Hi Lana,
24/7 Transfrau hier. Du findest mich also überall, auf der Arbeit, beim Einkauf, beim Bummeln, im Konzert und in den Öffis. Also, du könntest, würdest Du in Marburg und Gießen rumlaufen. Ein anderes Leben könnte ich mir ehrlich gesagt nicht mehr vorstellen. Meine alten Klamotten sind im Container gelandet oder waren so neutral, dass ich sie weiter tragen wollte.
Will ich als trans* wahrgenommen werden? Eigentlich nein.
Werde ich als trans* wahrgenommen: ja (vermutlich). Und wenn nicht - dann weiß ich es nicht, da ich selten wildfremde Menschen frage, ob sie mich nun als Frau wahrnehmen oder als trans*
Allein schon, weil ich ja nach wie vor beim selben Bäcker einkaufe, mit vielen Leuten regelmäßig im gleichen Zug sitze, auf Elternabenden und auf dem Fußballplatz ja auch erklären muss, zu welchem Kind ich nun gehöre und in welchem Verhältnis wir stehen. Weil meine Kinder mich nach wie vor Papa nennen, auch in der Öffentlichkeit. Weil eine Transition mit 46+ einfach nicht mehr sooooo viel Spielraum für Veränderungen bietet wie mit Anfang 20. Weil Hormone viel machen, aber keine Wunder bewirken können.
Aber das ist total OK. Weil ich eben zu meiner Transidentität stehe, wenn sie Thema ist - ganz selbstbewusst. Ich trage es nicht wie eine Monstranz vor mir her, aber ich verleugne mich auch nicht. Gerade erst hat mich die Arzthelferin beim Zahnarzt gefragt, ob sie mich als "Frau X" ansprechen soll. Weil sie gesehen hat, wie ich mich präsentiere, gleichzeitig aber meine KK-Karte natürlich noch auf den alten Namen läuft.
Ob Du mich auf der Strasse als trans* identifizieren würdest? Ich würd's ja echt gerne ausprobieren

Ich präsentiere im anonymen Umfeld Öffentlichkeit jedenfalls weiblich genug, um im Bus von Männern einen Platz frei gemacht zu bekommen (ok, könnte auch am Alter liegen...) - oder eben in einem 4er mit drei Frauen den letzten Platz angeboten kriege, wo schon einige Männer länger daneben stehen. Ob die mich nun als trans* lesen und "keine Gefahr", oder als weitere Frau - ich weiß es nicht und am Ende ist es mir auch relativ egal, weil das Ergebnis das Gleiche ist.
Ich sehe öfter Menschen, bei denen ich einen trans*-Hintergrund vermute. Andererseits hat eine mir bekannte Bio-Frau mehr Bartwuchs als ich (inzwischen, nach Laser). Die hätte ich z.B. bei einer Gegenüberstellung viel eher als trans* genannt, als die tatsächliche Transfrau, die mal bei uns gearbeitet hat! In der Regel versuche ich schon, einfach weil ich gerne Menschen schaue, nach Anzeichen zu suchen. Bei Transmännern hast Du quasi keine Chance, wie schon geschrieben. Bartwuchs und Stimmbruch ist echt unfair! In beide Richtungen. Aber letztendlich spricht man die Menschen dann doch nicht an, weil es ja doch auch verletzend sein kann.
Was Komplimente angeht: nur immer frei raus damit! Ich habe schon so oft von Unbekannten beim Einkaufen oder so ein Kompliment zu meinen Nägeln, meinem Lippenstift/Make-Up oder einem Kleidungsstück bekommen. Und genauso habe ich mir angewöhnt, Komplimente zu verteilen. Nicht wahllos und andauernd, aber wenn mir etwas auffällt, ich den Eindruck habe, da hat sich jemand Mühe gegeben - absolut! Das ist, so unter Frauen, auch total ok. Und üblicherweise freuen sich die Angesprochenen sehr. Ich umgekehrt auch. Macht manchmal einen trüben Tag schön

Also: nur Mut!
Liebe Grüße
Knäcke