Oh, absolut. Ich hoffe doch sehr, dass ich keinen gegenteiligen Eindruck vermittelt habe.Anne-Mette hat geschrieben: Fr 31. Jul 2026, 09:52 Trotzdem haben auch solche Diskussionen im Forum ihren Platz.
Das hat aber nichts mit "gender affirming care" oder "gender roles" zu tun, sondern ist stumpf mit dem Wunsch/der Vorstellung verknüpft "mehr Testo = mehr Soldat!" Neben der Kraftsteigerung eben auch erhöhte Aggressivität. Was, zugegeben, bei den Vollpfosten Trump/Hegseth auch mit "mehr männlich, hurr hurr" gleichgesetzt wird.Lina hat geschrieben: Fr 31. Jul 2026, 13:31 Demnächst soll auch zusätzliches Testosteron den US Soldaten zur Verfügung gestellt werden ...
------------------------------
Warum ich das Interview nicht ernst nehmen kann:
Prämisse 1:
Falsche bzw. fehlerhafte Interpretation. Das der Fötus in den ersten Wochen noch keine klar ausgeprägten Sexualorgane erkennen lässt in der Entwicklung geschuldet. Der Körper entwickelt sich Zellzyklus für Zellzyklus aus 1 Eizelle. Das da am Anfang vieles gleich läuft liegt unter anderem daran, dass die Ausbildung der Sexualorgane nicht die Priorität in den ersten Wochen hat.As many pointed out at the time, all human fetuses are in fact without any clearly defined sex until weeks into a pregnancy, and in the case of intersex fetuses they never develop male or female sexed traits. Moreover, many species do in fact regularly change their sex—with the help of science, humans have also been doing so for over 100 years.
Intersex ist in dieser Entwicklung nicht als Ziel vorgesehen. Zumindest nicht beim Menschen. Das inter* trotzdem vorkommt ist, sorry, so geplant wie Trisomien oder andere Chromosomen-Mismatches.
"Sex-changing species" - diese Tiere durchlaufen einen festgelegten Prozess, der sich z.B. nach Umweltbedingungen oder Alter automatisch ergibt. Plus es sind eben Spezies die Eier legen (Frösche, Fische, Reptilien) - die müssen nicht aus Hoden Eierstöcke und aus einem Penis eine Vagina mit Uterus basteln! Dann: dieser Wechsel passiert üblicherweise 1x. Die können das auch nicht hin und her wechseln, wie es ihnen gerade passt. Und nochmal: Menschen machen das nicht. Und erst recht nicht seit über 100 Jahren.
--> Hier wird der "Sexus", der als Gruppenmerkmal dient auf die reinen äußeren Geschlechtsteile (Penis, Vulva/Vagina) reduziert um dem Argument Schein-Plausibilität zu verleihen. "Sex" als Kategorie ist aber nunmal mehr. Außerdem wird ignoriert, dass viele Tiere eine andere Chromosomenzahl haben, bzw. die Gene anders organisiert sind:
Quelle: %5Battachment=0%5Dsex-chromosomes-evolu ... achment%5DDas heißt, nur weil es beim Fisch oder Frosch möglich ist, ist es deswegen beim Menschen noch lange nicht so. Und die Zahl der Erkenntnisse, die im Tier (sogar Mausmodell!) entdeckt wurden, sich aber nicht auf den Menschen übertragen lassen ist legion.
Aussage:
Wer in einer Diskussion Autorität über den Standpunkt beanspruchen möchte, verliert diese in dem Moment, wo zu derogativen Phrasen (blah, blah, blah whatever) gegriffen wird. Und wenn es ein/e Nobelpreisträger:in ist und über die eigene Arbeit spricht. Blahblahyaddayadda disqualifiziert dich für jeden weiteren ernstzunehmenden Diskurs. Es mag dich "cool" wirken lassen, bei Leuten die eh so denken wie Du, zeigt aber nur, dass Du dem Thema und der Person auf der anderen Seite der Diskussion (bzw. deren Standpunkt) keinerlei Respekt oder Anerkennung zusprichst.And we can go through the external anatomy, internal anatomy, chromosomes, hormones, blah, blah, blah, all of that.
