Guten Morgen in die Runde,
VanessaL hat geschrieben: Mo 14. Okt 2019, 19:57
Was ist Vollzeit bei einem Transvestiten oder einem Crossdresser?
Hallo Vanessa,
guter Beitrag, der mMn den Punkt beleuchtet, an dem viele Missverständnisse hängen. Zunächst, die beiden von Dir genannten Begriffe zielen auf das Tragen von Kleidung ab, mehr nicht. Viele, so auch ich finden sich nicht wirklich dabei wieder. Meinen inneren Zustand kann ich guten gewissens nicht als Mann oder Frau beschreiben. Ich falle nach meinem Gefühl aus der bipolaren Sichtweise heraus. Ich weiß nicht, wie es mir gehen würde, wenn ich unbeschwert die Kleidung und zughörigen "Attribute" tragen könnte, die ich will. Wäre ich wirklich eine Frau und würde komplett das Frausein leben wollen ? Ich weiß es nicht und werde es vermutlich niemals wissen, aber ich ich könnte mir vorstellen, es nicht zu tun. Auf der anderen Seite empfinde ich eine große Sehnsucht nach der Frau in mir, die auch nach außen leben will. Das ist eine ständige Zerreißprobe. Ist es da nicht verständlich, dass die oben genannten Begriffe zu kurz greifen ?
Was in meinem Pass steht, ist mir eigentlich egal, auch wenn ich mir den Ergänzungsausweis zugelegt habe und ich mich darin wieder finde. Du hast es gut beschrieben, auch im Bereich der Trans*-Menschen gibt es eine weit verbreitete Sichtweise des bipolaren Denkens. Entweder man ist das Eine oder das Andere. Alles dazwischen ist ein wenig anrüchig, weil es scheinbar keine eindeutige Identität darstellt. Vor diesem Hintergrund sind auch die drei Oberbegriffe zu sehen, die Marie angeführt hat. Auch sind die genannten F64.0, F64.1 und F65.0 für mich nicht passend. Ich bewege mich fließend im Spektrum Mann-Frau. D.h. Menschen, die mich auf eine Rolle festlegen wollen, hätten Probleme damit, wenn ich mich ihnen so dynamisch zeige. Aber genau das ist ja das Dilemma, ich bin nicht festglegt.
Was bedeuten also nun die Frage Voll- oder Teilzeitfrau für
mich ? Zunächst habe ich kein Problem damit, wenn ich als Teilzeitfrau beschrieben werde. Es passt aber nicht, da es für mich nach Stundenplan klingt. Ich kann es nicht steuern. Mein inneres Gefühl für Mann oder Frau ist da oder auch nicht. Oft ist da gar kein bestimmtes Gefühl. Ich kann es jedenfalls nicht steuern. In dem Augenblick, in dem mir bewusst wird, dass ich Weiblichkeit eine Bedeutung bekommt, merke ich, dass die Frau in mir nach außen drängt. Die unbewusste Bedeutung des Weiblichen steht vor der bewussten Wahrnehmung. Und dann ist meine Weiblichkeit stark und mächtig. Aber sie ist es nicht immer oder zumindest nicht in meinem Bewusstsein. Dann lebe ich das Männliche, aber ist es ebenso mächtig ?
Keine Ahnung, denn das Männliche muss sich in mir gegen keine Widerstände durchsetzen. Es kann einfach da sein ohne besonders wahr genommen zu werden. Aber das kann auch an den äußeren Umständen liegen. Seit meiner Kindheit/Jugend gibt es in mir den Wunsch, beide Geschlechter leben zu können. Ich habe nie den Wunsch gehabt, in einem Geschlecht zu leben. Das geht auch bis in die Sexualität. Ich bin immer beides, Mann und Frau, auch wenn sich mal mehr die eine, mal die andere Seite stärker zeigt. Aber das macht mich nicht zur Teilzeitfrau/-mann. Das ist nur die äußere Erscheinung. Im Inneren bin ich immer der gleiche Mensch mit einer Persönlichkeit.
Und das ist für mich das Schlüsselwort. Ich möchte als Mensch mit einer Persönlichkeit wahr genommen werden und nicht als ein Wesen mit einem Geschlecht. Das Geschlecht kann meiner Persönlichkeit nicht gerecht werden. Ich benutze es aber, um meine Persönlichkeit auszudrücken. Das Prinzip Bipolarität hat mMn seinen Sinn, wenn ich es vor dem Hintergrund begreife, dass es Menschen gibt, die Kinder zeugen oder gebären können. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das nur die Pole sind und Menschen in allen nur denkbaren Variationen irgendwo dazwischen verortet sind und das nicht einmal zeitlich festgelegt. Da finden auch Trans*- und Intermenschen ihren Platz.
