Vesta hat geschrieben: Mi 29. Jul 2026, 12:27[... viel gutes, zu lang zum zitieren ...]
Ein paar Anmerkungen dazu. Vorbemerkung: Ich weiss, dass du vielfach die Sichtweise der uninformierten Mehrheit wiedergibst, nicht deine persönliche Ansicht. Wenn ich das also kritsiere, geht das gegen "die Verhältnisse", inklusive der Uninformiertheit nach all den Jahren, nicht gegen dich persönlich oder deine Darstellung.
Eins. Bei dem Richter können wir nur spekulieren. Ich tendiere zu einer Mischung aus beiden Erklärungsmodellen. Dennoch: Gerade Richter*innen sollten auf dem Schirm haben, dass "Mängel in der weiblichen Erscheinung" kein juristisch legitimes Argument sind. Siehe Bundesverfassungsgericht, diverse Entscheidungen. Es geht bei geschlechtlicher Selbstbestimmung (nicht nur SBGG, sondern generell) genau darum. Die Beurteilung und Zuschreibung durch andere und die daraus folgenden Erlaubnisse und Verweigerungen sind nämlich genau das Gegenteil: Fremdbestimmung.
Zwei. Das Thema "objektives Geschlecht" hatten wir ja schon häufiger. Fast alle Probleme transgeschlechtlicher, nichtbinärer und "gender-nonkonformer" Menschen lassen sich auf diese Idee zurückführen. Die Basis ist unausweichlich eine rein binäre, biologistische Definition, die ziemlich willkürlich körperliche Features mit sozialen Rollen-skripten verknüpft.
Anders gesagt: "Weil du [körperliche Eigenschaft] hast, erwarte ich von dir folgende Eigenschaften und Verhaltensweisen"(1). Ausnahmen werden markiert und sanktioniert. Toleranz ist willkürlich, höchstens optional und abhängig von Wohlverhalten und Stimmungslage.
Jeglicher Widerstand gegen geschlechtliche Diversität, trans, sogar gegen Crossdressing, lässt sich auf diese Grundidee zurückführen und ist letztlich nur eine mehr oder weniger radikale Position auf dem Spektrum zwischen Toleranz ("Erdulden") und Vernichtung.
So ganz nebenbei ist die gleiche Idee auch die Grundlage von Sexismus, Patriarchat und allem Unfug von "warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können" über Mario Barth bis zum Anti-Feminismus - aber auch TERFs wie Alice Schwarzer.
Wir wissen , dass sämtliche "Tests" zur Transgeschlechtlichkeit letztlich auf binärer Stereotypen-Kompatibilität und damit willkürlichen Zuschreibungen "wie eine Frau / ein Mann
ist" beruhen, die alle zusammen im Zirkelschluss enden.
Es ist deshalb unabdingbar, diese Idee, einer Person genau ein, für alle Lebens-Situationen und Aspekte passendes, objektiv bestimmbares, binären Geschlechts zuweisen zu können/dürfen/müssen, eher früher als später zu beenden.
Wegen erwiesenermassen nicht funktionierendem Unfug. Stattdessen brauchen wir eine selbstbewusste Leichtigkeit, die weder das eigene Geschlecht noch die Gesellschaft bedroht sieht, weil andere Menschen lieber ein anderes Skript leben wollen - oder eine Kombination von Skript-(Teil)en.
Drei. Das TSG hatte selbst als Ruine am Ende noch mehrere Hürden und eine Mauer. Es "prüfte" wie gesagt lediglich, wie glaubhaft eine Person die Gender-Klischees bei der "Begutachtung" vortanzen konnte. Rollenspiel. Häufig inklusive unbelegter Annahmen über die "korrekte" Sexualität von trans Personen nach Willkür der Gutachtenperson. Wer das nicht performen konnte, nicht das Geld, die Gewitztheit, die Resilienz hatte: Pech. Etliche haben den Prozess deshalb nie gestartet.
Die Mauer: Nichtbinäre Menschen. Hier schlägt die Rollenerwartung logischerweise fehl. Es gibt keine sinnvollen Kriterien, "wie nichtbinäre Menschen sind" in Relation zu den binären Katalogen. Allerhöchstens (wieder) noch willkürlichere Annahmen. Ganz praktisch fehlten auch Gutachtende. Die paar seriösen Psychs waren sich dessen bewusst und stellten deshalb entweder jedes Gutachten aus ("kann sowieso nicht geprüft werden") oder verweigerten sich dem Unfug.
Mit der Selbstbestimmung war es also beim TSG nicht für alle gleichermassen gut bestellt, ohne dass das etwas an ihrer Transgeschlechtlichkeit geändert hätte.
Vier. Im Zusammenhang ist aber die Folgerung zwingend, dass das TSG mit seinen Hürden eine reine, verfassungswidrige Willkür war.
So wie jede Fremdbeurteilung! And that's why:
Das BVerfG hat erstens klar gestellt, dass der Staat die Zwangserfassung des Geschlechts auch bleiben lassen könnte. U.a. weil die Gleichstellung der Geschlechter im Grundgesetz steht, das Geschlecht also rechtlich keine Vor- oder Nachteile erzeugen darf, mit anderen Worten zwingend weitestgehend irrelevant sein MUSS. Für bestimmte Fragen sind andere Kriterien als "bei Geburt mal kurz hingeschaut" sinnvoller, zielführender und für die Betroffenen geeigneter. Toiletten und so gehören nicht dazu.
Zweitens hat es den Staat dazu verpflichtet, die geschlechtliche Identität als massgeblicher als Genitalien zu berücksichtigen, also gesellschaftliche Konventionen von Biologie zu entkoppeln.
Diese Identität lässt sich drittens nachweislich nicht wirklich prüfen, es sei denn gegen willkürliche, subjektive Kataloge von Erscheinung und Verhalten, die als staatliches Instrument in sich schon verfassunsgwidrig und gleichstellungsverletzend sind.
Das SBGG verwirklicht also "lediglich" endlich die Erkenntnis, dass der Staat sich aus der Geschlechtersache raushalten muss. Weil die Frage nicht objektiv lösbar ist und es ihn nichts angeht und sogar nichts angehen darf. Gender ist Privatsache und der Staat muss lediglich für gleiche Rechte sorgen. So wie bei allen Merkmalen, die gesellschaftliche Ungleichbehandlung erzeugen.
Ich weiss, dass dies das dickste Brett von allen ist und es noch lange dauern wird, bis diese Nachricht überall angekommen und verarbeitet ist.
Wir können und müssen aber überall darauf hinweisen, dass überflüssige Regeln, Zwänge und Zwei-Türen-Situationen nach "Geschlecht" abgebaut werden müssen, die Ansage einer Person erstens gilt und bei sinnvoller Gestaltung zweitens keinen wirklichen Unterschied macht. Wo das nicht so ist, müssen die Verhältnisse entsprechend geändert werden. Es gibt für die allermeisten Fragen ziemlich einfache, viel entspanntere Lösungen, als dauernd zu thematisieren, wer denn nun Frau, Mann, dazwischen oder ausserhalb ist.
Meine Vision ist eine leichtere, unproblematischere Zukunft, wenn Gender aufgrund von Akzeptanz und Gleichstellung eine ähnliche Relevanz wie die Haarfarbe hätte.
---
(1) Nennt sich biologischer Essenzialismus und lohnt sich mal zu recherchieren. Ist nicht weit von anderen Biologismen (Rassismus, einigen Klassismus-Varianten, etc) entfernt.