"Blahblahwhatever" suggeriert Überlegenheit gegenüber dem abzulehnenden Thema (nicht beachtenswert, unwichtig, trivial, irrelevant), und findet bei den eigenen Blasenpeers bewundernde Resonanz (wow, das ist so suave), aber für alle, die sich ernsthaft auf eine Diskussion einstellen heißt es nur "was auch immer Du sagst, es ist mir egal - weil es in meinen Augen nur dummes Blahblah ist."
Aussage:
Klassischer Dunning-Kruger. Ich habe doch auch (Sozialwissenschaften) studiert, also kann ich genauso qualifiziert zum Thema Entwicklungsbiologie und Fortpflanzung sprechen wie ausgebildetete Mediziner:innen oder Biolog:innen. Crazy Gedanke, dass Menschen die etwas konkret jahrelang studiert haben vielleicht etwas qualifziertere Aussagen zu ihrem Thema machen können, als jemand der das nicht gemacht hat? Nah! Und am Ende auch noch Nicht-Wissenschaftler! Ich finde, auch Erich v. Däniken und Dr. Axel Stoll sollten gleichwertig neben Marie Curie, Ada Lovelace und Viktor Virchow stehen...BV: I find it really noteworthy that the people who are imagined to be able to say things about sex tend to be scientists and clinicians, but if someone is more in the humanities or the arts, or social science—especially if it’s more qualitative—those are the people who are only allowed to say stuff about gender, whether we’re taking that to mean identity, or as a kind of structure of social power, or whatever.
Those of us who are kind of lumped into that category aren’t really given the authority to say something about sex itself. Like, we can make critiques, or riff on some scientific stuff in terms of what scientists are saying and doing, but no one looks to non-scientists for this. I think this is one of the central problems, and really one of the things that I have been most invested in through this entire project.
Und wir recherchieren die Forschungsbiographie einer unbekannten Psychologin, die einen Skandalvortrag zur Entwicklungspsychologie hält und keinerlei nennenswerte Verbindung zum Thema hat um sie als nicht-sprechfähig zu deklarieren.
Was nicht heißt, dass ich eine universitäre Laufbahn bis zu Promotion durchlaufen haben muss. Aber dann muss ich schon ein bisschen Credibility vorweisen können und zumindest aktiv am Gegenstand meines Interesses arbeiten. Plus, again: wer das Fachgebiet der Diskussionspartner:innen mit "blahblahdings und das Gedöns" abtut, beschwert sich darüber, dass er nicht am Erwachsenentisch sitzen und mitdiskutieren darf? Wer sich verhält wie ein Kind wird behandelt wie ein Kind.
Aussage:
Wie ich weiter oben schonmal schrieb: aus Sicht der Biologie, speziell fortpflanzungstechnisch, sind wir irrelevante Randerscheinungen. Selbst wenn sich zwei trans* Personen paaren, wird das Kind nicht auch automatisch trans*! Das ist etwas grundlegend anderes, als Merkmale wie Augenfarbe, Haarpracht oder Rot-Grün-Schwäche.I love that phrasing, we’re just a rounding error, because that’s exactly what it feels like. I talk about this in the [Alfred] Kinsey chapter, looking into the development of statistical methods of sex science and the kind of attention to what is “common” as being what’s actually important to study. But then it’s like, “ok, common compared to what?”
[...]
I’m much more inclined to argue that actually most people don’t fit the so-called natural categories, it’s a lot of labor that goes into forming them.
[...]
The very fact that we’re being portrayed as this minority group is itself a real shoring up of cissness and all of these things that are not in our interest.
