Susanne_Bavaria hat geschrieben: So 29. Jan 2023, 11:39
Bevor bei mir das große Outing kommt, muss ich mir erst mal klar darüber werden, was ich eigentlich will und wer ich denn genau bin... Crossdresser, Trans, oder was ganz anderes vielleicht?!
Ich glaube, wenn das mal geschafft ist, wird der Weg deutlicher.
Hallo Susanne,
ich denke, das ist richtig und auch wieder nicht. Und er beinhaltet einige Aspekte, die mMn in die falsche Richtung weisen:
- Es ist ein theoretischer Satz, der genau so benutzt werden kann, um sich dahinter zu verstecken und jedes Outing zu vermeiden. Du beschreibst Dein Gefühl, aber Deine Art zu leben widerspricht dem. Ich gehe von mir aus, wenn ich dahinter Scham vermute. Scham ist ein Gefühl, dass man entgegen den üblichen Lebensregeln lebt. Dahinter steht die Angst vor Alleinsein und dem Ausgestoßen werden. Aber ist das nicht Kopfkino ?
- Du denkst in Kategorien, aber wird das Deinem Wesen gerecht ? Du musst Dich nicht in Kategorien erklären. Du musst Dich niemandem nicht erklären. Wir sind alle einzigartig in unserem Wesen und passen in keine Schubladen. Und wir unterliegen Schwankungen, Lebensphasen und Entwicklungen. Heraklit sagte einmal, dass man niemals zweimal in den gleichen Fluss stiege und das sehe ich genau so. das bedeutet, dass Du niemals in eine Schublade passen wirst. Dein Leben verrinnt, während Du die passende Schublade suchst, die es aber nicht gibt. Jeder ist seines Glückes Schmied oder anders gesagt, man muss sein Leben in die Hand nehmen. Aktiv leben statt passiv in der Ecke sitzen und theoretisieren.
Wie sollen Menschen Dich sehen, wie Du wirklich bist, wenn Du Dich ihnen nicht zeigst ? Du musst ja nicht gleich ein Outing vor versammelter Mann- oder Frauschaft machen. Ich habe nach vielen ängstlichen Ausflügen bei Nacht und manchmal auch bei Tag mit einem Urlaub 24/7 en femme gemacht. Ich habe dabei eine Menge über mich und über andere gelernt. So bin ich z.B. am Steg, an dem ich ein kleines Boot liegen habe, sowohl als Mann wie als Frau bekannt. Und ich werde nicht gemieden, sondern sogar angelächelt und angesprochen. Und da ist nicht mein Transsein ein Thema, sondern Boot, Wetter, Smalltalk etc. Nicht oft, aber immer öfter, je selbstverständlicher ich auftrete und Frau bin, statt nur zu "spielen".
Ja, das passt nicht jedem, aber wie im Beitrag weiter oben beschrieben, ist das nicht mein Problem. Mein Problem war und ist immer noch meine Angst und meine Scham. Ob ich das jemals ablegen kann, weiß ich nicht, aber ich bin trotzig und gehe trotzdem raus, wenn mir danach ist. Und mit jedem auf die Straße gehen, ändert sich mein Gefühl für mein Frausein. Es bin viel selbstsicherer geworden. Das hätte ich in meinen vier Wänden nie erreicht. Ich weiß heute, zum Frausein gehört auch die Übung, das Frausein leben zu können, ohne in jedem Augenblick darauf zu achten.
Und was mindestens genau so wichtig ist: Es ist auch in Ordnung, wenn du es nur zuhause lebst. Es ist o.k., wenn Du es mit Deinem Tempo lebst. Es ist o.k., wenn Du Dich nicht immer als Frau fühlst. Es it o.k., wenn Du es zur Lust tust. Aber wenn Du von Anderen als Frau gesehen werden willst, musst Du Dich auch zeigen. Aber ein Outing im Sinne einer Erklärung, dass Du "anders" bist, halte ich für nicht brauchbar. Du bist, wie Du bist: Basta. Du must Dich nicht einmal erklären. Das machen die "normalen" Anderen auch nicht. Dahinter steht der Gedanke, dass es allgemeine Regeln gäbe und jeder müsse sich erklären, der "anders" ist. Diese Regeln gibt es aber nicht, so lange Du niemandem schadest.
Es ist eine Machtfrage. Gibst Du anderen die Macht zu entscheiden, wie Du zu leben hast ? Oder entscheidest Du das selber ?
Und jetzt verrate ich Dir ein Geheimnis: Ich schreibe das nicht nur auf, um Dir Mut zu machen, sondern auch mir selber. Ich muss mir selber immer wieder Mut machen, mein Leben so zu leben, wie es zu mir passt. Das fällt mir auch nach vielen Jahrzehnten noch immer nicht leicht. Als ich 30 Jahre alt war, gab es noch kein Internet. Ich fühlte mich nur noch als Perverser und nichts war da, um eine andere Sichtweise zu bekommen. Du hast heute die Chance, viel früher in diesen Prozess zu kommen. Das macht es nicht leichter, aber die Aussichten, so zu leben, wie es einem gebührt, sind besser. Es liegt an Dir, sie zu nutzen.