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Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Fr 8. Jan 2016, 00:22
von JaquelineL
Hallo Nicole,
nicole.f hat geschrieben:Glaubt Ihr nicht? Ich schon, denn ich merke es recht deutlich, wenn ich mit neuen Kunden zu tun habe.
doch, glaube ich, hab's selbst immer wieder erlebt (als männlicher Beobachter). Krassester Fall: CeBIT-Besuch mit Kollegin, super kompetent, sind beide gut gekleidet. Wir gehen auf einen Messestand, HiTech-Thema, auf mich kommt der Obervertriebler zu, auf meine Kollegin eine Hostesse: meine Kollegin könne gerne mitkommen auf ein Glas Sekt. Nach ein paar süffisant ausgekosteten Sekunden konnte ich bei ihm dann die Gesichtszüge entgleisen sehen: Bei meinem Hinweis, dass nicht ich, sondern meine Kollegin die Spezialistin sei... und vielen Dank, ich keine Lust auf Alkohol hätte
Aber erfreulicherweise treffe ich auch sehr viele Menschen, die auch bei hochtechnischen Themen keinerlei Geschlechterbrille aufhaben, sondern die Kompetenz abklären und dann entsprechend reagieren.
Liebe Grüße
Jackie
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Fr 8. Jan 2016, 00:42
von nicole.f
Hallo Ihr Lieben,
vielen Dank für die vielen Antworten! Allerdings ist das Bild, das hier entsteht, sehr ernüchternd, wenn nicht sogar frustrierend und verärgernd. Ich habe es wirklich nicht geglaubt, dass wir mit unserer angeblichen Geschlechtergerechtigkeit immernoch nicht weiter sind. Die auf das Geschlecht bezogenen negativen Vorurteile sind einfach indiskutabel. Vor meinem eigenen Erleben habe ich dies auch nicht so krass wahrgenommen, mea culpa, doch jetzt, wo ich es selbst zu spüren bekomme, ist es wirklich erschreckend.
Zur Ehrenrettung der Männer muss ich aber auch sagen, dass ich mit Kunden und Kolleg_innen, die mich besser kennen, keine solchen Probleme habe, es betrifft immer nur neue Bekanntschaften. Und es ist nach wie vor möglich, den gleichen Respekt und die gleiche Glaubwürdigkeit zu erlangen, aber man braucht mehr Zeit dafür, man muss sich erst beweisen. Doch auch das ist schon schlimm genug, dem Kerl glaubt man ad-hoc, die Frau muss es erst beweisen? Sehr weit sind wir mit der Gleichberechtigung eben nicht gekommen. Wenn das schon für das spontane Zusammentreffen gilt, bis wohin zieht sich das dann noch? Kann mein männlicher Kollege einen höheren Tagessatz durchbringen als ich? Wird man meine Angebote genauer prüfen, als die meiner männlichen Kollegen? Das sind dann alles Situationen, in denen man die konkreten Auswirkungen meist gar nicht direkt erkennt, weil man keinen Vergleich hat. Das wiederum wirkt natürlich auch zurück auf mich bzw. auf Frauen im Allgemeinen, es verunsichert und wer verunsichert ist, macht sich selbst noch kleiner.
Das ist schon alles ganz schön unschön. Aber noch beklage ich mich auch auf hohen Niveau, noch ist es für mich einfach nur etwas ärgerlich und nervig, aber es kostet mich außer ein paar Nerven noch nichts. Aber das Leben ist noch lang und sollte ich mir mal einen anderen Job suchen wollen, dann habe ich jetzt offenbar ein Manko mehr, zumindest im technisch-wissenschaftlichen Bereich.
