Hei ihr Lieben
Heute habe ich so einen richtigen Durchhänger und die Depressionen sind mal wieder schlimmer. Da hilft es mir, einfach ein wenig zu schreiben und mein Leben weiter zu reflektieren. Also kommt hier der nächste Abschnitt und ich wünsche wieder viel Spaß beim Lesen.
Wir schreiben also das Jahr 2012 und Mitte Januar trat ich meine neue Stelle in Hamburg an. Ein neues Aufgabenfeld, neue Rechtsvorschriften und natürlich neue Kollegen. Und dazu kam, dass wir ja auch noch eine neue Wohnung suchen müssen. In Hamburg? Nein, das schied sehr schnell aus. Wir sind beide eher Naturmenschen und dort, wo es in Hamburg schön ist mit viel Natur und Ruhe, da kann man es nicht wirklich bezahlen, wenn man nicht gerade zu Hause so ein nettes Tier hat, was Dukaten scheißt. Also bestand mein Alltag darin, nach Wohnungen außerhalb von Hamburg zu suchen, wenn ich Feierabend hatte. Gar nicht so leicht, da es auch eine gute Bahnanbindung geben sollte. Und da es meiner Frau gesundheitlich nicht so gut ging, musste ich alles alleine organisieren. An den Wochenenden fuhr ich freitags früh nach Thüringen und am Sonntagabend wieder nach Hamburg. Zu der Zeit fuhr die Bahn noch recht pünktlich.

Dann stieß ich auf eine Wohnung in Bad Oldesloe die preislich ganz gut war, auch wenn man die Monatskarte für den HVV dazurechnete. Also fuhr ich einen Abend hin, schaute mir die Wohnung an und sie sagte mir zu. Abend besprachen wir alles und meine Frau war einverstanden. Dann am nächsten Morgen angerufen und die Liste bekommen, was alles einzureichen sei. Ihr kennt das vielleicht. Das war ziemlich Stress, zumal ich immer im Hotel übernachtete. Mitte April 2012 hatte das dann endlich ein Ende und wir zogen nach Bad Oldesloe.
In den nächsten Wochen kamen nach und nach die neuen Möbel, wir strichen die Wände und richteten uns ein. Im Herbst klopfte dann Sabrina mal wieder an. Die Nähe zu Hamburg eröffnet ja jede Menge Möglichkeiten, dachte ich. Also kümmerte ich mich um meine Klamotten und Kosmetik. Und ich wollte ja endlich auch mal die weite Welt erkunden. An einem Sonntag im Herbst war ich sehr mutig, wie ich fand. Ich zog meine neue Damenjeans an, ein Shirt drüber und eine Jeansjacke. Dazu dann die neuen rosafarbenen! Stoffturnschuhe. So gingen wir unsere Runde spazieren. Mein Herz klopfte wie wild, da ich dachte, jeder sieht nur auf die Schuhe, erkennt die Damenjeans und verspottet mich. Aber an der Hand meiner Frau fühlte ich mich sicher und die Leute, die uns begegneten, nahmen keine Notiz von uns. Mein erster kleiner Schritt war geschafft.

Und ich klopfte mir auf die Schultern. Aber ohne meine Frau hätte ich mich wahrscheinlich wieder nicht getraut.
Ich übte also immer wieder, mich richtig zu schminken und übte den weiblichen Gang und wollte dann mit meiner Frau nach Hamburg zu der Selbsthilfegruppe im Kiss in Altona. Als wieder eines der Treffen war, fuhren wir nach Hamburg. Allerdings hatte ich wieder kalte Füße bekommen und bin als Mann gefahren. Wir liefen eine ganze Zeit durch Hamburg und aßen in Altona bei einem Asiaten zu Mittag. Dann war es irgendwann Zeit, zum Kiss zu gehen. Wir fanden auch das Treffen und wurden begrüßt. Mehr leider nicht. Es war sehr schwer, in dieser Gruppe in Kontakt zu kommen. Versuche, einfach mit jemanden zu reden, endeten meist nach 2 bis 3 Sätzen. Das Gefühl hatte meine Frau auch so. Regina und Juliane sehen es mir an dieser Stelle nach. So beschloss ich, hier nicht wieder herzukommen.
Zum Jahresende und zu Beginn des Jahres 2013 war bei mir sehr viel Stress an der Arbeit. Im Mai startete die neue Organisationsform und bis dahin mussten wir unsere Akten, die wir abgeben mussten, auf den aktuellen Stand bringen. Das bedeutete viele Überstunden. Dazu kam, dass es meiner Frau gesundheitlich nicht gut ging und ich ihr viel helfen musste, was ich sehr gerne tat. So blieb für Sabrina keine Zeit mehr. Anfang Mai besuchte ich dann meine Eltern und stellte fest, dass ich kaum noch in der Lage war, spazieren zu gehen oder sonst etwas zu machen. Ich saß sehr lange auf einer Bank am Wald und dachte über mein Leben nach. So kann es nicht weitergehen, dachte ich und machte die Arbeit für meine Situation verantwortlich. Wieder in Schleswig-Holstein nahm ich mir eine Auszeit, da es mit den Depressionen nicht besser wurde. Wie auch, wenn ich nichts geändert habe?! Aber da war ich noch recht unbedarft zu der Zeit. Und da ja einen echten Kerl nichts umhaut, so dachte ich, arbeitete ich dann wieder nach 4 Wochen. Das funktionierte aber nur bis Anfang August, dann ging nichts mehr. Ich rutsche in meine nächste tiefe depressive Phase. Vielleicht kennt ihr so was ja auch, wenn selbst der Gang zur Toilette einfach zu viel wird. So suchte ich mir einen Psychiater und dann ging es wieder mit den Antidepressiva los, die mir aber bis auf die Nebenwirkungen keine Hilfe waren. Nur Dank meiner Frau kam ich Anfang 2014 aus dem Tief heraus und konnte dann wieder arbeiten. Ich machte jetzt weniger Überstunden, und begann nach langem Suchen im Mai 2014 eine Psychotherapie.
Zunächst ging es nur um die allgemeinen belastenden Situationen an der Arbeit und zu Hause. Dann nahm ich aber meinen Mut zusammen und erzählte der Therapeutin von Sabrina, wie lange es schon ging und wir begannen, tiefenpsychologisch zu arbeiten. Die Zeit hätte ich mir eigentlich sparen können, wenn ich das heute so betrachte. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Aber ich ging einen Schritt weiter. Bisher kannte nur meine Frau Sabrina, sonst aber niemand. Und so schrieb ich meinen Eltern Ende September 2014 einen Brief und erklärte, dass es Sabrina gibt. Und ich legte ein Foto bei. Ich bat meine Frau, den Brief einzuwerfen, damit ich es mir nicht noch anders überlege. Ich kenne mich und meine kalten Füße ja recht gut.
Dann hieß es warten. Was sagen sie? Verstehen sie mich? Verachten sie mich? Mir gingen so viele Gedanken durch den Kopf. Dann rief mich meine Frau an der Arbeit an. Sie hatte mit meiner Mutter gesprochen und sie sagte, dass es meine Eltern sehr gut aufgenommen haben. Meine Frau hatte da auch sehr viel zu erzählt, dass es eben kein Fetisch ist und die Denkweise entsprechend in die richtige Richtung gelenkt. Das vielen mir wieder jede Menge Steine vom