Und was die Vergleichsgruppe angeht, ich kann ein Kernmerkmal nehmen, z.B. Anteil an der Fortpflanzung - und dann schauen, welche anderen Merkmale sich bei Menschen mit dieser Eigenschaft noch so erkennen lassen. Wenn ich dann sicher gehen möchte, bemühe ich ein Statistikmodell, um zu prüfen, ob meine Beobachtungen wirklich korrelieren. Wenn ich sogar einen Kausalzusammenhang finden kann, noch besser. Aber Korrelation reicht. Und weil die Biologie eins nicht ist: absolut, identisch, finde ich Varianzen, die meine Standardabweichung vom Mittelwert/Median ergeben. Alles was innerhalb dieser Datenwolke liegt, ist Teil der Gruppe. Alles was außerhalb liegt, erstmal nicht. Und selbst dann gibt es Outlier, die eben so abweichen und trotzdem mein Kernkriterium erfüllen.
Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Jetzt können wir über die Auswahl der Merkmale streiten und ob weiße cis-Männer mit einem kritischen Bias etwas wichtiges übersehen haben. Wenn aber Sozialwissenschaftler meinen, die Biologen hätten aus ideologischen Gründen soziale Parameter nicht in ihrer Gleichung einbezogen, wird's unsinnig.
Und nein, da geht echt so gar keine Arbeit rein. Weil die Gruppierung leider echt ziemlich konstitent und stabil läuft, wenn es um die Frage geht wer mit wem Nachkommen zeugen kann. Mehr will die Biologie nicht beantworten. Alles andere ist sozial bestimmt und darüber ist dringend zu reden.
Aussage:
Wäre mir neu. Ich habe noch nie jemanden aus dem cis-Spektrum getroffen, der sich diese Frage gestellt hat (was nicht heißt, das es das nicht gibt). Ich glaube aber, das ist eine Projektion. "Gender-affirming care" ist ein Produkt des Kapitalismus und der Romantik (Idealisierung der Geschlechterrollen, Entstehung von Trivialliteratur, Überhöhung der Reinheit von Ehe und Mutterschaft, ...) und hat viel mit der Frage nach Attraktivität (bzw. der Vorstellung von "wie muss ich aussehen um attraktiv zu sein?") zu tun. Aber auch hier: Gesellschaft, nicht Biologie.So the experience of looking at your body and thinking that what you’re seeing makes you feel like you’re not in the category that you’re supposed to be in is not limited to trans people.
Aussage:
Ok, jetzt reduzieren wir die Gesellschaft auf die absoluten Extreme und die absurden Anforderungen aus der vornehmlich rechten Ecke. Die per se machtpolitisch motiviert sind und dazu neigen, so richtig harte (idiotische) Stereotype zu propagieren. Das ist ja aber nicht "die Gesellschaft" und schon gar nicht "die Mehrheit". Also arbeitet sich Autor an den Extrembildern ab, subsumiert alle Menschen, die dem exakten (und unerreichbaren weil übertriebenen) Ideal nicht entsprechen als Nicht-Gruppenzugehörig und nimmt das als "Argument" um die Gruppe als Ganzes als unzulässig zu bezeichnen., and it does occur to me that the people who are trying to make it something that I can never, ever forget about are the same people saying immigrants are evil and that you need like 27 generations of WASPy heritage to ever be considered an actual American.
----------
Ich glaube, das reicht. Wenn die Aussagen im Interview den wissenschaftlichen Gehalt im Buch widerspiegeln, dann bleibe ich dabei: pseudo-wissenschaftlicher Unsinn. Einsteigen mit falscher Grundannahme, andauerndes Vermengen von biologischem und sozialem Geschlecht und sehr fragwürdiger Referenzrahmen.
Und wir können uns auch gerne über die Frage unterhalten, wo und wie das biologische Geschlecht dazu genutzt wurde (und wird) um Rollenerwartungen und Verhaltensweisen zu "begründen". Da gibt es viel spannendes zu entdecken! Aber darum scheint es in dem Buch ja leider nicht zu gehen.