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Der unveränderliche Kern

Verfasst: Fr 18. Okt 2024, 21:53
von Helga
Liebe Vicky,
ich ziehe dein Zitat mal in einen anderen Thread, weil das was ich jetzt schreiben möchte überhaupt nicht mehr zum Startthema passt, mir die Antwort aber trotzdem sehr wichtig ist.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 4. Okt 2024, 10:33 Leider bleibt die Kernfrage offen: Wie lösen wir die Verstrickung zwischen Denken und Fühlen auf ? Das ist ja der springende Punkt. Wie kann ich erkennen, wer ich selber bin ? Kann man das überhaupt bestimmen ? Wenn das Gehirn so flexibel ist, dass es sich an die unterschiedlichsten Randbedingungen anpassen kann, warum sollte es mein "Ich" nicht auch können ? Gibt es jenen unterveränderlichen Kern überhaupt ? Ist es nicht das, was wir mit Seele beschreiben und seit Jahrtausenden gesucht, aber nicht gefunden wird ? Wir haben das Werkzeug des Verstandes und die Gefühle, um diese Seele zu suchen. Reicht das ?
Der unveränderliche Kern ist ein sehr schwieriges Thema. Um mich diesem überhaupt nähern zu können lasse ich die Seele und die damit verbundene Frage nach der Quelle unseres Bewusstseins einmal außen vor und konzentriere mich auf das Leitthema unseres Forums. Ich stelle folgende Behauptung auf: Einen unveränderlichen Kern, der tief in uns sitzt und unabhängig vom Körper unsere geschlechtliche Einordnung festlegt, den gibt es nicht.
Natürlich gibt es so etwas wie eine geschlechtliche Selbstzuweisung, diese funktioniert aber sehr viel komplexer.
Zunächst einmal möchte ich auf ein allgemeines Missverständnis oder Verständnisproblem hinweisen: Es gibt ein Geschlecht, nennen wir es einmal "Fortpflanzungsgeschlecht", dass allen Abweichungen und Varianten zum Trotz bei 98+% aller Menschen eindeutig bestimmbar ist. Das "Fortpflanzungsgeschlecht" ist aber nur ein (für den Erhalt der Spezies sicherlich nicht ganz unwichtiger) Teil unserer Geschlechtsidentität. Der andere Teil unserer Geschlechtsidentität wird durch das beschrieben, was gemeinhin als "Gender" bezeichnet wird. Da wir nicht mehr in der Steinzeit leben und in der Regel zur Festlegung des Sozialstatus nicht mehr die Größe von primären Geschlechtsteilen heranziehen, ist das Gender in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben eigentlich der wichtigere Teil unserer Geschlechtsidentität. Leider macht ein großer Teil der Bevölkerung den Fehler die Geschlechtsidentität allein am Fortpflanzungsgeschlecht festzumachen. So geschieht es nicht nur in unterentwickelten Diktaturen, sondern auch in unseren eigentlich aufgeklärten mitteleuropäischen Nationen.
Ich würde vorschlagen die Begriffe "Mann" und "Frau" den Holzköpfen zu überlassen, die nur zwischen die Beine schielen. Statt "ich fühle mich als Frau" wäre die Aussage "ich fühle mich dem weiblichen Spektrum zugehörig" sicherlich weniger kontrovers. Denn das Gender (laut Wikipedia "soziales Geschlecht") setzt sich aus so vielen Faktoren zusammen, die sich ergänzen, gegenseitig verstärken, widersprechen oder gar so unvereinbar erscheinen, dass eine Eindeutigkeit kaum gegeben ist.
Um zu verstehen, wie sich das Gender zusammensetzt, nehmen wir den schönen neudeutschen Begriff der "Skills" zu Hilfe, der seit einigen Jahren bei der Personalrekrutierung eine wachsende Rolle spielt. Neben den "Hard Skills" als erlernte und durch Nachweis belegbare Fähigkeiten spielen auch die "Soft Skills" eine große Rolle, unter denen die Eigenschaften, Interessen, Neigungen etc. eines Menschen zusammengefasst werden, die in der Gesamtheit seine Persönlichkeit ausmachen. Der Begriff "Soft Skill" scheint im Übrigen nicht wirklich eindeutig formuliert, im Zweifel finden sich im Netz hiervon abweichende Definitionen. Klassische Soft Skills sind Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Empathie, Kommunikationsfähigkeit... oft werden aber auch Vorlieben, Einstellungen und ähnliche Punkte dazugezählt, die mehr nach innen wirken. Um die Persönlichkeit vollständig zu machen würde ich noch Emotionen, die Art zu Denken und zu Fühlen und ggfs. weitere dazu zählen.
Ein großer Teil der Soft Skills wurde im Laufe der kulturellen Entwicklung in Schubladen mit den Aufschriften "typisch männlich" und "typisch weiblich" gepackt. Die Gründe für diese Einsortierung sind teilweise aus dem jeweiligen Kontext nachvollziehbar, in unserer heutigen Gesellschaft aber völlig überholt.
Viele Skills sind in den Menschen von Geburt an angelegt, einige gehen im Laufe des Lebens verloren, andere kommen dazu.
Skills selber sind geschlechtsneutral, ihre Verteilung nimmt keine Rücksicht auf das Fortpflanzungsgeschlecht, auch wenn sich im Zweifel bei einigen Skills Schwerpunkte zeigen.