. Bei meinem nächsten Besuch im November bei meinen Eltern war Sabrina Thema und und ich bekam viel Verständnis. Leider schlief dieses Interesse seitens meiner Eltern und meiner Schwester alsbald ein. Aber ich weiß, dass sie mich trotzdem nicht verstoßen und dieses Wissen hilft mir aktuell sehr auf meinem Weg.
In den kommenden Monaten nahm Sabrina wieder deutlich mehr Raum in meinem Leben ein. Und ich beschäftigte mich mal wieder damit, ob ich nicht doch als Frau weiterleben möchte. Ein Gedanke, der immer wieder kam und kommt, ihr kennt es sicherlich. Bei einem meiner Termine bei meinem Neurologen in Hamburg nahm ich dann Fotos von Sabrina mit und erzählte ihm davon. Bis dahin dachte ich eigentlich, er sei sehr verständnisvoll und empathisch. Aber hier war er sehr schroff zu mir, meinte nur, das sei nicht sein Thema und da müsse ich nach Eppendorf in die Klinik. Mehr nicht. Das fand ich sehr enttäuschend, aber Menschen kann man ja nicht ändern. Also nahm ich das so hin und besprach das mit meiner Psychologin. Aber auch hier fand ich nicht das richtige Gehör, da wir ja viel in meiner Vergangenheit rumwühlten. Also machte ich es mit mir selber aus.
Im April 2015 war es dann endlich so weit. Es war nicht mehr länger zum Aushalten und so machte ich mich zurecht, packte meine Handtasche und dann ging ich tatsächlich zum Bahnhof. Meine Frau konnte leider nicht mit, machte mir aber ganz viel Mut.

Ich fuhr nach Hamburg, besuchte die Switch-Selbsthilfegruppe und fuhr mehr als zufrieden wieder nach Hause. Es schauten viele Menschen, auch bei der Fahrkartenkontrolle im Zug, aber mehr auch nicht. Ob es unsere Nachbarn bemerkten weiß ich bis heute nicht. Zumindest hat mich nie jemand drauf angesprochen.

Der Anfang war gemacht. Und wie ging es meinem Inneren? Dort herrschte Chaos hoch 10. Ich war draußen und es fühlte sich so richtig, so stimmig an. Und es sollte nicht enden. Aber ich bin ja ein Mann, der sich um seine kranke Frau kümmern, den Haushalt organisieren und arbeiten muss. Da kann Sabrina ja "nur" ein Hobby sein, ein kleiner Teil, mehr nicht. Ja, so muss es sein und dass ich mir hier selber in die Tasche lüge, diese Erkenntnis kam erst viele Jahre später.
In den nächsten Monaten machte ich mich daran, mich mit einer Geschäftsidee selbstständig zu machen. Das kostete viel Zeit und Kraft und für Sabrina blieb wieder keine Zeit, nur zu Hause immer mal wieder. Aber so kannte ich es ja. Trotzdem war ich recht zu frieden, dachte ich. Doch mir fehlte etwas. Der Nervenkitzel, nach draußen zu gehen? Ja, es ist aufregend, auch Angst dabei, aber es ist noch ein anderes Gefühl, etwas Tieferes, nicht wirklich fassbar. Und so stand bald Weihnachten vor der Tür und dann machte meine Frau mir einen richtig tollen Vorschlag. Welchen? Das kommt beim nächsten Mal.
Ich danke euch, wenn ihr bis hier durchgehalten habt. Mir hat das Schreiben jetzt sehr geholfen, mich wieder geerdet und ins Hier und Jetzt zurückgebracht. So kann ich mich jetzt ums Abendessen kümmern und laufe nicht Gefahr, wieder ins Grübeln zu kommen. Einfach auch mal ein großes Dankeschön, dass ich hier sein darf.