Liebe Grüße
nicole
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Fr 8. Jan 2016, 00:55
von Carina
triona hat geschrieben:Ich weiß nicht, ob du das richtig mitgekriegt hast:
Wir reden hier von Gesprächen innerhalb von bestehenden oder anzubahnenden Geschäftsbeziehungen und Arbeitsverhältnissen, in denen Frauen zugegen sind als Verhandlungspartner und ausgewiesene und ausgebildete Fachkräfte. Da wird nicht über Lippenstifte geredet o.ä.
liebe grüße
triona
Ich bin oft in solche Verhandlungen involviert, das ist durchaus so. Von den anwesenden Frauen untereinander. Und zwar beim Smalltalk davor, dazwischen und danach. Die Männer , alle aus der naturwissenschaftlichen Ecke oder Juristen, unterhalten sich über Sport, Politik, Golf und die neuesten Autos, die Frauen, Juristinen und Wirtschafswissenschaftlerinnen, über Wellness, Shoping, Urlaub, Kinder und Kosmetik. Wenn beide Fraktionen gemeinsam über private Themen reden geht es um Urlaub manchmal auch um Kultur. Die Grüppchen teilen sich immer wie von Zauberhand nach Geschlechtern.
Aber, um Missverständnisse zu vermeiden: Ich verteidige keinesfalls ein antiquiertes Männlichkeitsverhalten sondern erwarte von jedem Mann und auch jeder Frau Vorurteile, wenn sie erkennbar nicht zutreffen, zu revidieren. Wer das nicht hinbekommt ist in meinen Augen selten sexistisch sondern nur doof.
Viele Grüße
Carina
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Fr 8. Jan 2016, 01:00
von Inga
nicole.f hat geschrieben:Hallo Ihr Lieben,
....
Das ist schon alles ganz schön unschön. Aber noch beklage ich mich auch auf hohen Niveau, noch ist es für mich einfach nur etwas ärgerlich und nervig, aber es kostet mich außer ein paar Nerven noch nichts. Aber das Leben ist noch lang und sollte ich mir mal einen anderen Job suchen wollen, dann habe ich jetzt offenbar ein Manko mehr, zumindest im technisch-wissenschaftlichen Bereich.
Liebe Grüße
nicole
Hallo, Nicole,
ich finde es schon mal schön, dass du das Thema hier angerissen hast.
Zur Jobsuche habe ich mich jetzt entschieden, meine einstellung zu ändern: Ich will nicht dahin, wo mit mir eine fachliche oder personelle Lücke zu füllen ist, sondern da hin, wo ich als Bereicherung des Teams gesehen werde.
Liebe Grüße
Inga
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Fr 8. Jan 2016, 01:16
von nicole.f
Liebe Inga,
dann drücke ich dafür ganz feste die Daumen! Das ist definitiv die richtige Einstellung, nur leider zwingt einen die Realität unter Umständen doch zu Kompromissen, wenn man einfach wieder Geld verdienen muss.
Ich hoffe Du findest ein gutes Team!
Liebe Grüße
nicole
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Mo 4. Apr 2016, 14:55
von nicole.f
Einen hab' ich noch

Allerdings, dies vorweg geschickt, empfand ich nachfolgendes Ereignis als nicht sehr negativ, es fiel mir nur schlicht auf.
Mit einigen männlichen Kollegen waren wir zum Mittagessen in einem Lokal. Auf dem Rückweg lag ein Elektro(nik) Großmarkt, der gerade ein paar Sonderangebote haben sollte. Also gingen wir, weil es auf dem Weg lag und wir noch etwas Zerstreuung suchten, einfach mal wieder hinein. Wir alle, also auch ich, kennen diesen Markt recht gut, die Preise sind ganz OK, meist findet man aber nichts Besonderes.
