Lana hat geschrieben: Sa 16. Mai 2026, 01:07
Liebe Martina,
hab ganz lieben Dank für die Einblicke in deine Gefühls- und Gedankenwelt!
Ich bin immer hin- und hergerissen, ob ich bei solchen oder ähnlichen Aussagen was dazu schreiben soll:
Da denke ich mir jedesmal:
Woran liegt es, dass ihr das, was sich gut anfühlt und womit ihr euch wohlfühlt, nicht auslebt? Welche gravierenden "sozialen Konsequenzen" sind so schwerwiegend, dass ihr das eigene Leben dahinter zurück stellt? Wovor habt ihr Angst? Ich meine, was ist es wirklich, das euch einen so wichtigen Teil eures Lebens die meiste Zeit verstecken lässt?
Habt ihr Angst vor der eigenen Courage?
Davor, dass da etwas "ausbrechen" könnte, das sich nicht mehr einfangen lässt?
Ist es die Angst vor dem Kontrollverlust, die euch daran hindert, euch einfach mal vom Leben treiben zu lassen? Ohne genau zu wissen wohin, ohne selbst am Ruder zu sitzen?
Liebe Lana,
Deine Gedanken und Fragen sind keinesfalls übergriffig oder anmaßend, sondern ehrlich und diskursanregend. Also erstmal vielen Dank, dass Du Dich doch entschlossen hast, zu schreiben. Anstand und Höflichkeit stehen der Ehrlichkeit öfters mal im Weg, und das mag dann ok sein, wenn man mit dem Gegenüber keinen offenen Diskurs, aus welchen Gründen auch immer, haben möchte. Der Diskurs aber ist das Element, das Potential für Veränderung und damit für Leben in sich trägt.
Du hast eine Reihe von Fragen an „uns“ formuliert. Ich kann selbstverständlich nur für mich sprechen. Am stärksten polarisieren Deine Fragen zur Angst vor der eigenen Courage und vor dem Kontrollverlust. Ja, diese Fragen sind absolut berechtigt, und nein, Angst ist bei mir nicht im Spiel – zumindest spüre ich keine. Die Angst unterliegt m.E. Naturgesetzen:
1. Die Angst zieht genau das an, wovor sie sich fürchtet.
2. Tue, wovor du dich fürchtest, und die Angst verschwindet.
Mag widersprüchlich erscheinen auf den ersten Blick. Es bedeutet nach 1. nur, dass das Gefürchtete eintreten wird, wenn ich angstvoll agiere. Das Tun nach 2. setzt natürlich voraus, daß man es nicht angstvoll tut, sondern mit klarem Verstand und Vergegenwärtigung und Berücksichtigung der mit dem Tun verbundenen Risiken.
Damit käme ich schon zum Fazit: Nein, ich habe keine Angst, sondern betreibe eigentlich nur Risikomanagement.
Ich antizipiere gleich die Gegenfrage „welche Risiken denn?“ und gebe gerne tieferen Einblick in meinen Status Quo.
Die Subsumption resultiert im Wesentlichen in wirtschaftlichen Risiken, und ich schicke voraus, dass ich ein „niemals“ kategorisch ausschließe, sondern einen evtl. geeigneten Zeitpunkt in den Blick nehme, von dem ich nicht weiß, ob er jemals eintreten wird und ich dann evtl. einen anderen Kurs einschlage. Über die gesamte Gemengelage hatte ich auch vor wenigen Monaten einen aufwendigen ergebnisoffenen Diskurs mit ChatGPT, der meine persönlichen wie beruflichen Themen zum Gegenstand hatte. Die Analyse beider Sphären nebst Bewertung hat die KI super auf den Punkt gebracht, lediglich bei der Strategieableitung blieb’s unbefriedigend – da fehlt der KI dann doch die erforderliche Kreativität und ich bin auf meinen eigenen Input angewiesen. Die mehrfach geäußerte Fürrede aus meinem Umfeld, ich sollte in die universitäre Lehre umsiedeln, klingt absolut nett, wäre wirtschaftlich aber in meinem Fach eher als Liebhaberei beim Finanzamt zu deklarieren. —> Option ausgeschieden, obgleich Martina da sicher Spaß gehabt hätte.
