Hallo,
hinter mir liegen ein paar turbulente Wochen. Dabei ging es mir vor allem körperlich nicht so gut, so dass ich auch keinen rechten Nerv hatte, hier weiterzuschreiben. Jetzt scheint es aufwärts zu gehen und ich möchte wieder ein wenig berichten.
Wie schon angedeutet gibt es bei mir ein "urologisches Spezialproblem". Konkret heißt das, dass meine Blase ziemlich überdehnt ist und sich nicht mehr richtig entleert. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten so entwickelt, aber dabei keine wirklichen Probleme gemacht. Durch die OP und die ganzen Veränderungen ist vermutlich das fragile Gleichgewicht das da bestanden hat wohl durcheinandergeraten.
Nachdem ich unmittelbar nach der OP schon Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen hatte, hatte ich letzte Woche ein akutes Harnverhalten, was mir für ein paar Tage einen Katheter und eine Blasenspiegelung eingebracht hat. Letzteres war allerdings sehr hilfreich, weil wir da feststellen konnten, dass außer der Überdehnung der Blase organisch alles andere in Ordnung ist.
Bleibt die Frage nach der Ursache. Nach der Untersuchung hatte ich ein langes Gespräch mit meiner Operateur, der ja auch Urologe ist. Das Problem besteht wohl darin, dass die Koordination zwischen der Muskulatur der Blase und den beiden Schließmuskeln gestört ist. Mit anderen Worten, wenn die Blase entleeren möchte bekommen die Schließmuskeln davon nix mit.
Was tun dagegen? Zum einen fange ich nächste Woche mit einer speziellen Physiotherapie, die dieses Problem beheben soll. Bin sehr gespannt. Zum anderen lerne ich mich mit Einmalkathetern selbst zu katheterisieren um die Blase wieder auf normale Maße herunter zu trainieren. Damit sollten die Probleme dauerhaft gelöst werden.
Nachdem ich wieder zu Hause war, habe ich mich natürlich gefragt, wo so etwas herkommen kann. Irgendwann kamen dann Bilder aus meiner frühesten Kindheit hoch, wo ich entweder auch nicht konnte oder am falschen Ort zur falschen Zeit mein Wasser gelassen habe. Dabei natürlich meine Mutter, die statt Trost und Liebe zu spenden, mit Druck, Drohungen und gelegentlich auch mit Schlägen reagiert hat. Ich hatte das lange verdrängt, aber ich bin mir sicher, dass sie mir dieses Päckchen aufgeladen hat.
Von diesen Päckchen hatte ich einige und die meisten bin ich mittlerweile losgeworden. Jetzt muss ich noch dieses loswerden. In gewisser Weise bin ich erleichtert, dass ich die Ursache kenne und weiß, was es ausgelöst hat. Ich hatte zunächst große Angst, dass es etwas organisches ist und erneut eine große OP ansteht. Das hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet und ich bin mir sicher, dass ich es mit den beschriebenen Mitteln schaffe.
Zu allem Überfluss habe ich mir bei der Gelegenheit auch noch eine Blasenentzündung zugezogen und das Antibiotikum zur Behandlung schlecht vertragen. Wenn es mal schief geht, dann natürlich gleich richtig. Mittlerweile habe ich es einigermaßen überstanden und es wird besser.
Interessant in diesem Zusammenhang war die Reaktion von anderen Frauen, wenn ich meine Blasenentzündung erwähnte. Unisono kam die Aussage: "Willkommen in der Welt der Frauen". Und praktisch jede hat ihre eigene Geschichte zum Thema Blasenentzündung.
Dabei hat sich auch bei mir meine Beziehung zum Thema Hygiene verändert. Klar, früher war auch Händewaschen nach dem Toilettengang selbstverständlich und auf Sauberkeit habe ich immer schon geachtet. Aber jetzt hat das eine ganz andere Bedeutung und Wichtigkeit bekommen. Ich muss da viel mehr auf mich aufpassen und das Thema ist in meinem Kopf viel präsenter.
Der eigentliche Heilungsprozess nach der OP kommt weiter langsam voran. Es sind weiter kleine Schrittchen von Tag zu Tag und meine Geduld wird weiter auf eine harte Probe gestellt. Ich nehme das mal positiv, wenn ich dann geduldiger werde, kann mir das nicht schaden.
