Dilatieren klappt weiter richtig gut, nimmt allerdings einiges an Zeit in Anspruch. Gerade an Tagen, an denen ich etwas vor habe, ist es nicht einfach das zeitlich unterzubringen.

Die schönen Gefühle die dabei entstehen, haben sich intensiviert. Am Anfang habe ich die Zeit meist zum Lesen genutzt, mittlerweile brauche ich daran nicht mehr zu denken, da ich ganz gut mit mir selbst beschäftigt bin.

Dadurch dass der Heilungsprozess so weit fortgeschritten ist, ist es jetzt keine Wunde mehr, sondern das Körperteil, das ich unbedingt haben wollte. Ich habe mich jetzt entschieden es ab sofort als meine Yoni zu bezeichnen. Yoni ist ein Begriff aus dem Tantra, der die weiblichen Genitalien in ihrer Gesamtheit bezeichnet. Im Deutschen gibt es keinen vergleichbaren Begriff und mir gefällt auch der Klang des Wortes.

Ansonsten freue ich mich sehr auf meinen bzw. unseren Urlaub. So urlaubsreif war ich schon lange nicht mehr. Ich hoffe, dass ich danach wieder mehr Energie habe, um die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens zu bestehen.

Liebe Grüße

Anke

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Mo 9. Mai 2016, 20:19
von Yasmine
Ich wünsche dir einen tollen Urlaub und dass die Stimmung wieder besser wird.
GLG
Yasmine

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Mo 9. Mai 2016, 21:04
von Bianca D.
Moin Anke,

freut mich zu lesen,daß es dir so weit gut geht. Wie anders sollte man deine Zeilen auch interpretieren,wenn du Lust auf Männer hast? Aber wie du schon geschrieben hast,es macht noch nicht wirklich Sinn,vor der Korrektur Op dies bzgl. Aktivitäten zu entwickeln. Lieber etwas länger warten und sich mit dem BOB begnügen,
Anke hat geschrieben:Die schönen Gefühle die dabei entstehen,
geniessen.... nicht daß da noch was kaputt geht.Du weißt,was dut tust,ein Typ im Eifer des Gefechts vielleicht nicht.
Hat sich die Vorliebe für Männer bei dir eigentlich erst mit der Transition heraus kristallisiert? Bei mir ist da nicht mehr als Neugierde,mal probieren und so,aber grundsätzlich ist meine Vorliebe für Frauen geblieben. Und da ich ja nun in festen Händen bin,ist das Thema Männer eh passé.
Anke hat geschrieben:Ich habe mich jetzt entschieden es ab sofort als meine Yoni zu bezeichnen.
Klingt schön, hab ich aber noch nie vorher gehört,diesen Ausdruck.

Was die Blasengeschichte angeht,da wünsche ich dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg bei deinen Bemühungen,dieses leidige Problem in den Griff zu bekommen.
Und zu guter letzt: Einen schönen,erholsamen Urlaub!
Externes Bild, es gelten die Datenschutz- und Nutzungsbestimmungen der ausgewählten Seite.Quelle: http://www.smilies.4-user.de/include/Wa ... er_052.gif
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LG Bianca

Re: Der Stein rollt

Verfasst: Mo 9. Mai 2016, 22:54
von Saskia.shewulf
Hallo Anke,

ja das mit der Yoni finde ich auch gut und kannte ich noch nicht.Ist das mit den Männern schon fakt hast Du dich da festgelegt?Entschuldige die
Frage aber ich bin mir gar nicht sicher wo bei mir die Reise hingeht ab und an denke ich auch daran mal sehen .
Tendiere allerdings eher in die Richtung wie es Bianca beschrieben hat.

Dir weiter alles gute
LG Saskia (flo)