Hallo meine Lieben,
vorletzen Samstag, also schon vor mehr als einer Woche, war ich das erste mal als Desiree auf einem Ball, nämlich dem Diversity Ball im Wiener Rathaus.
Vorwarnung - die Erzählung wurde jetzt länger als geplant. Für mich ist das Niederschreiben dieses Erlebinsses eine schöne Möglichkeit, einen meiner schönsten Abende als Desiree nochmals Revue passieren zu lassen.
Schon lange Zeit hatte ich den Wunschtraum, einmal in einem schönen langen Ballkleid auszugehen und mich dabei wie eine Prinzessin zu fühlen - ja OK, ich geb zu, das klingt ein wenig wie ein Mädchentraum - aber was solls.
Daß dieser Ball jedes Jahr im September stattfindet, wusste ich schon seit längerem. Allerdings hatte ich keine Idee, wie ich es schaffen könnte, dort hinzugehen. Die eine oder andere wird jetzt einwenden: "Was ist da so kompliziert? Ticket kaufen, Ballkleid anziehen und hingehen." Na dann erzählt das meiner Angst
Desiree: "Ich will auf den Ball gehen."
Angst: "Du bist bescheuert - was glaubst Du wohl, was ein schönes Kleid kostet.
Desiree: "Das ist mir egal. Ich will endlich in einem schönen Kleid zu einem entsprechenden Anlass."
Angst: "Ja und wenn Dich Leute außerhalb des Balls sehen?"
Desiree: "Na und? Ich war jetzt oft genug en femme unterwegs und pfeife auf blöde Blicke anderer."
Angst: "Ja ja, dann stolper schön über Dein langes Kleid beim Treppensteigen - bäähh."
Desiree: "Ich schau mir die Homepage vom Diversityball an."
Angst: "Na super - willst Du da etwa alleine hingehen?"
Universum: "Ich schick Dir liebe Menschen in Dein Leben, mit denen Du da hingehen kannst."
Tja, und so war es dann auch. Bei der Wiener Pride im Juni lernte ich unter anderem Marianne kennen - ich hab ja schon von ihr erzählt. Na und die war letztes Jahr schon dort und hat mich gefragt, ob ich denn mit ihr und ihrer Freundin zum Diversityball gehen möchte. So schnell konnte ich gar nicht schauen, hatte sie auch schon Tickets für uns drei besorgt.
Nun begann das große Stöbern in diversen Onlineshops, denn ich brauchte ja ein Ballkleid. Letztendlich bin ich bei Bonprix fündig geworden. Meine Auswahl fiel auf ein dunkelblaues und ein dunkelrotes Kleid. Da ich normalerweise Konfektiongröße 38 (bzw. S) habe, bestellte ich beide auch in dieser. Nach der Lieferung kam die erste "Ernüchterung" - ich konnte bei beiden den Reißverschluß nicht alleine schließen. Ich bin zwar schlank aber leider mittlerweile eher ungelenkig. Kurzerhand traf ich mich mit Marianne in ihrer Wohnung um die Kleider mit ihrer Hilfe anzuprobieren. Da kam die zweite Ernüchterung - bei beiden Kleidern ließ sich der Reißverschluß nicht schließen. Sie waren einfach zu eng für meinen Oberkörper. Es machten sich leider die vielen Jahre Klettersport bemerkbar. Immer diese maskulinen "Konstruktionsmängel".

Also habe ich beide Kleider zurückgeschickt und nochmals in Größe 40 bestellt, nochmals Anprobe bei Marianne und - tataaa - sie passten wie angegossen und ich machte auch eine gute Figur darin. Marianne stand mir beratend zur Seite und nickte bei beiden Kleidern zustimmend.
"Ah ja - Schuhe - ich brauche doch noch passende Schuhe" durchfuhr es mich. Wohlan - auf in die Onlineshops. Hier wurde ich bei einem anderen Onlinehändler fündig. Tja, es wurden schlußendlich insgesamt vier Paare, frau kann nie genug davon haben. Glücklicherweise habe ich Damenschuhgröße 40, was die Auswahl erheblich vergrößert.
Nun stand einem Ballbesuch nichts mehr im Wege. "Ahhh - ich kann mir das Kleid wegen dem langen Reißverschluß am Rücken nicht alleine anziehen." Und schon begannen die logistischen Überlegungen, wie und wo ich denn am Ballabend ins Kleid komme und mich schminken kann. Marianne bot mir an, mich bei Ihr umzuziehen und zu schminken. Nach langem Hin- und Herüberlegen beschloß ich, mich daheim zu schminken, zog mir eine Bluse und einen Rock an (das hatte den Vorteil, daß ich beim Umziehen die Perücke nicht mehr abnehmen musste) und fuhr mit dem Auto und dem dunkelblauen Kleid in einer Tasche zu Marianne, wo ich mich dann in "Schale geworfen" habe. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, welch Glückgefühle in mir hochkamen, als ich mich so das erste mal im Spiegel sah. Ein "Mächentraum" wurde wahr. Schnell noch eine dezente Polsterhose drunter, damit das Kleid besser fällt und ich war bereit für meine erste Ballnacht.