Meine ersten Dilatiraktivitäten sind sehr erfolgreich verlaufen. Die ganz kleinen hätte ich gar nicht gebraucht, ich konnte gleich die etwas größeren nehmen. Unangenehm ist das nicht und einmal hat es auch tolle und interessante Gefühle gemacht. Meine Partnerin fragte auch gleich was mit mir los wäre, ich hätte so ein glückseliges Lächeln. So darf das weitergehen.
Mein Frauenarzttermin verlief auch sehr gut. Wir haben die Medikation bei den Hormonen ein wenig angepasst. Ansonsten hat sie sich alles mal angesehen und war der Meinung, dass es gut geworden wäre. Wenn das jemand beurteilen kann, dann ja wohl eine Frauenärztin. In zwei Monaten habe ich den nächsten Termin. Da lasse ich mich von ihr auch mal für die zweite OP beraten, die voraussichtlich Anfang Juli stattfinden wird. Sachkundiger Rat ist sicherlich hilfreich.
Mit meiner Partnerin gab es ein paar stürmische Momente. Unsere Vereinbarung sieht ja so aus, dass wir zusammen bleiben und jede ihre Freiheiten hat. Sie hat jetzt angefangen diese Freiheiten zu nutzen und auszuloten. Das ist für mich völlig in Ordnung, fühlt sich aber auch seltsam an. Doch ich komme damit gut klar. Allerdings war sie kaum noch da, wir hatten kaum noch gemeinsame Zeit und wenn sie da war, dann gab es ständig Anrufe und Mailschreiberei. Oder wir sprachen praktisch nur noch über ihre möglichen Kandidaten. Eigentlich machen wir das zwar sehr gerne, auch umgekehrt, aber es nahm eben Überhand.
Aus irgendeinem Anlass hatten wir dann eine eher kleine Auseinandersetzung, doch dann kam das alles auf den Tisch. Ich hatte das Gefühl, dass sie anfängt von mir weg zu driften und ich sie irgendwann verliere. Die kleine Auseinandersetzung wuchs sich dann zu einem ordentliche Gewitter aus, das sich über zwei Tage hinzog.
Irgendwann konnten wir wieder vernünftig miteinander reden und vieles klären. Sie hat meine Reaktion verstanden, auch wenn sie etwas zu heftig ausgefallen ist. Irgendwie war ich auch eifersüchtig darauf, dass sie sich mit interessanten Männern trifft und ich noch zur Untätigkeit verdammt bin. Dafür kann sie natürlich nix, trotzdem hat mich das natürlich auch beeinflusst.
Aber das Gespräch hat Früchte getragen, vieles ist geklärt und angesprochen und wir haben auch ein paar Dinge in unserem Zusammenleben verändert, die uns gut tun. Gelernt haben wir beide, dass so eine Beziehung, wie wir sie führen ihre besonderen Herausforderungen hat. In der Sache sind wir uns einig, dass das Richtige für uns ist und wir das so wollen. In der praktischen Umsetzung ist das gar aber auch gar nicht so einfach.
Es fängt damit an, dass sich unser Zusammenleben verändern wird. Wir wissen jetzt, dass wir das nicht einfach zulassen sondern aktiv gestalten wollen, damit wir uns nicht verlieren, was für uns beide wirklich sehr schlimm wäre. Dementsprechend wird das immer wieder Gesprächsthema sein.
Ebenfalls kompliziert ist, wie wir unsere Situation kommunizieren wollen. Wir führen da gerade eine sehr ausführliche Diskussion, die ich hier auch aus Platzgründen auch nicht zusammenfassend wiedergeben möchte. Mit der einen oder anderen Lösung haben wir zwar schon Erfahrung gesammelt, sind aber noch nicht am Ziel. Es bleibt spannend.
Jetzt hoffe ich, dass ich dieses Tief durchschritten habe und es wieder aufwärts geht.
Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Post von Conny. Ich habe eine Weile mit mir gerungen, ob ich hier oder im geschlossenen Bereich darüber schreiben soll. Es sind viele, auch körperlich, intime Dinge und ich war mir nicht sicher, ob es etwas für die "breite Forenöffentlichkeit" ist. Beim Schreiben hat es sich dann gut angefühlt und ich freue mich, dass ich damit neben den Transsexuellen auch den einen oder andern Crossdresser angesprochen habe. Es tut auch gut so offen darüber zu schreiben. Die Grenzen lote ich dabei für mich jedes mal neu aus und durchbreche eigene innere Tabus.
Liebe Grüße
Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.
Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)
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