Im privaten Umfeld respektiere ich die Tatsache, dass Menschen unterschiedlich gut mit meinem Genderfluidum klarkommen, schließlich war diese Tatsache noch vor wenigen Jahren gar kein Thema in meinem Leben. Das ist für mich ein Gebot der Fairness. Und das gilt ganz besonders für mein engstes Umfeld, angeführt von meiner Frau und den 2 Söhnen mit 14 und 18 Jahren – ja, auch da war ich Spätzünder. Meine Frau arrangiert sich mittlerweile sehr gut mit den Tatsachen; ich kann meine Erlebnisse berichten und achte nur darauf, keine Details über mein Äußeres mitzuteilen, denn sie hat einerseits ein großes Problem, Martina verkörpert anzusehen und andererseits logisch auch ein Problem, wenn detailreiche Schilderungen das Kopfkino befeuern und Bilder erzeugen. Gerade gestern Abend – wir haben just eine 2er-Auszeit am Gardasee für uns, wie jedes Jahr, und dieses Jahr wohl erstmals ohne existentielle von Martina ausgelöste Sorgen – konnte ich ihr erzählen, dass die im vergangenen Jahr entstandenen sozialen Kontakte der Martina ganz viel Druck vom Kessel genommen haben. Das hat sie sichtlich gefreut und führt womöglich auch bei ihr zu weiterer Entspannung. Ob sich dadurch neue private Optionen eröffnen, bleibt abzuwarten. Für mich ist nur dieser Grundsatz klar: Ich möchte mich nicht trennen, und solange man gemeinsam auf dem Weg ist, bestimmt immer der langsamere Teil das Tempo. Mir sind deshalb Auszeiten wie diese so wichtig, weil sie den Nährboden für Veränderung und Offenheit mitbringen. Der Große kennt mein Thema seit 2 Jahren und ihn juckt’s nicht; der Kleine weiß noch nichts davon, aber das wird sich in absehbarer Zukunft ganz sicher auch noch ändern.
Aber zurück zu den wirtschaftlichen Aspekten, die maßgeblich dafür stehen, wie wir leben können. Einschnitte hier würden unmittelbar zu Einschnitten dort führen. Nun nehme ich mich selbst nicht so wichtig, dass ich aufgrund meiner sich ergebenden persönlichen Lage meinen Liebsten sofort Einschnitte zumute, wenn ich’s selber vermeiden kann. Natürlich würde es mit weniger gehen, aber das würde Anstrengungen eben nicht nur meinerseits bewirken. Und so traurig es ist – Bildungschancen haben doch auch einiges mit wirtschaftlichen Möglichkeiten zu tun - , möchte ich keinesfalls die Chancen meiner Kinder schmälern. Als Spätzünder ist’s evtl. sogar nötig, dass ich auch über die Regel-Altersgrenze hinweg erwerbstätig bleibe. Wir werden sehen, ob und wieviel Irrwege sich die Brut leistet – ich war damals auch nicht gleich auf dem richtigen Gleis.
Ich versuche, meine Erwerbssphäre kompakt zu schildern, was schwerfällt, da meine Vita diesbezüglich ein absolutes Unikat darstellt und ich in meiner Branche daher in puncto Know-how auch ein ziemliches Unikat bin.