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Marianne und ihre Freundin machten sich inzwischen auch fertig und alsbald machten wir uns auf den Weg in eine kleine Cocktailbar in der Wiener Innenstadt, da wir etwas früh dran waren. Dort tranken wir noch einen köstlichen Cocktail und danach ging es mit dem Taxi weiter zum Rathaus.
Vor dem Eingang war eine lange Schlange in die wir uns einreihten. Schon hier war die bunte Vielfalt zu sehen, die diesen Ball ausmacht. Schließlich waren wir im Arkadenhof angekommen, genossen die Stimmung, die ersten Getränke und ein kleines, typisches Wiener Ballessen, nämlich Sacherwürstel. Nein nein, die haben nichts mit der Sachertorte gemeinsam
Wir flanierten eine Zeit lang durch die verschiedenen Säle. Dabei ging es Stiegen rauf und Stiegen runter. So hatte ich Gelegenheit das Treppensteigen mit Heels (zum Glück hatten die nur da. 5-6 cm Absätze, waren also nicht wirklich "high") und einem langen Kleid zu üben. Ich war die ganze Zeit über auf Wolke 7.
Nach der Eröffnungsveranstaltung - und der obligatorischen Selbstbeweihräucherung mancher Stadtpolitiker - ging es mit verschiedenen Liveacts los. Mal tanzten wir hier, manchmal da. Übrigens - es wurde hier eher nicht Walzer getanzt. So betrachtet ist der Diversityball eigentlich kein typischer Wiener Ball. Da ich ohnehin die Damenschritte beim Tanzen nicht beherrsche, war mir das nur recht, daß hier eher wie in einer Disco getanzt wurde.
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Unter anderem wurde ein "Anbandelspiel" veranstaltet. Am Eingang erhielten alle ein Armbändchen aus Stoff mit einer Nummer drauf. Wenn man nun jemanden mit der gleichen Nummer fand, bekamen beide ein Getränk spendiert. Also haben wir uns eifrig auf die Suche gemacht, was dazu führte, daß wir viele nette Menschen kennengelernt haben. In einem der Tanzsäle trafen wir ein paar Bekannte und siehe da, einer sah meine Nummer 177 und rief laut aus: "Ich weiß wer diese Nummer noch hat!" Und schwupps, nahm er mich bei der Hand und zog mich zu einem zuckersüßen Kolumbianer, der die selbe Nummer hatte. Auf der Suche nach der Bar, wo es das Gratisgetränk geben sollte, unterhielten wir uns prächtig und ich muß zugeben, ich fühlte mich sehr zu ihm hingezogen. Die Suche nach der entsprechenden Bar entpuppte sich als Odyssee und als wir sie endlich fanden, waren dort die Getränke schon aus. Das war uns beiden aber egal, wir hatten viel Spaß bei der Suche. Leider habe ich unsere Unterhaltung ein wenig "versemmelt" als er mich fragte, ob ich denn "frei" wäre. Ich habe ihm nur mit "es ist kompliziert" geantwortet. Die denkbar blödeste Antwort auf so eine Frage. Tja - nun ist es raus - obwohl ich in einer hetero Beziehung lebe, fühle ich mich schon seit längerem auch zu Männern hingezogen. Aber das ist wohl einen eigenen Beitrag wert.
Alles in allem verflog, wie immer während so schöner Momente und Stunden, die Zeit viel zu schnell und irgendwann gegen 1:30 Uhr fragten mich Marianne und Katharina, ob wir denn bald heimfahren sollen? Da ich ebenfalls bereits müde war und meine Füße spürte - um es dezent auszudrücken - willigte ich ein. "Leider" kamen wir am Weg zum Ausgang nochmals bei der Hauptbühne im Arkadenhof vorbei, wo grade eine Coverband den Gästen mit Discohits mächtig einheizte. Also noch schnell eine halbe Stunde das Tanzbein geschwungen und dann aber ab ins Taxi und zu Marianne. Dort wechselte ich wieder zu Rock und Bluse und fuhr überglücklich heim. Nach dem Abschminken und bettfein machen konnte ich noch lange nicht einschlafen. Ich kann mich zwar nicht mehr an meine Träume danach erinnern, aber ich hoffe der süße Kolumbianer kam darin vor.
Vielen Dank an alle, die bis hier her gelesen haben. Ich wünsche Euch noch einen schönen Sonntag.
Alles Liebe
Desiree
PS: Jetzt hab ich noch ein schönes rotes Ballkleid, das ebenfalls bei Gelegenheit ausgeführt werden möchte

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"Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." (Seneca)