Wenn ein junger Mensch sozialisiert wird, muss er sich mit den vorgegebenen Schubladen auf der einen und seinen eigenen Skills auf der anderen Seite auseinandersetzen. Zu irgendeinem Zeitpunkt erkennt er sein Fortpflanzungsgeschlecht, wenn nicht von selbst wird es ihm erklärt. Er schaut in die Schubladen und sieht welche Skills von ihm erwartet werden. Diese Liste ist keineswegs mit der identisch, die er tatsächlich aufbringen kann. Im Laufe seiner Sozialisierung (ich bitte das Maskulinum zu entschuldigen, es geht um den Menschen, egal welchen Geschlechts) lernt er sich an seine Schublade anzupassen, was mal mehr, mal weniger gelingt. Hierbei gibt es immer Konflikte.
Beispiel: Ein Junge steht vor der Situation einen anderen verprügeln zu müssen, der ihm ein Spielzeug weggenommen hat. Er muss dies tun weil es die anderen von ihm erwarten und Durchsetzungsfähigkeit bei den männlichen Skills ganz oben steht. Lieber würde er aber den anderen Jungen in den Arm nehmen und ihm das Spielzeug schenken, da er den Jungen eigentlich gerne mag und weiß, dass seine Eltern sich dieses Spielzeug nicht leisten können. Das wäre aber mädchenhaft und kommt daher nicht infrage.
Beispiel: Ein Junge geht zum Fussball weil alle Jungen zum Fussball gehen, obwohl er diesen Sport hasst. Lieber würde er mit seiner Schwester Puppen spielen. Aber das tut ein Junge nicht!
Oder unser klassisches Beispiel: Ein Junge trägt Hosen, weil alle Jungen Hosen tragen, obwohl er Kleider eigentlich schöner findet.
Wie vorne geschrieben: Die Skills sind eigentlich geschlechtsneutral aber sie werden durch unser gesellschaftliches Schubladendenken zu großen Teilen einem bestimmten Geschlecht zugewiesen.
Damit gerät der Mensch, dessen persönliche Skills nicht den gesellschaftlichen Vorgaben entsprechen, in eine ambivalente Situation.
Weil er gelernt hat sich an seinem Fortpflanzungsgeschlecht zu orientieren, versucht er bewusst die vorgegebenen Schubladen zu füllen. Das Unterbewusstsein bleibt hierbei aber auch nicht untätig. Es öffnet die gesellschaftlich vorgegebenen Schubladen und schaut wo die tatsächlich vorhandenen Skills Platz finden könnten. Das Unterbewusstsein eines Jeden Menschen, egal wie cis, wird in den Schubladen beider Geschlechter Dinge finden, die den eigenen Skills entsprechen. Je nach dem, wie oft dieser unterbewusste Blick in eine nicht dem Fortpflanzungsgeschlecht entsprechende Schublade etwas gefunden hat, was den eigenen Skills, oder, um einen anderen Begriff einzuführen, der eigenen Natur entspricht, kann es geschehen, dass die unterbewusste Verarbeitung dieser Wahrnehmung zu einer geschlechtlichen Selbstzuweisung kommt, die nicht komplett mit dem Fortpflanzungsgeschlecht übereinstimmt. Da sich die geschlechtliche Selbstzuweisung aus so vielen unterschiedlichen Faktoren zusammensetzt, kann diese nicht absolut sein, sondern nur die tendenzielle Zugehörigkeit zu einem Spektrum darstellen. Dies macht es für das Bewusstsein um so schwerer die diffusen Andeutungen aus dem Unterbewusstsein zu verstehen oder sogar Außenstehenden zu erklären. Unser Bewusstsein hat gelernt weiblich oder männlich als Gegenpole zu verstehen. Ein Unterbewusstsein, dass zu einer Einschätzung 40% männlich und 60% weiblich kommt, muss zwangsläufig zu inneren Konflikten führen.
Mag sein, dass diese Selbstzuweisung so etwas wie der "innere Kern" ist. Nur wie geschrieben, das Geschlecht kommt nicht von innen, es entsteht nur durch den Abgleich mit außen befindlichen Schaubildern.
Der wichtigste Punkt scheint mir aber folgender zu sein: Diese geschlechtliche Selbstzuweisung ist keineswegs unveränderlich. Wie bereits angedeutet: Wir gewinnen im Laufe unseres Lebens viele Skills dazu, vermutlich verlieren wir ebenso viele wieder. Die Gewichtung dieser Skills ist genauso unterschiedlich wie variabel. Da das Unterbewusstsein den Abgleich ständig wiederholt, verändert sich auch die geschlechtliche Selbstzuweisung ständig. Wir, die Mitglieder dieses Forums, haben wohl alle im Laufe unseres Lebens ein entsprechendes Auf und Ab erlebt. Mal waren wir mit unserem Fortpflanzungsgeschlecht versöhnt, dann mal weniger, irgendwann ging es wieder einigermaßen. Sicherlich können die meisten bestätigen, dass es Zeitabschnitte gab, in denen wir uns richtig männlich gefühlt haben: Ein Klassiker ist die erste Freundin, ein weiterer die Gründung der Familie.
Eine Beobachtung, die mir offensichtlich erscheint ist, dass die Übereinstimmung mit dem Fortpflanzungsgeschlecht mit zunehmendem Alter abnimmt. Das mag teilweise mit dem körperlichen Abbau und dem kontinuierlichen Rückgang des Testosteronspiegels zusammenhängen, liegt aber auch daran, dass viele klassisch männliche Skills mit Kräftemessen, Balzverhalten und Fortpflanzung zusammenhängen, was im Alter naturgemäß nur noch eine geringe Rolle spielt.
Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass sich die geschlechtliche Selbstzuweisung in gewissen Grenzen antriggern lässt. Ein hübsches Kleid im Schaufenster, der Anblick eines wirklich ekeligen Mannes an der Bushaltestelle, Gespräche in der Selbsthilfegruppe. Die Wirkung, die Eindrücke von außen haben, sollten meiner Meinung nach nicht unterschätzt werden.