Wir verteilten uns auf die Abteilungen, ich ging zunächst mit Zweien in Richtung der neuesten Flachbildfernseher, wo ich dann zum ersten mal sehr freundlich angesprochen wurde, ob denn alles OK sei, ich Fragen hätte, ob ich etwas bestimmtes suchte etc. Nein danke, ich komme zurecht. Ich wollte eher in Richtung Computer / Notebooks, da ich noch immer ein möglichst kleines Gerät suchte. Dazu musste ich durch die Handy- und MP3-Player-Abteilung und wurde auch dort wieder sehr freundlich angesprochen, ob denn alles in Ordnung sei, ich etwas bestimmtes suchte etc. Langsam kam mir das etwas seltsam vor, was ist denn hier los? So kannte ich den Laden gar nicht? Weder dieses aktive auf Kunden Zugehen und schon gar nicht diese ausdrückliche Freundlichkeit. Neue große Charme-Offensive? Bei den Notebooks wieder das gleiche, freundliche Fragen - nein Danke, ich komme zurecht.
Doch dann dämmerte es mir langsam. Meine männlichen Kollegen wurden nicht in dieser Form angesprochen, sondern eigentlich nur ich. Ich, eine Frau im Hi-Tech Geschäft.
Ja, dies ist auch eine Form von Sexismus. In dieser Form als solcher nicht schlimm, aber es offenbart klar eine Ungleichheit im Ansehen an einer Stelle bzw. in einem Bereich, wo das Geschlecht nun wirklich gar keine Rolle spielt, oder spielen sollte. Das etwas belustigende bei der Sache ist, dass dies natürlich uns trans* Menschen nun besonders auffällt, denn wir kennen es in der Regel noch, wie es vorher war und wie es jetzt ist. Was für cis Menschen vielleicht irgendwann zu einer Vermutung oder These wird, wir erleben es hautnah. Schon spannend
Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit einen Vortrag im Rahmen einer Ringvorlesung in Hamburg zu halten. Dort erwähnte ich auch mein Erlebnis vom Anfang dieses Strangs, von der Ungleichbehandlung auch im professionell beruflichen Umfeld und das wir Frauen uns meist beweisen müssen, wo es bei Männern zunächst vorausgesetzt wird. Das Lustige war, dass als ich dies erzählte, alle Frauen im Publikum sehr verständnisvoll und schon fast mitleidig nickten.
Jetzt muss ich aber auch sagen, das ist Jammern auf recht hohem Niveau. Sicherlich ist es wünschenswert, dass auch dies irgendwann einmal aufhört, doch damit kann man zurecht kommen. Frauen haben fast völlige Chancengleichkeit, wenngleich sie nach wie vor hier und dort ein wenig mehr Gas geben müssen. Aber es gibt keine Regeln, Normen oder gar Gesetze mehr, die Frauen von Bildung oder bestimmten Arbeitsplätzen völlig abschneinden würden, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Gleiches gilt natürlich dann auch entsprechend für trans* Frauen, völlig ohne Frage.
Liebe Grüße
nicole
[1] Sexismus
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Sexismus
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Mo 4. Apr 2016, 15:34
von Anke
Hallo Nicole,
ich hatte jetzt auch meine entsprechenden Erlebnisse, die ich in meinem eigenen Thread auch schon mal beschrieben habe. Aber hier passt es gut hin, deshalb als Wiederholung:
Aber es gibt auch Erlebnisse, wo ich aufgrund meines Status als Frau nicht mehr ernst genommen werde. Bei einer Veranstaltung ging es im Rahmen einer Gruppenaktivität um die Lösung eines technisches bzw. handwerklichen Problems. Dazu möchte ich sagen, dass ich handwerklich sehr viel gemacht habe und dementsprechend über Wissen und Erfahrung verfüge. Aber in dieser Situation wurde ich überhaupt nicht mehr gehört. Da es mir nicht wichtig genug war, habe ich mich zurück gezogen und mich darüber amüsiert, dass genau die Probleme eingetreten sind, die ich gesehen habe.
In der Situation habe ich sofort an diesen Thread gedacht. Sexismus kommt im Alltag auf leisen Pfoten daher. Ich habe mir schon ein paar Mal überlegt, ob ich hätte anders reagieren sollen. Wie gesagt, die Sache an sich war mir nicht wichtig genug. Aber vielleicht wäre es richtig gewesen, den Kerlen mal den Spiegel vorzuhalten, damit ihnen klar wird, was sie da überhaupt machen. Und ihnen zu zeigen, dass das nicht geht und auch nicht richtig ist.