- Seit über 30 Jahren im mittelständischen Ingenieurbüro mit über 300 Mitarbeitenden
- Autokratische und sehr erfolgreiche Führung durch den Allein-Gesellschafter in den Branchen-TopTen, mit einer stark kompetitiven Führungs-Substruktur – bis zum Generationswechsel vor wenigen Jahren
- Seit dem Generationenwechsel ein m.E. einigermaßen vergeigter Kulturwandel trotz Aufnahme von Mitarbeitenden als Gesellschafter
- Mehrköpfige Geschäftsführung mit z.T. stark ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeiten
- Erweiterung der Geschäftsführung just zu der Zeit, als ich mein erstes Outing hatte; „Diversität“ wurde als programmatisch proklamiert und mit der Etablierung einer (Quoten-) Frau in der Geschäftsführung gefeiert, die erklärtermaßen aber nicht als Quotenfrau gesehen werden darf. Um Missverständnisse zu vermeiden: Diese Frau ist menschlich absolut anständig und offen – da komme ich mit ihr bestens klar - , jedoch fachlich lange nicht ausreichend gerüstet. Natürlich wäre ich eine Option für diese Besetzung gewesen, aber ich sehe da überwiegend mein biologisches Geschlecht als Hindernis zum damaligen Zeitpunkt.
- Die Indikatoren des Unternehmens zeigen konstant bergab. Der Prophet im eigenen Haus wird nicht gehört; die dominant-narzisstischen Teile der Geschäftsführung müssen den Propheten als Besserwisser, Klugscheisser und Kniebohrer empfinden, da er Fragen stellt, die eigentlich sie selbst ehrlich stellen müssten, es aber nicht tun, weil die Antworten zu unangenehm sind und an der Selbstherrlichkeit nagen. Als Trendursachen werden unsubstantiiert wechselnde Parolen ausgegeben, völlig wirkungslos.
- Da habe ich noch knapp 7 Jahre vor mir, als Stachel im Fleisch der Unternehmensführung (nicht des Gründers, der für Tacheles-Ansprache offen ist, auch wenn’s wehtut). Bin quasi unkündbar und in einer etablierten Rolle, deren Wortmeldung in der Geschäftsführung schnell zu Unbehagen und in der nächsten männerdominierten Führungsstruktur für Aufmerksamkeit sorgt.
Das ist mein Kapital, und in einem unglücklicherweise männlich-narzisstisch geführten Mittelstandsunternehmen im konservativsten Teil Deutschlands möchte ich dieses nicht leichtfertig verspielen. Das Gedankenspiel, Martina in mein Berufsleben einzuführen, habe ich schon mannigfach angestellt, aber ein unter’m Strich vorteilhafter Schachzug wurde noch nicht ersichtlich. Rein menschlich hätte ich größte Lust, die relevanten Protagonisten mit Martina zu konfrontieren, aber die persönliche Lust halte ich besser unter Kontrolle. Alles kann, nichts muss: Mit dieser Devise sehe ich der Veränderung des Lebens und weiterer Indikatoren zu. Ob und wann sich zuträgliche Optionen für die Martina ergeben, wird sich zeigen. Die Brechstange jedenfalls war noch nie mein Mittel der Wahl, eher die Beharrlichkeit und Ausdauer.
Das war nun recht umfangreich, aber kürzer geht’s kaum, um verständlich zu machen, warum ich mit dem Kompromiss lebe. Vor 3 Jahren existierte dieser Kompromiss noch gar nicht. In 3 Jahren hat sich irre was bewegt, zumindest bei mir. Nichts davon konnte ich prophezeien und bin doch einverstanden mit dem Erreichten. Dass das nicht das Ende ist, ist selbstredend. Was in 3 Jahren sein wird? KEINE AHNUNG!!! Langeweile bestimmt nicht.
Im Übrigen: Sollte man aus meinen Zeilen eine Klage herauslesen können, dann sei angemerkt, dass das für mich eine Klage auf komfortabelstem Niveau ist. Mir ist klar, dass viele in deutlich unangenehmeren Verhältnissen klarzukommen versuchen. Seit Martina in meinem Leben ist, sehe ich mich eher als Glückspilz denn als Opfer oder üble Laune der Natur.
Liebe Grüße!
Martina