Hach ja, die liebe Stimme, Segen und Fluch
Du fragtest nach Empfindungen zur Stimme. Nun, das ist bei mir sehr ambivalent. Ich habe meine alte Stimme nicht abgelehnt. Sie war da und eigentlich ganz OK, dachte ich. Das war etwas anderes als bspw. bestimmte Klamotten - ich habe mir nie etwas aus männlichen Klamotten gemacht und besonders markant männliche Dinge wie Kravatten und Ähnliches wirklich abgelehnt. Ich bekam schon regelrechte Beklemmungszustände bishin zu einsetzenden Athemeinschränkungen davon (und nicht weil sie zu eng war

Doch meine Stimme? Nuja, sie war halt da, immer schon.
Zu Anfang meiner Transition war das auch alles noch unproblematisch. Doch je mehr ich out war, in desto mehr Lebenssituationen musste ich nun auch bestehen. Die ersten Telefonat um Termin für irgendetwas auszumachen waren nicht schön. Ich schämte mich fast meinen neuen Namen zu sagen, weil ich wusste, dass die Person am anderen Ende der Leitung völlig verwirrt sein musste. Und so begann mein Zwiespalt zwischen "eigentlich ganz OK" und "oh Göttin, das geht so nicht!".
Für eine Zeit gewann dann der Wunsch etwas zu ändern und ich probierte, mit etwas Unterstützung von der SHG in Koblenz (das ist jetzt vier Jahre her) die "Finding my female voice" Methode. Ich merkte schnell, wenn ich da nicht täglich dran arbeite, dann wird das nichts. Und diese Arbeit machte mir wiederum Angst, denn das fühlte sich mich falsch auf eine Weise an, als wollte ich da dabei etwas künstlich darstellen, was ich nicht bin. Das gefiel mir auch nicht, also ließ ich es erstmal wieder bleiben (und auch weil die Fahrten von Siegen nach Koblenz etwas doof waren).
Im Beruf war ich immer mehr out und am Anfang hat man dann ja noch am meisten mit den Leuten zu tun, zu denen man gerade rausgekommen ist. Die wissen also, dass man trans* ist und dann spielt die Stimme keine Rolle. Doch mit der Zeit kommen zwangsläufig neue Personen dazu, neue Kund_innen, neue Liferant_innen etc. Immer mal wieder kam es dann vor, Anruf "<bla bla Firma>, Nicole F., Guten Tag!" - "Ja Herr F., hier ist ... von ..." und hätte am liebsten gleich wieder aufgelegt. Das zehrte etwas an meinen Nerven.
Glücklicherweise habe ich nicht so super viele mit neuen Kontakten zu tun, daher kam es nicht so oft vor und es kümmerte mich bald nicht mehr so. Was ich über die Jahre nicht mehr so realisierte war, dass es auch immer seltener passierte, also das ich am Telefon falsch gelesen wurde. Ja, ich gebe zu, ich bemühe mich ein wenig. Oder Bemühen ist vielleicht das falsche Wort, ich achte ein wenig auf meine Stimme, so wie ich auf, sagen wir mal, meine Kleidung achte. Aber ich verstelle mich nicht. Es hat sich damit über die Jahre von alleine ganz gut geregelt, was schön ist
Was ich vor allem bemerkt habe ich, dass es super wichtig ist die Brustraum-Resonanz kontrollieren zu können. Sobald der Brustkorb mit schwingt, ist es vorbei. Da sind dann vielleicht noch die oberen Frequenzen da, aber der Bass von unten macht alles kaputt. Also: Resonanz kontrollieren!
Eine andere Beobachtung habe ich auch gemacht. Die Sprechweise und Höhe ist bei mir an die Sprache gebunden. Ich war Ende letzten Jahres für 1/4 Jahr in den USA und da klappte fast gar nichts mehr! Sobald ich Englisch rede ist es vorbei. Das ist, wie die ganze Gewöhnung (Training) fast neu machen zu müssen. Entsprechend wurde ich wieder am Telefon misgendert etc. etc. - gruselig.
Das ist es auch was mich am meisten beim Thema Stimme nervt - misgendert zu werden, vor allem am Telefon. Denn man merkt dann oft auch schnell, dass es nicht nur das "hoppala, das tut mir jetzt leid" ist, sondern es stört nachhaltig die Unterhaltung, die Person am anderen Ende denkt noch darüber nach und kommt nicht darüber hinweg. An anderen Tage singe ich voller Inbrunst bei Cat Stevens oder Crash Test Dummies (Hmm hmm hmm

mit - also recht tief und tiefer. In diesen Situationen mag ich meinen Bass, es macht mir Spaß und auch Spaß damit zu spielen. Mein Traum ist es, irgendwann einmal eine Person so richtig damit zu schockieren - nett zurecht gemacht, hübsches Kleid, ein wenig Small Talk und dann zu einer passenden Gelegenheit den Bass rauszuholen

Für einen zweistimmigen Witz oder so? Weiß noch nicht. Vielleicht am besten einen trans* Witz, doch davon gibt es kaum welche, leider.
Also, das sind so meine Empfindungen dazu...
PS: Die App ist toll, danke für den Tipp (und auch noch OpenSource, cool!) - ich komme bei einem ersten Schnelltest auf
Gesamtdurchschnitt 209Hz, Minimum 139Hz, Maximum 277Hz, Durchscnitt Min. 181Hz, Durchscnitt Max 242Hz, "überwiegend weiblich" - aha, na dann, wenn Frau Doktor das sagen
Liebe Grüße
nicole