Ich habe Kinder gezeugt, wäre aber emotional auch in der Lage, Kinder zu gebären. Ich würde sogar sehr gerne ein Kind gebären und ernähren, aber das ist mir ja verwehrt. Und das Thema Nachwuchs ist ja auch vielen Trans- und Intermenschen verwehrt. Das ist sicherlich ein wunder Punkt. Aber es ändert ja nichts daran, dass die Menschen sich im Feld "Mann-Frau" bewegen. Das s.g. "dritte Geschlecht" ist aus meiner Sicht nicht erforderlich (ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren). Viel wichtiger erscheint mir, dass Menschen in ihrer Persönlichkeit wahr genommen werden. Da braucht es keinen Eintrag im Perso als "gebährfähig" oder "zeugungsfähig". Ich überspitze das Ganze, wenn ich sage, die dritte Option sei "unfähig". Und das ist für mich die ganze Widerlichkeit im Geschlechtseintrag, egal welcher. Ich werde danach kategorisiert, in welcher Form ich der Menschheit zur Bestandsicherung diene. Deshalb schaute man mir nach der Geburt zwischen die Beine. Eigentlich unnötig. Denn ob ich der Menschheit zu einer Bestandssicherung verhelfe, hängt nicht vom Eintrag ab, sondern von meinem Wesen. Wozu wird also der Eintrag gebraucht ?
Viele Worte, weil es kein eindeutiges Wort für mich gibt, in dem ich mich ansatzweise wieder finde. Aber das brauche ich auch nicht, wenn die Menschen, mit denen ich kommuniziere, akzeptieren können, das der Ausdruck, den sich z.B. durch die Kleidung manifestiert, ausreicht, mich anzusprechen. Ich mag das Bipolare mit der Unterscheidung in männlich/weiblich, aber dies nur vor dem Hintergrund, dass ich mich darin bewegen kann und nicht als Schachtel, in der ich mich zu bewegen habe. Und nur vor diesem Hintergrund kann ich die Begriffe männlich-weiblich definieren. Sie können dann beliebige Eigenschaften annehmen, denn ich bin ja nicht gezwungen, als "biologischer Mann" genau diese Merkmale zu besitzen. Männlich-weiblich können durchaus eindeutige Klischees, wie z.B. stark-schwach, empathisch-durchsetzungsfreudig etc., beinhalten. Meine Persönlichkeit nmmt sich dann aus diesen "Baukästen" das jeweils Passende, dass sich auch in der Zeit verändern kann. Definieren kann man beliebiges. Beispiel: männlich hat einen IQ von 30, weiblich einen IQ von 130 (;-)). Dann bin ich eben in diesem Punkt 70% weiblich, wenn ich einen IQ von 100 habe.
Das Problem beginnt in dem Augenblick, in dem ich eine feste Verortung einer Person mit einer Kategorie einführe. Das wird niemandem gerecht. Aber so lange wir das de facto tun, können wir keine Definition der Begriffe durchführen, ohne dass es Widerstände gibt. Der definierte Begriff wird problematisch, wenn ich ihn bewerte. Es wird allgemein angenommen, dass alle Menschen männliche und weibliche Eigenschaften haben. Das macht Sinn, wenn ich männlich und weiblich mit einer eindeutigen Definition versehe. Die Bewertung liegt jedoch in der starren Verbindung Bio-Mann und männlich bzw. Bio-Frau und weiblich. Die Definition "männlich" hat dann eine andere Bedeutung als die eigene Representation als "männllich". Letzeres bin ich durch die Geburt, aber das sagt nicht über meine Eigenschaften. Bin ich ein schlechterer Mann, wenn ich schwach und empatisch bin ? Bin ich eine schlechtere Frau, weil ich keine entsprechenden körperlichen Merkmale habe ?
Bei Begriffen muss man unterscheiden, ob es sich um definierte oder bewertete Begriffe handelt. Und die Bewertung ist manchmal subtil versteckt. Bewertung bedeutet nicht nur eine Einteilung in gut oder schlecht, sondern auch eine implizite Verbindung mit anderen Begriffen. Das macht die Sache manchmal schwierig. Wenn mir jemand sagt, dass ich schwätze, kann er damit wertfrei meinen, dass was ich rede, hat keinen Bezug zum Thema. Verstehen kann ich das auch als persönlichen Angriff. Ein definierter Begriff trifft auf einen bewerteten Begriff und schon haben wir einen Konflikt. "Teilzeitfrau" kann im Sinne einer Definition als Begriff verstanden werden, der ausdrückt, das jemand zeitweise äußerlich als Frau auftritt. Er kann aber auch wertend verstanden werten, dass jemand sich nicht entscheiden kann, ganz als Frau zu leben, was, unterschwellig gesehen, besser wäre.
Wir können versuchen, hier Begriffe zu definieren. Aber es gibt viele Stellen, wo das versucht wird. Und sie unterscheiden sich mal mehr und mal weniger. Ich denke, es ist viel wichtiger, dass man im Kontext versucht zu verstehen, was der Andere gemeint haben könnte und fragt im Zweifelsfall nach. Das ist zwar mühsam, aber die Verwendung unsere Sprache gibt nicht mehr her. Vielleicht ist die Mathematik die einzige Sprache, die genau darauf abzielt, eindeutig zu sein. Dafür kann man mit ihr keine Sachverhalte darstellen, die auf unseren Emotionen im Inneren beruhen. Vielleicht liegt hier das Problem. Wir beruhen immer auf Emotionen und nicht auf neutrale Sachverhalte.