Guten Tag zusammen, Hallo Claudia,
Mit dem Begriff "Krankheit" verbinden auch sehr viele die Begriffe "Hilfe" und "Unterstützung".
Das ist unstrittig. Man kann grade daran aber deutlich machen, warum es sinnvoll ist, 'tätige Hilfe' der Gesellschaft (sprich Kostenübernahme) vom sonstigen gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit trans*-Phänomenen zu trennen.
Der alltägliche Umgang der Mitbürger_innen mit uns ist nicht mehr durchgängig schlecht, ganz im Gegenteil, trotzdem gibt es noch zu viele Stellen, an denen weitere Verbesserungen wünschenswert wären. Es gibt leider Arbeitgeber, die erhebliche Leistungsausfälle befürchten, manche (noch zu viele) Menschen, die annehmen, dass wir eventuell etwas 'gaga' und schwierig in der sozialen Handhabung sind und auch Eltern, die sich Sorgen machen, dass ihr Kind wegen seines trans*-Seins Nachteile hat. Bei all diesen Aspekten ist der Krankheitsbegriff doch nicht hilfreich, sondern ein wesentlicher Teil des Problems.
Wenn Menschen über Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, im Elternhaus oder im Freundeskreis berichten (es gibt hier genug Threads dazu), dann hat das objektiv nichts mit Fragen der Kostenübernahme zu tun. Es hat vielmehr mit Vorbehalten, Vorurteilen oder auch mit Sorgen zu tun, die die soziale und wirtschaftliche Leistungs- und Integrationsfähigkeit von trans*-Menschen betreffen. Im Hinblick darauf halte ich ein allgemeines Verständnis von trans* als Krankheit sogar für absolut kontraproduktiv, wenn man einen
verträglichen gesellschaftlichen Umgang damit fördern will.
Das bedeutet aber wirklich nicht, dass ich dafür wäre, alle Klassifizierungen aus den einschlägigen Verzeichnissen mal eben so zu streichen, ohne sich Gedanken über einen adäquaten Ersatz zu machen. Ich sehe natürlich, dass sie im Hinblick auf medizinische Massnahmen eine wichtige Funktion haben. Ich finde es nur ganz klar suboptimal, die oben genannten Folgen im Interesse einer Teilgruppe der Community billigend in Kauf zu nehmen (zumal auch diese Teilgruppe oft genug über Schwierigkeiten im alltäglichen Umgang berichtet), um Teile der eigenen Interessen zu wahren. Man muss im bestehenden System leider fordern bzw. Forderungen formulieren, um ein Stück des Kuchens abzukriegen, diese Forderungen müssen aber nicht unbedingt einseitig und zu kurz gedacht sein.
Letztlich ist es wohl wieder der Punkt, über den ich mich seit Jahren aufrege. Es werden immer wieder Forderungen postuliert, die sich ausschliesslich um Teilgruppen-Interessen drehen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, eine vernünftige und durchdachte Position zu erarbeiten, die allen (sic!) möglichst gut gerecht wird und sich möglichst gut in die Gesellschaft einpassen lässt. Übersehen wird dabei leider, um wieviel besser und auch schlagkräftiger es wäre, wenn eine breite Koalition von Gruppen / Menschen eine gemeinsame und laut hörbare Stimme zustande bringen würde.
Habt es gut
Marielle