Inga hat geschrieben: So 16. Mär 2025, 14:01
Hallo, Jaddy,
Wir sollten nicht immer nur an Verbieten und Bekämpfen denken, sondern auch an Gelegenheiten, andere Seiten und Möglichkeiten des religiös gesinnten Lebens kennen zu lernen.
Hierzu zählt für mich, nicht gebersmühlenartig in herabwürdigender Fundamentalkritik zu verharren gegenüber denen, die in ihrer Konfession Orte, Organisationen und Formen finden, ohne Repressionen ihren Glauben
zu suchen, zu finden und leben zu können.
Für mich gehört auch dazu, nach 40 Jahren Modellprojekte neben christlich basierten Religionsunterricht und atheistischer Ezhik bzw. Philosophie endlich auch muslimischen Religionsunterricht an den Schulen zum normalen Schulfach zu machen, damit die an unseren Universitäten ausgebildeten Lehrenden endlich den Islam jenseits der extremistischen Bauerfängerei in all seiner Vielfalt und Verantwortungsbewusstsein den hier aufwachsenden Muslime lehren können.
Die Nachfrage unter den Beschulten ist ja da.
Sorry, nein, größtenteils nein von meiner Seite. Ich denke, dass inzwischen deutlich geworden ist, dass ich keineswegs Fundamentalkritik äussere. Die Leute sollen ihre Freude an der Religion haben, so viel sie wollen.
Ich sag's mal so: religiös gesinntes Leben ist mir persönlich so lange egal, wie es sich nicht in die Leben anderer einmischt. Das betrachte ich genauso gelassen und unbeteiligt, wie ich Paintball-Fans und Modelleisenbahn-Leuten ihre Hobbies lasse, die ich ebensowenig teile. Ich kann mich gerne mit allen mal drüber unterhalten, was sie sich da abholen. Finde ich super und durchaus spannend. Ich kann auch mit ihnen über Interpretationen diskutieren und ihre Hobbies mit anderen in Beziehung setzen, wenn sie das mögen.
Aber wenn die Paintball-Leute in meiner Umgebung im öffentlichen Raum rumballern oder ihre Farbe mich oder meine Sachen trifft, dann ist da eine Grenze. Genauso bei Modellbahnen und genauso bei religiös motiviertem Handeln, dass die Rechte anders- oder nichtgläubiger Menschen beeinträchtigt. Mir geht es in
dieser Diskussion um diese Grenzen. Insbesondere eben um den Anspruch, aufgrund des eigenen Glaubens andere Menschen zu diskriminieren oder gar allgemeine Regeln oder Gesetze gemäss ihrer Glaubenssätze erstellen oder ignorieren zu wollen.
Dabei ist es ein Unterschied, ob, wie ein Artikel in einem anderen Thread angeregt, Nicht- und Andersgläubige gebeten werden, ein bisschen Rücksicht zu nehmen, oder ob eine Gruppe sich intern so radikalisiert, dass sie Menschen bedrängen, verdammen und ausgrenzen. Beziehungsweise ob sich Leute dazu versteigen, mit der Begründung "mein Religionsführer hat gesagt, ..." zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche zu verweigern, gesetzlich zu verbieten und so weiter.
Die Grenze ist da, wo "weil mein Glaube sagt" als Argument oder Begründung sich Rechte gegenüber anderen herausnehmen will.
Zum Schulunterricht: Nein. Kein Konfessionsunterricht in der Schule. Erstens ist es nicht vertretbar, dass gerade Kinder im Setting Schule Glaubenssysteme gelehrt bekommen. Alle anderen Fächer unterrichten belegbare Fakten und und an der Realität ausgerichtete Inhalten. Aber hier werden - sorry - völlig aus der Luft gegriffene Konstrukte
wie Wahrheiten präsentiert. Zweitens wäre eine weitere Teilung der Klassen nach Konfessionen nicht dienlich, weil spaltend und gruppenbildend. Konfessionen würden umso deutlicher markiert. Das ist das Gegenteil von Integration. Drittens wäre es unfair gegenüber kleineren Religionen.
Ginge übrigens schon bei den christlichen los: Katholischer und evangelischer Unterricht? Orthodoxe - griechisch, russich, ukrainisch? Was ist mit den Freikirchen? Mormon*innen? Zeug*innen Jehovas?
Weiter im Islam: Sunnitisch? Schiitisch? Alavitisch?
Jüdische Kinder hier? Hindu? Buddhistische?
Nein. Schule sollte zum einen weltanschaulich so neutral wie möglich bleiben, zweitens so integrativ wie möglich. D.h. ein gegenseitiges Verständnis ermöglichen, weil wir nun einmal alle zusammen hier irgendwie klarkommen müssen und die ständigen Missverständnisse und gegenseitigen Feindschaften, die zum größeren Teil von einigen extremistischen Gemeinden
aller Glaubensrichtungen geschürt werden, uns umso weiter voneinander entfernen.
Das heisst, wie neulich schon mal formuliert, dass ein Unterrichtsfach Religionen alle wesentlichen Glaubenssysteme mit einem gewissen Abstand darstellen und in Beziehung setzen sollte, so dass nachher alle Schülys verstehen, dass keines prinzipiell besser oder schlechter, wahrer oder falscher ist, sondern eine - sorry - sinngebende persönliche Fantasie, die sich nicht über Mitgefühl, Gleichstellung und Toleranz gestelltstellen darf. Näheres dann in den Unterrichsteinheiten zu Ethik, freiheitlich demokratischer Grundordnung, Offener Gesellschaft und so weiter.
Zu den einzelnen Religions-UE können gerne gute Vertreter*innen geholt werden, die Fragen klären und Missverständnisse aufdröseln. Gerne auch zB eine jüdische und eine muslimische Fachperson parallel. Es gibt solche Modellprojekte.
Aber auf keinen Fall diese Märchenstunden mit konfessionsgebundenen Lehrkräften, wie ich sie noch erlebt habe.
Nulltes Gebot: Behalte deine Religion bei dir.