Aber mich hat das in der Situation auch ein Stück weit perplex gemacht, denn so etwas ist mir noch nicht passiert. Vielleicht schaffe ich es beim nächsten Mal anders zu reagieren.
Liebe Grüße
Anke
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 01:55
von JaquelineL
Alltags-Sexismus, der erst in einer Ehe mit einem Trans*-Partner so richtig auffällt: "Und wenn Du jetzt Vollzeit Frau wärst - wer hält uns dann die Türen auf beim Einsteigen ins Auto?

"
In meiner männlichen Rolle mache ich das nämlich normalerweise (und natürlich freiwillig), Männerjob. Das Spiel geht also auch anders herum...
Liebe Grüße
Jackie
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 10:10
von Ulrike-Marisa
Moin,
da fällt mir doch noch eine Bemerkung meiner Frau ein, als ich mich ihr gegenüber geoutet (was für ein Wort) habe. Du willst wirklich Frau sein und freiwillig als 2.klassig gesehen und behandelt werden? Das hat mir doch zu denken gegeben und meine Überzeugung bestärkt, dass wir mit der Gleichberechtigung noch gar nicht so weit sind in der Gesellschaft, wie das immer so gemeint wird. Das wird wohl eher noch Generationen dauern. Im Buddhismus sagt man auch: eine Krankheit kommt langsam und sie geht auch langsam...
Gruß, Ulrike-Marisa
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 12:41
von Anke
JaquelineL hat geschrieben: wer hält uns dann die Türen auf beim Einsteigen ins Auto?
Hallo,
für mich fällt das nicht unter(Alltags-) Sexismus sondern unter gute Manieren und höflichen Umgang.
Bei mir in der Firma halten mir die (meisten) Männer ganz selbstverständlich die Tür auf oder geben mir höflich den Vortritt beim Aufzug. Wenn wir dann anschließend wieder im Meeting zusammen sitzen, wird dann auf Augenhöhe diskutiert. Interessanter Weise sind es dann auch tendenziell die, deren Manieren zu wünschen übrig lassen, die sich dann sexistisch verhalten.
Ich finde Emanzipation und Gleichberechtigung sollten auf keinen Fall zu schlechten Umgangsformen führen.
Liebe Grüße
Anke
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 13:01
von nicole.f
Ulrike-Marisa hat geschrieben:Moin,
da fällt mir doch noch eine Bemerkung meiner Frau ein, als ich mich ihr gegenüber geoutet (was für ein Wort) habe. Du willst wirklich Frau sein und freiwillig als 2.klassig gesehen und behandelt werden? Das hat mir doch zu denken gegeben und meine Überzeugung bestärkt, dass wir mit der Gleichberechtigung noch gar nicht so weit sind in der Gesellschaft, wie das immer so gemeint wird. Das wird wohl eher noch Generationen dauern. Im Buddhismus sagt man auch: eine Krankheit kommt langsam und sie geht auch langsam...
Gruß, Ulrike-Marisa
Ich hatte ja mein großes Coming-Out [1] in unserem Hack-Space in Siegen. Da saßen dann 30-40 Nerds und Geeks, also alles hoch intelligente Menschen, von denen auch ganz viel quer gedacht wird. Für diese ist ein anders Sein also grundsätzlich meist kein Problem, da die meisten von ihnen von ihrer Umwelt auch als anders wahrgenommen werden und dann damit ihr jeweils ganz eigenes Päckchen zu tragen haben. Nach meinem Vortrag "Hacking Gender" [2] gab es daher zum Thema Trans* selbst keine kritischen Reaktionen. Einer jedoch, den ich auch wegen seines scharfen Verstandes über alle Maßen schätze, fragte mich recht bald und unverblümt, ob ich mir denn darüber bewusst sei, dass ich nun gesamtgesellschaftlich betrachtet auf der sozialen Leiter eine Stufe abwärts steigen würde.
