EmmiMarie hat geschrieben: Mo 12. Jun 2023, 08:11
Man kann sagen, für jede Reaktion ist eine Person völlig willentlich verantwortlich.
Hm... Mir fällt da meine erste Ehe ein, in der ich 5 Jahre lang fast täglich Gewaltopfer war - und das z. T. massiv, bis hin zu ärztlich behandlungsbedürftigen Verletzungen.
Zweimal in diesen 5 Jahren bin
ich selber gewalttätig geworden. Die erste dieser beiden Szenen spielte sich folgendermaßen ab:
Ich hatte eine hochakute, eitrige Tonsillitis, jedes Schlucken und jedes gesprochene Wort verursachte rasende Schmerzen. Ich hatte mich damit - und mit leichtem Fieber - schon über den ganzen, achtstündigen Arbeitstag in der Praxis (Zahnarzt) gequält; als Selbständiger macht man nicht so schnell krank. Nun war endlich Feierabend, und ich hatte nur noch eines im Sinn: still mit einem Buch zu einem Glas Tee mit Rum im Wohnzimmer sitzen und anschließend früh ins Bett gehen, um mich wenigstens für den nächsten Arbeitstag wieder ein wenig zu erholen. Und bloß kein Wort mehr reden müssen.
Mein "Schätzchen" hatte den ganzen Tag gefaulenzt (ihre Arbeit als Sekretärin hatte sie gekündigt); jetzt langweilte sie sich und wollte unbedingt zu einer Fete bei Freunden, "einen draufmachen". Ich kannte das: das war ein unbestreitbar lustiges Völkchen, bei dem aber auch grundsätzlich viel zu viel geraucht und gesoffen und man bis allermindestens 2 Uhr morgens zum Bleiben genötigt wurde. Selbst in gesundem Zustand ging ich da wohlweislich nur hin, wenn ich am nächsten Tag keine Patienten hatte; ich hätte es nicht verantworten können.
"Schätzchen" wollte partout nicht einsehen, dass ich zu sowas an diesem Abend weder gewillt noch in der Lage war. Sie wollte aber auch nicht allein da hingehen (ich hätte nix dagegen gehabt), nein: sie wollte partout
mit mir "einen draufmachen". Da saß sie mir nun also im Wohnzimmer gegenüber und fing an, mich mit immer übleren und wüsteren Beleidigungen und Beschimpfungen zu traktieren, die hier wiederzugeben jegliche Nettiquette sprengen würde. Noch nicht mal permanent (obwohl sie dazu ohne weiteres in der Lage gewesen wäre, ihr Fundus an Verbalinjurien war unerschöpflich), sondern ganz systematisch in kurzen Zeitabständen: jedes Mal, wenn ich gerade - die ganze Zeit schweigend - wieder Hoffnung schöpfte, sie würde jetzt endlich Ruhe geben, und versuchte, mich wieder auf die Lektüre zu konzentrieren, legte sie wieder los, so etwa im Abstand einer halben Minute.
Das ging ca. zwanzig Minuten so weiter, bis ich - zufällig gerade mit dem Teeglas in der Hand - schließlich unter Schmerzen die Frage aus meinem wunden Hals würgte:
"Mußt du das jetzt wirklich so lange weitermachen, bis ich dir dieses Glas ins Gesicht schmeiße?"
Ihre prompte Antwort: "Dann wirf doch, du Schlappschwanz!"
Ich warf - und traf prompt exakt ihr Schandmaul. Anschließend dackelte ich noch brav mit ihr in die Praxis runter und vernähte ihr die aufgeplatzte Oberlippe.
Nein - ich bin nicht stolz drauf. Ich find's furchtbar, und ich gäbe viel darum, das ungeschehen machen zu können. Ich hab's in vollem Bewußtsein getan, nicht in irgendeinem Blackout, ich hab's ja sogar noch verbal angekündigt. Ich war zweifellos voll verantwortlich für diese Tat. Aber
schuld daran? Es gibt Situationen, da kann man wirklich nicht mehr anders, bei aller Vernunft und Friedfertigkeit.
Die zweite Szene war eine Ohrfeige - die einzige, die ich jemals einer Frau verpasst habe (gegen hunderte, die ich von dieser Frau erlitt). Auch das voll bewußt, nicht mal irgendwie im Affekt, sondern ganz kühl und überlegt: ich hatte einfach sonst schon alles durchprobiert, um sie bei ihren nahezu täglichen Exkursionen gegen die Zimmerdecke irgendwie zu stoppen. Um auch wirklich
nichts unversucht zu lassen, habe ich ihr dann eines Tages mal versuchsweise eine gescheuert, so wie man früher manchmal in Grenzsituationen hysterische Personen geohrfeigt hat, in der vagen Hoffnung, sie vielleicht dadurch zur Besinnung zu bringen. Hat aber auch nichts gebracht. Hab ich dann auch kein zweites Mal mehr versucht.
Ich bin grundsätzlich GEGEN Gewalt - wo sie passiert, ist gehörig was schiefgelaufen; für die Gewalttat an sich gibt es keine Entschuldigung. Aber nicht immer ist der Täter auch wirklich der Schuldige; da sollte man im Einzelfall schon noch etwas genauer hinschauen.