Hallo meine Lieben,
so, der Rocky-Horror-Picture-Show-Abend ist "Geschichte". Und deshalb habe ich nun auch eine (eigentlich sogar zwei) Geschichte/n zu erzählen.
Gestern war ich das erste Mal mit meiner Freundin en femme unterwegs. Da abzusehen war, daß es eher spät werden würde, bin ich mit dem Auto zu meiner Freundin gefahren und erst von ihr sind wir dann gemeinsam mit der U-Bahn zum verabredeten Treffpunkt, einem Lokal in der Nähe des Kinos, gefahren. Also gleich noch eine Permiere - ich war das erste mal en femme mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.
Die beiden Freunde meiner Freundin, eine ehemalige Arbeitskollegin und ein ehemaliger Arbeitskollege staunten nicht schlecht, als wir uns schon vor dem Lokal begegnet sind. Erst dachten Sie: "Mit welcher Frau kommt sie den da?"

Im Lokal kamen dann nur kurze Fragen, wie ich denn das Makeup hinbekommen hätte, ob ich Hilfe meiner Freundin hatte, usw. Und sie meinten, ich sähe toll aus. Aufgrund der Erklärung, ich würde als Janet zur Filmaufführung gehen, haben sie es offensichtlich nicht gerafft, daß bei meinem femininen Auftreten mehr als nur "Janet" dahinter stecken könnte. Ich habe kurz überlegt, ob ich mich von mir aus outen soll, habe es aber letztendlich bleiben lassen. Ich habe das "nicht weiter Nachfragen" als Zeichen des "Universums" gedeutet.
Vom gestrigen Abend habe ich leider nur Fotos mit der gesamten "Truppe" und die kann und möchte ich zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte der anderen hier nicht zeigen. Mein Outfit habe ich schon mal hier im Forum gezeigt:
viewtopic.php?t=29958&start=210#p410820. Ich finde, das hat recht gut als Janet-Outfit gepasst.
Die Filmaufführung selbst war eine "Mitsingaufführung", d.h es wurden bei den Songs die Texte als Untertitel eingeblendet und der gesamte Kinosaal hat bei allen Klassikern der Rocky Horror Picture Show kräftigst mitgegröhlt - äh mitgesungen

Außerdem bekamen alle beim Einlaß ein Goodiebag mit Luftschlangen, Spritzpistolen und sonst noch allerlei Requisiten, die bei den entsprechenden Szenen im Film dann auch heftigst zum Einsatz kamen.
Nach der Vorstellung gegen 23:00 Uhr sind meine Freundin und ich dann mit der U-Bahn zu ihr gefahren und ich hatte noch eine unspektakuläre Heimfahrt mit dem Auto.
Aus meiner Freundin wurde ich den ganzen Abend über nicht schlau. Ich konnte keinerlei Emotion an ihr erkennen, an der ich ablesen hätte können, wie sie nun zu Desiree steht. Ich möchte sie auf jeden Fall bei nächster Gelegenheit darauf ansprechen. Mich interessiert, wie es für Sie war, mit mir als Desiree auszugehen und vor allem wie es sich für sie angefühlt hat.
Ah ja - apropos meine Angst, jemanden bei mir im Treppenhaus zu treffen. Gestern habe ich beim Weggehen meine vis-a-vis Nachbarin getroffen. In dem Moment, als ich grade meine Wohnungstür öffnen wollte, kam sie heim. Eigentlich hätte ich auch warten können, bis sie ihre Wohnungstür zugemacht hat. Aber ich hab einfach meine Tür geöffnet und mich ihr als Desiree gezeigt. Sie ist eine der NachbarInnen, bei denen ich ohnehin kein Problem gehabt hätte, wenn ich sie mal zufälligerweise als Desiree getroffen hätte. Sie ist eine ganz eine nette und sie kennt mich seit meiner Geburt und ich bin mit ihren Kindern aufgewachsen. Sie war ganz hin und weg von meinem Anblick und hat mir total begeistert Komplimente gemacht.
Und heute gab es gleich noch einen Ausgang en femme. Nachdem die Vereinsaktivitäten des Trans-Vereines, bei dem ich seit einem Jahr Mitglied bin, aufgrund der Schließung des Vereinslokales in nächster Zeit wohl eher gegen Null gehen werden, habe ich schon vor einiger Zeit begonnen, mich nach Alternativen umzusehen. Unter anderem bin ich so auf das "Regenbogencafe" aufmerksam geworden, das einen Safe-Space für queere Menschen bietet und jeden ersten Montag im Monat in einem sogenannten Nachbarschaftszentrum stattfindet, leider nur ca. 1,5 Stunden dauert und immer ein anderes Thema bzw. Motto hat. Heute war das Motto "Discoabend" und ein DJ hat in dem kleinen Raum ordentlich Stimmung gemacht. Es waren zwar nicht viele da, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Und so habe ich das erste Mal als Desiree - zum Teil sogar (fast) ausgelassen - getanzt, was für den maskulinen Teil in mir ja eigentlich undenkbar wäre, denn der ist ja voll cool und wippt höchstens ein bissl im Takt herum

Tja - Girls wanna have fun
Hin bin ich - sogar bei Tageslicht - zu Fuß (ist nur eine knappe halbe Stunde) und heim in Begleitung eines Teilnehmers dann wieder mit der U-Bahn. Ich weiß, für viele von Euch ist das nichts Besonderes (mehr), für mich war das gestern und heute schon eine große Sache.
Ich habe es ja ohnehin schon "tausendmal" in Euren Beiträgen gelesen: Es nimmt im Alltag in der Öffentlichkeit kaum jemand wirklich Notiz von einem/unsereins. Ich mußte es einfach mal selbst erleben, um das auch wirklich nachvollziehen zu können. Klar gab es den einen oder anderen genaueren Blick in meine Richtung, aber ganz ehrlich, ich kann nicht mal sagen ob das an meinem Auftreten lag oder einfach weil manche Leute grundsätzlich mitunter genauer hinsehen. Als Mann nehme ich solche genaueren Blicke im Alltag möglicherweise gar nicht wahr, weil ich en homme meine "Antennen" nicht so weit ausgefahren habe.
Nachdem die Temperaturen nun langsam in Richtung November gehen, konnte ich auch gleich meine neue Winterjacke zum ersten Mal ausführen:
Quelle: https://up.picr.de/50235956hr.jpg
Ich wünsche Euch noch einen schönen, restlichen Abend und eine gute Woche.
Alles Liebe
Desiree
"Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." (Seneca)