Leider, muss man sagen, hat er Recht. Zwar ist der Abstand zwischen den Sprossen dieser Leiter kleiner geworden, aber es ist noch eine Leiter und ja, gesellschaftlich als Frau gelesen zu werden bedeutet einen gewissen Abstieg - der auch sicherlich nicht in allen Bereichen und allen Situationen gleich ausfällt. Aber da ist er.
Liebe Grüße
nicole
[1] Für den aktiven selbst gesteuerten Prozess sich selbst zu offenbaren wird allgemein eher der englische Begriff des Coming-Out verwendet. Man selbst kommt heraus. Das englische Outing wird für Vorfälle verwendet, in denen Dritte etwas offenbaren und dies ggf. auch nicht gewollt oder gesteuert.
[2]
https://hasi.it/talk/2014/05/22/Hacking_Gender.html
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 13:38
von nicole.f
Ulrika-Marisa und Anke sprachen Umgangsformen und eine gewisse Galantheit der Herren gegenüber den Damen an. Das ist natürlich gerade für uns trans* Frauen sehr schmeichelhaft, denn es dokumentiert ganz offensichtlich, dass wir als Frau wahrgenommen und, zumindest in dieser Situation, akzeptiert werden. Doch dokumentiert es nicht auch wieder eine Ungleichbehandlung? Diesmal für uns vielleicht ein wenig positiv, doch es ist ungleich. Können wir wirklich nicht selbst die Tür öffnen? Brauchen wir den Vortritt? Nein. Zumindest ich kann nach wie vor Türen selbst öffnen und offen halten, für wen immer der_die nach mir kommt. Ich kann auch auf den nächsten Fahrstuhl warten etc.
Ich glaube, dass wenn wir Gleichberechtigung in allen Bereichen wollen, wir kein Cherry-Picking machen können. Wir können nicht die uns halbwegs angenehmen Dinge annehmen und nur die Negativen ablehnen. Das ist inkonsequent, dann muss man auch die negativen Seiten hinnehmen. Dazu wiederum bin ich nicht einfach so bereit.
Jetzt kommt allerdings die große Frage, wie geht man damit um? Anke hatte dies auch vor ein paar Beiträgen in den Raum gestellt. Was mache ich, wenn ich in eine solche Situation komme? Lehne ich das Entgegenkommen ab? Bestehe auf die Gleichbehandlung? Weise mein Umfeld lautstark auf das Fehlverhalten hin? Das wird nur in den seltensten Fällen wirklich zielführend sein. Wir arbeiten dabei gegen sozialisierte und tradierte Muster und Riten, die ohne große Rationalisierung und Erklärung von Generation zu Generation weitergegeben wurden - oder weiß hier jemand, warum ein Mann einer Frau die Tür öffnen bzw. offen halten sollte? Die Wenigsten werden den Hintergrund davon kennen. Stellen wir dies dann, womöglich öffentlich oder in einer Teilöffentlichkeit in Frage, dann könnte dies sicherlich leicht als persönliche Kritik oder gar Angriff betrachtet werden und wird bestimmt keine besonders positive Resonanz erfahren.
Gleichermaßen ist bestimmt auch äußerstes Fingespitzengefühl nötig, wenn wir Gesprächpartner darauf hinweisen wollen, dass wir doch bitte schön auch in vermeintlich männlichen Domänen ein Wort mitzureden und als gleichberechtigte Gesprächpartnerinnen behandelt werden wollen. Ein "Hey, nimm mich gefälligst ernst!" wird nicht helfen.
Ich halte es an der Stelle, wie in vielen anderen Bereichen auch, "learning by doing". Indem ich zeige, dass ich etwas kann, werden es die anderen hoffentlich lernen. Ein langer und zäher Prozess.
