MichiWell hat geschrieben: Do 6. Mär 2025, 23:40
Jaddy hat geschrieben: Do 6. Mär 2025, 16:28
Das gleiche könnte für so ziemlich alle Minderheiten durchdekliniert werden. Behinderte und rassifizierte Menschen können das gleiche Muster verwenden. [...]
Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied; es gibt zwei Gruppen von Gruppen: Die, die sich die Gruppe ausgesucht haben, und die, die keine Wahl haben. Und die ersteren Gruppen sind regelmäßig die, die höhere Ansprüche an Akzeptanz, Rücksichtnahme und Zuwendung einfordern.
"Es gibt 10 Gruppen von Menschen. Die, die binär verstehen und die anderen"... Wenn du zu der ersten Gruppe auch religiöse Menschen zählst, bin ich bei der Wahlfreiheit nicht so sicher. So wie die ganze Sache mit dem freien Willen nicht so sicher ist. Unser Wollen ist immer bedingt. Durch unsere Vergangenheit, durch unsere Lebensumstände und durch unsere Hirnchemie. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" usw. Michael Schmidt-Salomon (atheistischer Philosoph) hat dazu mehr als ein Kapitel mit sowohl philosophischen Herleitungen, als auch neurowissenschaftlichen Erkenntnissen in "Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind". Kann ich dir gerne zur Verfügung stellen.
Kurz: Wir können alles tun, was wir wollen, aber wir können nicht alles wollen, was wir denken. Weil wir nicht mal alles denken könenn, was wir -äh- wollen.
Wie viele der Teilnehmenden hier (trans mal ausgenommen, die sind ja quasi "offiziell entschuldigt") könnte zum Beispiel Crossdressing einfach willentlich bleiben lassen, ohne Bedauern, ohne Verlust von Lebensqualität? Wie viel Aufwand und Nerven stecken viele da rein, riskieren Beziehungen und Familie, hadern mit sich und der Welt? Könnten sie nicht einfach etwas anderes
wollen? Können religiöse Menschen das Bedürfnis einfach "wegwollen"? Oder sich einfach für eine etwas praktischere Religion entscheiden, ohne Fasten und Gebote?
Ich denke, dass Menschen an ihrem Bedürfnis (oder Nichtbedürfnis) nach einem für sie stimmigen metaphysischen Sinngebungskonzept, wie zum Beispiel einer Religion, ebenso wenig ändern können, wie an ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Geschlechtsempfinden, ihrer Fehlsichtigkeit oder ihren Vorlieben für irgendwelche Gemüse. Welche genau es werden ist nicht vorhersehrbar. Eher eine Art Schmetterllingseffekt, welchen Angeboten von aussen wir in bestimmten Momenten begegnen.
Auf der anderen Seite werden meiner (subjektiven) Beobachtung nach Ansprüche umso mehr zurückgewiesen, je mehr wir sie persönlich als "willkürlich" einschätzen. Typischer Bestätigungsfehler. Also wie bei "X is a lifestyle choice". Als ob wir eine Wahl hätten, so zu sein, wie wir sind; queer, trans, schwul oder religiös.
MichiWell hat geschrieben: Do 6. Mär 2025, 23:40
Jaddy hat geschrieben: Do 6. Mär 2025, 16:28
Ich bin übrigens komplett atheistisch und halte Religionen für Märchenkram. Es steht mir aber genau wie allen anderen nicht zu, Menschen ihr seelisches Wohlbefinden wegnehmen oder madig machen zu wollen, solange sie mich nicht zwingen wollen, mitzumachen.
Ich stimme dir zu. Doch zu mehr als Akzeptanz, nämlich zu darüber hinaus gehender Rücksichtnahme wie sie in dem Artikel erwartet wird, bin ich so generell nicht bereit. Das geht mir zu weit. Dafür habe ich über die Jahre zu viel Negativ-Erlebnisse mit Menschen gehabt, die mich mit ihrer Religion ungefragt grob belästigt haben, und tief in meine Privatsphäre eingedrungen sind, ohne auch nur ansatzweise zu fragen, ob ich das möchte.
Das schließt nicht aus, dass ich es mit einzelnen Menschen anderes handhabe, bei denen ich individuell durchaus entgegenkommender bin.
Mir geht es auch im ganz direkte Begegnung. Also Mensch zu Mensch. In dem Artikel auch, wenn ich das richtig gelesen habe. Die betreffenden Menschen nicht damit aufziehen, keine "haha witzigen" Bemerkungen machen, keine betont anti-Aktionen, wie das eigene Mittagessen extra in der Nähe verspeisen, usw. Also einfach ein netter Mitmensch sein. Golden Rule und all sowas. Mehr war da gar nicht drin. Und natürlich nicht durch penetrante Fragen oder ähnliches in deren Privatsphäre eindringen (ohne auch nur ansatzweise zu fragen, ob die Person das möchte).
Ich bin mit den karmischen Gesetzen nicht so vertraut, aber heute irgendwelche Menschen wegen ihrer Religion für die Taten anderer Menschen an dir vor Jahren zu bestrafen, scheint mir in keinem guten logischen oder ethischen Zusammenhang zu stehen. So sehr ich solche Verletzungen auch nachvollziehen kann. Ich hab auch diverse prägende, negative Begegnungen gehabt. Rein psychologisch betrachtet verlängerst du aber nicht nur dein Leid, sondern vermehrst es auch noch in anderen, an denen du dich anstelle der Verantwortlichen "rächst".
Das wirft die Frage auf, ob du dir diese heutige Reaktion ausgesucht hast und ob du sie auch wieder "wegwollen" kannst.