Liebe Grüße
nicole
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 16:59
von Anke
nicole.f hat geschrieben:Ulrika-Marisa und Anke sprachen Umgangsformen und eine gewisse Galantheit der Herren gegenüber den Damen an. Das ist natürlich gerade für uns trans* Frauen sehr schmeichelhaft, denn es dokumentiert ganz offensichtlich, dass wir als Frau wahrgenommen und, zumindest in dieser Situation, akzeptiert werden. Doch dokumentiert es nicht auch wieder eine Ungleichbehandlung? Diesmal für uns vielleicht ein wenig positiv, doch es ist ungleich. Können wir wirklich nicht selbst die Tür öffnen? Brauchen wir den Vortritt? Nein. Zumindest ich kann nach wie vor Türen selbst öffnen und offen halten, für wen immer der_die nach mir kommt. Ich kann auch auf den nächsten Fahrstuhl warten etc.
Ich glaube, dass wenn wir Gleichberechtigung in allen Bereichen wollen, wir kein Cherry-Picking machen können. Wir können nicht die uns halbwegs angenehmen Dinge annehmen und nur die Negativen ablehnen. Das ist inkonsequent, dann muss man auch die negativen Seiten hinnehmen. Dazu wiederum bin ich nicht einfach so bereit.
Hallo,
mir geht es nicht um Cherry-Picking, meine Türen kann ich auch gut selbst öffnen und mir macht es auch nichts aus, den Fahrstuhl als letzte zu betreten.
Vielleicht brauchen wir auch andere Formen des höflichen Miteinanderumgehens. Aber wenn auf solche Dinge ersatzlos verzichtet wird, dann ist das für mich das Kind mit dem Bad ausgeschüttet.
Ich sehe auch den Widerspruch zur Emanzipation und Gleichberechtigung nicht, wenn mich ein Mann zuvorkommend behandelt und ich mich dann dafür mit einem freundlichen Lächeln oder Geste bedanke. Das empfinde ich als gegenseitig wertschätzend und respektvoll. Damit wird niemand ein Recht genommen, das ihm eigentlich zusteht. Damit signalisiert auch niemand, dass ich nicht im Stande wäre, eine Tür zu öffnen. Denn um das Öffnen der Tür geht es ja nur vordergründig.
Da sehe ich das Verhalten der Verkäufer im Elektronikmarkt ganz anders. Dabei wird klar signalisiert, das Frau gar nicht kompetent ist, in diesem Laden richtig einzukaufen. Und das Verhalten meines Kollegen geht in die gleiche Richtung.
Wie Nicole schon schrieb, damit umzugehen erfordert Fingerspitzengefühl. Im Beispiel des Elektronikmarkts hat sich der Verkäufer sich selbst und seinen Arbeitgeber gleich mit selbst bestraft. Frau wird sich beim nächsten Mal überlegen, ob sie nicht woanders besser einkauft. Rein verkäuferisch ist das auch ein echter Anfängerfehler, jemand der halbwegs ordentlich geschult ist und sein Handwerk versteht wird so nicht agieren und so etwas niemals sagen, egal zu wem. Hier kommt zum Thema "Sexismus" auch noch das Thema "schlechter Verkäufer".
Wenn es bei der Situation mit meinem Kollegen um etwas wichtiges gegangen wäre, dann würde ich ihn mir unter 4 Augen schnappen und ihn fragen, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt. Damit gebe ich ihm die Gelegenheit sein Verhalten zu ändern, ohne dabei einen Gesichtsverlust zu erleiden. Wenn er sich blöd verhält, muss ich mir daran schließlich kein Beispiel nehmen.
Dabei finde ich es wichtig, auch nicht in die "ich muss jetzt beweisen, dass ich es kann" Falle zu laufen. Wenn ich mir diesen Schuh anziehe, dann habe ich im Grunde schon verloren. Damit hat mich mein Gegenüber in die Beweispflicht gebracht, während seine Kompetenz völlig unangefochten ist. Dadurch hat er die Situation erstmal in der Hand und ich würde mich abmühen und hinterherhecheln, dass er endlich so gnädig ist, meine Kompetenz anzuerkennen.
Vielleicht hilft es ja, mit ein paar gezielten und anspruchsvollen Fragen mal ein wenig nachzubohren. Das hat nämlich zwei Vorteile. Zum einen bin ich aus der "ich muss was beweisen/Verteidungshaltung" raus. Zum anderen muss mein Gegenüber erstmal selbst rudern und zeigen, dass er kompetent ist.
Liebe Grüße
Anke
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 22:09
von JaquelineL
Hallo Anke,
Anke hat geschrieben:JaquelineL hat geschrieben: wer hält uns dann die Türen auf beim Einsteigen ins Auto?
Hallo,
für mich fällt das nicht unter(Alltags-) Sexismus sondern unter gute Manieren und höflichen Umgang.
den Sexismus sehe ich nicht darin, wer wem die Tür aufhält. Für mich kam der Sexismus in der *Frage* zum Ausdruck.
Das kam aber natürlich auch bei mir nicht wirklich negativ an, ich wollte nur das Blickfeld ein wenig erweitern: Denn auch im umgekehrten Fall ist der Grat zwischen Höflichkeit und Sexismus ein schmaler: Beispielsweise wenn die Qualifizierteste aus reiner Höflichkeit in die Runde fragt, ob sie noch jemandem (der ansonsten männlichen Teilnehmer) einen Kaffee mitbringen soll. Das gleitet im Unterbewusstsein dann gerne und schnell in ein altes Rollenklischee ab... und schon sitzt man nicht nur eine Stufe tiefer auf der Leiter, sondern unten.
Liebe Grüße
Jackie
Re: Der alltägliche Sexismus...
Verfasst: Mi 6. Apr 2016, 00:11
von Marielle
Nabend zusammen, Nabend Anke,
Vielleicht hilft es ja, mit ein paar gezielten und anspruchsvollen Fragen mal ein wenig nachzubohren. Das hat nämlich zwei Vorteile. Zum einen bin ich aus der "ich muss was beweisen/Verteidungshaltung" raus. Zum anderen muss mein Gegenüber erstmal selbst rudern und zeigen, dass er kompetent ist.
Das klingt nach einem guten Plan, Anke. Und ich glaube, dass es wirklich ein guter Plan ist. Er funktioniert aber nur, wenn man sich selbst nicht in der Beweispflicht sieht, weil man diesen Plan sonst gar nicht ausführen kann. Die Selbstverortung auf einer solchen Position ist aber nicht allen Menschen möglich, die als 'Frau' sozialisiert wurden. Es gehört nicht zu den üblichen 'Features', die einer 'Frau' ansozialisiert werden.
Ich gebe zu, dass ich es ausprobiert habe, dass ich A******** genug war, um wissen zu wollen, ob es stimmt. Es stimmt, leider. Man(n) kann in einer gemischten Besprechungsrunde die sachlich völlig korrekten, fachlich unangreifbaren Argumente einer 'Frau' fast mühelos entwerten. Ein 'mildes Lächeln', den anwesenden 'Herren' (und auch den Damen) zur Kenntnis, reicht dazu aus. Es kam kein Widerstand, es kamen keine 'gezielten Fragen'; Kapitulation, bedingungslos. Es ist zum kotzen, welche Macht der alltägliche Sexismus und die Sozialisierung haben. Durch gesellschaftlich getragenen Sexismus kaschierte Dummheit und Arroganz gehen vor Sachverstand, wenn nur ein bisschen was in der Hose vorsteht oder ein paar Haare das Gesicht bedecken.
Es muss nicht so sein, aber viel zu oft wird durch das Aufhalten der Tür zum Besprechungsraum, oder eben die Frage nach dem Kaffee, die 'Kompetenzordnung' für die folgende Besprechung festgelegt. Das ist absolut lächerlich, aber die traurige Wahrheit.
Habt und macht es besser als so
Marielle